Gestalten des Zeitgeistes

Vorgestellt: Der Zeitgeist

Markus Müller Ich gebe es zu: Ich liebe den Begriff Zeitgeist nicht sonderlich. Zu oft musste ich mir anhören, wie der Zeitgeist als Ursache von fast allem, was schwierig erscheint, herzuhalten hatte. Trotzdem: Verzichten wir auf den Begriff, wird dadurch nicht das Phänomen beseitigt, das dieses Reizwort zu beschreiben versucht. Fazit: Es ist geradezu unverzichtbar, sich dieser Thematik zu stellen. Und es lohnt sich.

Sicher gehören Sie, wie ich, zu jenen Menschen, die ab und zu bei Freunden, Nachbarn oder andern Nah- bzw.Fernstehenden eingeladen sind. Sie klingeln an der Tür. Sie treten ein. Und dann kommt Ihnen etwas entgegen – mit Worten und ohne Worte. Es ist eine Art Atmosphäre, die Ihnen entgegenspringt. Sie sagen dann (zumindest für sich): Hier liegt etwas Einladendes, etwas Hoffnungsvolles, etwas Zuvorkommendes in der Luft, vielleicht aber auch etwas Hektisches, etwas Schweres, etwas
Bedrückendes, etwas Abweisendes … Gewollt oder ungewollt: Damit gehen Sie um. Sie beurteilen. Sie deuten.
Ihr bisheriger Eindruck von den einladenden Personen wird bestätigt oder in Frage gestellt. An Ihrer Mimik ist erahnbar, was in Ihnen vorgeht. Klar ist: Was Ihnen da entgegenkommt, beeinflusst und prägt Sie in den darauffolgenden Minuten, vielleicht den ganzen Abend, vielleicht in den kommenden Monaten – bewusst und unbewusst.

Der Wind, der durch eine Zeitepoche weht
Würden unsere Urgrosseltern – sie lebten vor rund 100 Jahren – nicht nur in unsere Wohnung, sondern in unsere Zeit (die ersten 20 Jahre des 21. Jahrhunderts) und in unseren Raum (das deutschsprachige Europa) eintreten, würde es ihnen vermutlich sonderbar ergehen. Auch ihnen würde etwas entgegenkommen. Zweifelsohne wären sie nicht wenig verblüfft über Befürchtungen, Träume, Erzählungen, Leidenschaften, Sehnsüchte, Denkarten, Schlagwörter, Überzeugungen, Wahrheiten, Werte und Ideen «unserer Zeit». Auf ihren Gesichtern wären wohl einige deutungswürdige Sorgenfalten und Blicke erkennbar. Über kurz oder lang würden sie ihrer Irritation Ausdruck verleihen und Fragen stellen: Was soll dieser Kampf um die Arbeitszeitverkürzung, um Managergehälter und gegen das Ausbrennen der eigenen Kräfte, dieser Kampf für das Klima, die Selbstbestimmung des Einzelnen und dessen Wohlergehen; was soll der Widerstand gegen Zumutungen und Leid, der Einsatz für Ausländer, Frauen und die Befreiung der Sexualität; warum die
andauernde Rede über das Empfinden und die Gefühle, um das «würdige» Altwerden und das sanfte Sterben? Keine Frage: Durch all diese Themen weht ein ganz bestimmter Wind, der typisch ist für die Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts. Wohl ein recht anderer Wind als vor 100 Jahren.

