Zeitgeist und Kirche

Wir und der Zeitgeist – ein Fragment

Christoph Schluep-Meier Unser Verhältnis zum Zeitgeist ist ein ambivalentes: Zum einen sind wir Kinder unserer Zeit und darum vom herrschenden Zeitgeist geprägt, zum anderen bekennen wir uns als Christen zum Geist Jesu, der nicht nur seiner Zeit, sondern jeder Zeit seinen Stempel aufgedrückt hat. Was also bestimmt uns? Beides. Der Versuch einer klärenden Gegenüberstellung.

 

Der Zeitgeist lässt sich nicht erfassen wie Modeströmungen im Schaufenster oder Hitparadencharts im Radio. Den Zeitgeist muss man sozusagen unter den Fingernägeln zeitgenössischer Tendenzen hervorholen. Das führt zwangsläufig eher zu Mutmassungen als zu definitiven Urteilen. Trotzdem wage ich den Versuch und greife vier zentrale Bereiche heraus.

Unsere Gegenwart
1. Die Gegenwart in Westeuropa ist von Verunsicherung geprägt: Politische und wirtschaftliche Krise, globale Spannungen zwischen westlicher und östlicher Welt, insbesondere zwischen Christentum und Islam und die immer grösser werdende Schere zwischen Arm und Reich. «In solchen Zeiten» überlegt man es sich zweimal, bevor man eine Stelle aufgibt, man verschiebt Reisen, man spendet weniger, man studiert intensiver, weil nur Gutqualifizierte eine gute Arbeit finden. Ängstliches Zögern bestimmt weite Bereiche unseres Lebens.

2. Die Gesellschaft hat sich in den letzten zwanzig Jahren radikal von Zwängen befreit, sie ist durch und durch liberal geworden. Drogenkonsum und Sexualität sind enttabuisiert, dem Freizeit- und Konsumverhalten werden kaum mehr Grenzen gesetzt: immer mehr, immer öfter, immer lauter. Als Reaktion auf die politisch-wirtschaftliche Verunsicherung bietet sich der Rückzug in die unbeschränkte Spassgesellschaft an. Wenn die Welt schon untergeht, dann wollen wir wenigstens Spass haben dabei.

3. Digitale Information ist global verfügbar: Wer sich eine Meinung bilden will, ist nicht mehr auf Experten angewiesen, sondern informiert sich im Internet. Die Jungen sind kritischer geworden, die Alten haben ihren Wissensvorsprung eingebüsst. Was bisher selbstverständlich als wahr erachtet worden ist, wird jetzt ebenso selbstverständlich hinterfragt. Gleichzeitig ist die Menge an Informationen, die das Internet in sehr unterschiedlicher Qualität liefert, so unübersichtlich, dass es paradoxerweise schwieriger geworden ist, sich tatsächlich eine objektive Meinung zu bilden. Unter dem Strich resultiert die Ansicht, dass die Welt so kompliziert geworden ist, dass man sich nun erst recht nicht mehr orientieren kann.

4. Die Vielfalt der Möglichkeiten und die Vielfältigkeit der Verunsicherung führen fast zwangsläufig zu einer Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbindlichkeit. Wer digital zu allem und zu allen Zugang hat, wird entdecken, dass nicht die Quantität des Möglichen Befriedigung verleiht, sondern die Qualität des Wirklichen. Gefragt sind soziales Engagement, persönliche Beziehungen und die verbindliche Teilnahme am Geschehen. Die Befriedigung dieser Sehnsüchte erfordert aber Zeit und Disziplin, also genau das, was der vollständig vernetzte Mensch der westlichen Welt am wenigsten hat.

… und die christliche Botschaft
Diese Gegenwartsbeschreibung gilt es nun mit dem ins Gespräch zu bringen, was wir als überzeitlichen Kern der christlichen Botschaft erachten. Um zu klären, was überhaupt christlich ist, orientieren wir uns am besten an Jesus. Sein Leben und Wirken liefert Hinweise auf den spirituellen Kern des Glaubens. Auch hier vier Kernaussagen:

1. Jesus ist Gottes unaufhaltsame Abwärtsbewegung zu den Menschen. Sie ist erst dann am Ziel, wenn sie zuunterst angekommen ist. Jesu primäres Interesse gilt den Armen und Randständigen: «Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken1.» Jesus kommt nicht, um die Frommen und Fleissigen zu belobigen, sondern um die Verlorenen zu retten und die Hoffnungslosen aufzurichten2. 

