Essay

War früher alles besser?

Alexander Arndt Wenige Behauptungen entlarven Ewiggestrigkeit deutlicher als das salopp dahingesagte «Früher war alles besser». Wie könnte man das Wort «alles» angesichts des empirisch nachweisbaren einstigen Schlechten aufrecht erhalten? 

 

Ganz sicher sind Wissenschaft und Technik im Vergleich zu früher vorangeschritten. Ausdruck dieses Zeitgeistes ist die Schlange vor dem Apple Store beim Verkaufsstart des neusten iPhone. Aber auch abnehmende Kindersterblichkeit, mehr Bildung und Hygiene sowie weiter verbreitete politische Grund- und Freiheitsrechte bestreiten das vermeintlich «bessere» Einst.

 

Zwischen Sehnsucht und Hoffnung
Doch bei aller Fortschrittsgläubigkeit ist die Gegenwart nie frei von jener Sehnsucht nach der «guten alten Zeit» – einem Narrativ, so alt wie die Kulturgeschichte der Menschheit. Sie begegnet uns in der Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies ebenso wie in mythologischen Deszendenzmodellen, in denen sich die Menschheit vom Urzustand eines Goldenen Zeitalters immer weiter entfernt. Die Aufklärung kehrte dieses Geschichtsbild um und versprach der Menschheit, mit dem «Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit» würde alles besser werden. Wer pessimistischere Einsichten in die Natur des Menschen pflegte, widersprach. Sigmund Freud, Kritiker der rigiden Sexualmoral seiner Zeit, wurde aus Einsicht in die destruktiven Impulse des Menschen zum Befürworter der Triebsublimation. Die exzessive Grausamkeit des 20. Jahrhunderts schien die «Dialektik der Aufklärung» zu bestätigen. Der «Fortschritt von der Steinschleuder zur Megatonnenbombe [sei] satanisches Gelächter», bemerkte Theodor W. Adorno.

 

Überforderungen
Die Fortschrittsidee hat in unserer Zeit ihre Unschuld verloren. Burn-out ist das Grundgefühl einer beschleunigten Postmoderne mit ihrem Übermass an Entfaltungsmöglichkeiten – und Aufmerksamkeitsdefizit die Folge fragmentierter Medienwelten. Die Gegenwart überfordert. Das Kinoprogramm verrät: Die «Schöne Neue Welt» der Zukunft wird oft nur noch als düstere inszeniert. Die Sehnsucht nach einem überschaubaren, privaten Glück zeigt sich im ironischen Retrotrend, z.B. in iPhone-Hüllen, die wie Tonband-Kassetten aussehen.
Erinnerungen
Der Suche nach der verlorenen Zeit wohnt ein Wahrheitskern inne. In der Trauer um die erinnerte «bessere Zeit» der Kindheit schwingt Melancholie über das Glücksversprechen jener Jahre mit. Das Leben eröffnete sich damals noch als weites Feld voller Möglichkeiten. Dies alles kannst du werden, wenn du deinen Träumen folgst. Sturm und Drang sind das Privileg einer Jugend, deren Bild der Zukunft noch nicht von der Frustration erlebten Scheiterns, verbauter Wege, enttäuschter Hoffnungen zerfurcht ist. Wir erinnern uns nostalgisch an diese Zeit, auch, weil wir einst weniger mühselig und beladen waren, weniger enttäuscht von unsern Mitmenschen und der Zählebigkeit des Alltags.

 

Verzerrungen
Die Übersichtlichkeit des Einst ist häufig reine Projektion. Wer alte Tagebücher liest, weiss um die Kluft zwischen Erinnern und Erleben. Das Dasein war schon damals geprägt von Sorgen um das Morgen. Das idealisierte Bild der Kindheit mag einen paradiesischen Zustand hervorrufen. Die aus der Verantwortung für den Lebensvollzug erwachsende Sorge war noch nicht präsent. Die Unruhe späterer Tage – Schule und Freundschaft, Ausbildung und Beruf, Partnerwahl und Familie – hat sich unterdessen geklärt oder wurde von aktuellen Sorgen überlagert. Aus der Retrospektive kennt man die weitere Entwicklung. Was unverständlich war, ist nun verstanden, was damals überforderte, erscheint leicht gegenüber dem heute Unübersichtlichen. Die Erinnerung ist phänomenologisch verzerrt.

 

Ahnungen
Die Sehnsucht nach einer besseren Welt ist Kern der Nostalgie. Falsch verstanden übertüncht sie die Ambivalenzen der Vergangenheit und nährt das Ressentiment gegenüber dem Hier und Jetzt. Im besseren Sinne leuchtet jedoch die Ahnung eines Glückversprechens auf, das sich in der Gegenwart noch nicht erfüllt hat. Das verloren gegangene Paradies möchte wieder gefunden werden.

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und
promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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