Die seelische Grundstruktur der Zeit
Es war der italienische Philosoph Giovanni Pico della Mirandola1 aus Florenz, der in der Zeit der frühen Renaissance der Menschheit empfahl, doch ihr «eigener Werkmeister und Bildner» zu sein. Logisch, dass damit auch Versuche folgten, den Menschen und die Menschheit zu verstehen, zu erklären und zu deuten.
Einer der wohl ausführlichsten Versuche, den Zeitgeist der Moderne zu deuten, stammt von Egon Friedell2. Jedes Zeitalter, jede Zeit hat seinen bzw. ihren Geist und eine je eigene «Geistes-Geschichte». Nichts kann sich herausbilden, wenn nicht Zeit, Klima, Lebens- und Denkart, Bedürfnis, Ideale, Anschauungen, Meinungen oder Moral den Anlass dazu geben. Und natürlich gilt auch das Gegenteil: Es formt sich nur das aus, was die seelische Grundstruktur der Zeit, also der Zeitgeist, zulässt und will. Die Geschichte der Meinungen – des Zeitgeistes – erklärt die Geschichte der Taten. Für Friedell war klar: Historisch denken, die Sache in inneren Geistes-Zusammenhängen sehen, die Wirklichkeit «aus dem Geist heraus begreifen», unser Tun aus den «Nervenzentren» he­raus zu bedenken: Darin besteht unsere Verantwortung3. Erfolge von Eroberern und Königen «sind nichts» im Vergleich zu einem grossen, im Zeitgeist mitschwimmenden, die nachfolgende Geschichte fundamental ausrichtenden Gedanken.

Was will der Zeitgeist?

Unsere Urgrosseltern würden genauso wie Menschen aus uns fremden Kulturen über kurz oder lang u.a. folgende «Zeitgeist»-Phänomene zur Sprache bringen bzw. über die folgenden Merkmale der seelischen Grundstruktur unserer Zeit reden wollen:

  • unsere unbändige Liebe zur gelingenden Gegenwart
  • unser eigenartiges Verhältnis von äusserem Reichtum und innerer Armut
  • das Individuum und seine Abhängigkeit vom sozialen Urteil
  • unsere Skepsis gegenüber der Normalität und unsere Selbstzweifel
  • unsere Angst vor Zumutungen.


«Es ist schon so», würden die Urgrosseltern anmerken, «bei uns war es völlig selbstverständlich: Wir wollten einfach, dass es unseren Kindern und Kindeskindern besser geht als uns. Die Gegenwart war Mühe und Last. Für uns lag das Glück in der Zukunft. Damit dieses Glück eintreten konnte, waren wir bereit, jedes Opfer auf uns zu nehmen.» – «Kennt ihr», so würden sie uns verunsichert fragen, «eigentlich etwas, wozu es sich zu leben und zu sterben lohnt? Statt auf Hoffnung stossen wir bei euch 100 Jahre nach uns auf eine Art Leere und Desinteresse, was Zukunft und Vergangenheit betrifft.»
Wir können uns die Fortsetzung des Gesprächs gut vorstellen. Fragen über Fragen kommen auf den Tisch. Etwa: «Existiert bei euch eigentlich etwas ausserhalb von Berechnung und Besitzvermehrung, ausserhalb von Geld, Diplomen und Statussymbolen? Gibt es bei euch überhaupt so etwas wie einen inneren Menschen, so etwas wie das Herz, die Zufriedenheit, die Dankbarkeit, die Grosszügigkeit? Welche Rolle spielen bei euch Bedürftigkeit, Schwäche und Begrenztheit? Verkennt ihr möglicherweise jene Schönheit, die darin liegt, auch mal schwach sein zu dürfen? Seid ihr so weit gekommen, dass ihr zwar äusserlich unbeschreiblich reich, aber innerlich elend arm seid? Warum rackert ihr euch so sehr für die Festigung und Mehrung der Aussenwelt und der Oberfläche ab, vergesst aber die Innenseite eures Lebens? Warum muss alles äusserlich derart gut funktionieren? Wieso eigentlich pfercht ihr alles in Systeme? Ist eure Systematik geeignet, lebenswertes Leben im 21. Jahrhundert hervorzubringen? Worin liegt denn der tiefere Sinn eures Bedürfnisses, alles Leben in messbare Kompetenzen zu fassen? Was soll eure unübertreffliche Betonung des Individuums und dessen Selbstbestimmung? Ist es euch entgangen, dass das ‚Ich’ nur an einem liebevollen und verbindlichen ‚Du’ reifen kann? Und wieso gibt es bei euch den massiven Druck, beeindrucken zu müssen? Was soll eure Uniformierung und dieser Anpassungsdruck? Warum sind so viele Menschen gleichgeschaltet, obwohl das höchste eurer Ziele die individuelle Selbstbestimmung ist? Und: Was soll der unüberhörbare Selbstzweifel an euch selber?» Höhepunkt des Gespräches könnte die Frage sein: «Habt ihr denn alles abgeschafft, was über den Tod hinausweist?»

Das Verbot, politisch unkorrekt zu sein
Seit rund 30 Jahren «geistert» ein sehr spezielles Wort durch unsere Kolumnen und Kampagnen. Es lautet «politisch korrekt». «Politically correct», so muss alles sein, was öffentlich kundgetan wird.
Man hat das etwas eigenartig «Schwarmintelligenz» genannt. 1986 hat Craig Reynolds mithilfe von Computer­simulationen nachgewiesen, dass sich Menschen, vor allem verunsicherte Menschen, nach folgenden Regeln verhalten:
1. Bewege dich als Mitglied des Schwarms immer in Richtung des Schwarmmittelpunktes.
2. Bewege dich weg, wenn dir jemand zu nahe kommt – vermeide Zusammenstösse
3. Bewege dich in die gleiche Richtung wie deine Nachbarn.

Die Folge der Beachtung dieser Regeln ist klar: Es ist definiert, was regelkonform ist, und es wird entsprechend bestraft, was abweichend getan und gesagt wird. Genau auf diese Art wird festgelegt, wie beispielsweise die von unsern Urgrosseltern gestellten Fragen zu beantworten sind und wie Fragen niemals beantwortet werden dür­-fen. Wehe jenem Menschen, der aus diesem Käfig auszubrechen versucht. Mit der politischen Korrektheit wird der aktuelle Zeitgeist stramm geschützt. Wer dies testen will, muss nur etwas gegen die Selbstbestimmung einwenden, kritisch gegen Menschen aus andern kulturellen und religiösen Hintergründen Fragen stellen oder etwas Skeptisches über sexuell anders empfindende Menschen sagen.

Mit dem Zeitgeist richtig umgehen

Es gibt Menschen, die merken, dass plötzlich alles in bloss einer Linie gedacht und behandelt wird. Dann kann es vorkommen, dass sie – fast aus Trotz – Menschen in Schutz nehmen, die von allen kritisiert werden. Diese Art zu reagieren nennt man Reaktanz. Keine schlechte Sache. Das geschieht zum Beispiel, wenn der Assistenzarzt dem Chefarzt widersteht, der aus Kostendruck den 85-jährigen Mann schon am Freitag «auf die Strasse stellen will». Oder wenn der Journalist (oder ein Leserbriefschreiber) betont, nachdem alle über einen Kirchenmann oder Politiker hergefallen sind, was diese Männer und Frauen in den vergangenen Jahren geleistet haben. Der Lehrer hebt den konstruktiven Beitrag hervor, den Eltern, die als Meckerer gelten, bisher eingebracht haben. Das Prinzip Reaktanz ist eine gute Fähigkeit, mündig mit dem Zeitgeist umzugehen.
Einer, der diesem Prinzip immer mal wieder folgt, heisst Harald Martenstein. Er macht einen weiteren Vorschlag, wie wir nicht Opfer bleiben, sondern zum Beeinflusser des Zeitgeistes werden können. Sein Vorschlag4: Einmal in der Woche eine öffentliche Situation schaffen, z.B. am Stammtisch oder im Fernsehen, in der während 30 Minuten einer standardmässig geglaubten Wahrheit widersprochen wird. Eine abseitige Meinung darf in einer solchen Situation frei und ohne soziale Ächtung geäussert werden: ein «Antimainstreamler» darf eine halbe Stunde ungestraft seine Meinung sagen. Christen, so lässt sich schlussfolgern, wären hervorragend prädestiniert, solche Räume der ungestraften Meinungsäusserung zu schaffen.

Die Chance des Zeitgeistes

Der Zeitgeist hat zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten einen je unterschiedlichen Dichtegrad. Zudem kennt jeder Zeitgeist eine Art Schwangerschaft, eine «Inkubationszeit». Dummerweise ist unsere Sehschärfe in der Regel so schwach und undifferenziert, dass wir uns die Frage kaum stellen, was sich denn zeitgeistmässig für die kommenden Jahre anbahnt und zusammenbraut. Das müsste nicht so sein. Als meine Augen im Alter von 8 Jahren nicht so funktionierten, wie sie dies hätten tun sollen, musste ich einige Monate eine «Sehschule» besuchen. Ich werde vor diesem Hintergrund bis heute dazu animiert und inspiriert, nicht nur zum Training der äusseren Augen «Sehschulen» gut zu finden, sondern in besonderer Weise auch «Sehschulen» zu fördern, die helfen, unsere inneren Augen – nach Paulus «die Augen des Herzens»5 – zu schulen und zu trainieren.
Vor diesem Hintergrund seien drei Spuren angedeutet, die helfen, nicht Opfer, sondern Mitbeeinflusser und Präger des Zeitgeistes zu werden:

a) Den Zeitgeist öffentlich und konstruktiv als Thema willkommen heissen
Der Zeitgeist ist nicht nur Ursache böser Entwicklungen, sondern ein Thema, das stärker noch als unsere Taten zum Gegenstand unserer Auseinandersetzungen, Diskussionen, Predigten und Verkündigungen gehören darf und vielleicht auch muss.

b) Die freie Meinungsäusserung üben
Am heikelsten und gefährlichsten scheint aktuell jener Geist zu sein, der in Mitteleuropa verhindert, dass die Meinung frei geäussert werden darf. Die freie Meinungsäusserung ist das Grundpostulat der Aufklärung auf dem Boden des christlichen Glaubens und als solches in unsere modernen, rechtsstaatlichen Verfassungen aufgenommen worden. Christliche Gemeinschaften und Gemeinden sind Trainingslager, in denen wir üben, die freie Meinungsäusserung zu praktizieren und freie Meinungsäusserung zu schützen, wo sie mit Füssen getreten wird.

c) Lust auf das 21. Jahrhundert und die Liebe zur Zukunft wecken
Der Zeitgeist, das gehört zu seiner Grunddynamik, weist und zielt auf Gegenwart. Es ist aber die Zukunft, die Anwälte benötigt. Wenn wir reden, dann sollten wir zukunftsverliebt reden – für unsere Familie, für unser Land, für das 21. Jahrhundert, für das Leben vor dem Tod und für das Leben nach dem Tod. Als Christen nutzen wir das Privileg, dass Gott mit dieser Welt ein Projekt hat, das er zum Ziel führt. In seinen Verheissungen erkennen wir, was ihm vorschwebt. In ihnen liegt der Orientierungspunkt für das 21. Jahrhundert. Das ist und gibt ungebändigte Hoffnung.

Zum Schluss: Der Zeitgeist ist beeinflussbar. Christen sind Miturheber einer guten und gesunden seelischen Grundstruktur für die Zeit, die vor uns liegt. Vor 100 Jahren lebten unsere Urgrosseltern. Und in 100 Jahren werden womöglich unsere Urgrossenkel über uns nachdenken. Werden sie sagen, dass ihre Urgrosseltern – also wir – bloss Schiedsrichter oder Zuschauer dessen waren, was passiert, oder werden sie sagen können, dass am Anfang des 21. Jahrhunderts Menschen lebten, die sahen, welche Chancen im 21. Jahrhundert liegen?

Hinweis
Markus Müller hat zum Thema die folgenden beiden Bücher geschrieben:
«Trends 2016 – Die Zukunft lieben» und «Trends 2021 – Es wird anders werden», die beide im Brunnen-Verlag Basel erschienen sind.


1  1463 bis 1494
2 in seiner «Kulturgeschichte der Neuzeit»
3 Kulturgeschichte der Neuzeit, S. 40ff
4 in: Die ZEIT Nr. 46 vom November 2011
5 etwa Eph 1,18


Dr. Markus Müller studierte Heilpädagogik,
Erziehungswissenschaft und Anthropologie und promovierte in Behindertenpädagogik. Der ehemalige Direktor der Pilgermission
St. Chrischona arbeitet heute als Heimpfarrer in der Heimstätte Rämismühle bei Winterthur.

 

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