2. Das Auftreten von Jesus ist oft unspektakulär, dessen Folgen aber sind um so spektakulärer: Er heilt und bringt ins Leben zurück, er ernährt und rettet Leben. Oft jedoch entzieht er sich danach dem Publikum, offenbar ist ihm der Rummel um seine Person unangenehm. Jesus geht es nicht um sich selbst, sondern um das Gegenüber und seine Not. Entsprechend behält er sein Leben nicht für sich, sondern gibt es den anderen – bis in den Tod am Kreuz. Jesus lebt eine durch und durch diakonische Existenz.

3. Jesus verkündigt nicht das Kommen des Gerichts, sondern die Nähe des Königreiches Gottes3. Er arbeitet nicht mit der Angst vor der Hölle, sondern mit der Freude über die Liebe Gottes. Entsprechend erwartet er nicht Werke oder gesetzlichen Gehorsam, sondern vertrauensvollen, fröhlichen Glauben.

4. Jesus erlaubt sich, die Heilige Schrift nach eigenem Gutdünken auszulegen. Ich aber sage euch ist seine Antwort auf ein Verständnis des Glaubens, das dem eigentlichen Willen Gottes zuwiderläuft4.  Er bringt den Geist der Erneuerung, nicht der Versteinerung. Entsprechend lädt er zur Stellungnahme und Diskussion ein (gerade mit den Gleichnissen, die auf eine persönliche Reaktion zielen). Jesus repräsentiert eine freiheitliche, diskursive Interpretation des Gesetzes.

Zeitgeist und Geist Gottes – ein Gespräch

1. Gott kommt mitten in die Verunsicherung
Die Verunsicherung als Kennzeichen der Gegenwart stellt hohe Erwartungen an die Kirche: Wer, wenn nicht sie, könnte für Orientierung sorgen? Aber wie? Gegen Verunsicherung hilft weder energische Proklamation noch pointierte Argumentation christlicher Glaubensinhalte, denn gegen eine Erfahrung der existenziellen Bedrohung hilft nur eine andere Erfahrung: die der Hoffnung. Der Kern christlichen Glaubens ist die Hoffnung auf Gottes Kommen in unsere Welt, und diese Hoffnung ist so elementar, dass sie von allen Menschen verstanden wird. Hier liegt die Chance unserer Verkündigung: Hoffnung zu wecken, dass Gott diese Welt nicht aufgegeben hat. Die Geschichte Jesu ist äusserst hoffnungsvoll, niemand kann sich ihr entziehen. Die Aufgabe der Kirche ist es, dogmatische Mauern ab-zubrechen, damit Christus über alle Glaubens- und Lebensdifferenzen hinweg den Menschen nahe kommen kann.

2. Diakonische Existenz statt hemmungslose Spassgesellschaft

Die diakonische Existenz ist der Wesenszug Jesu, der die selbstverliebte Gegenwart radikal in Frage stellt. Jesus lehrt uns, frei von Sorge zu werden und damit nicht nur auf uns zu schauen, sondern auf die Menschen, die Hilfe brauchen. Aufgrund der Verunsicherung unserer Gegenwart hat sich eine hemmungslose, selbstbezogene  Spassgesellschaft entwickelt. In diesem Umfeld ist die Kirche aufgefordert, Hoffnung und Gewissheit zu erwecken. Ein Blick auf die grossen Kirchen der Gegenwart zeigt aber vor allem eines: Sie haben sich dem gesellschaftlichen Sog der Unterhaltung um jeden Preis zu oft und zu stark ausgeliefert. Wir berauschen uns in Eventgottesdiensten an der Show, der Musik und den Nebelschwaden, die den Auftritt des Starpredigers verkündigen. Wir nehmen uns zu Herzen, was er uns sagt, und es geht dabei immer nur um uns, unsere Sünde, unsere Seele, unser Heil. Die Forderung des Zeitgeistes, dass unsere Anlässe nicht langweilig und bieder gestaltet werden sollen, ist legitim, und hier haben die Kirchen zu lernen. Wenn der Gottesdienst aber zum Tanz um den eigenen Heilsbauchnabel wird, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn das Wort der Kirche die Verunsicherung der Zeit nicht mehr lösen kann.
Als Christen sollen wir von Christus lernen: Hoffnung erweckt man dort, wo man Menschen in ihrer Not direkt begegnet, sei diese nun in emotionaler, finanzieller, sozialer oder spiritueller Weise. Die Welt braucht weniger unsere perfekt orchestrierten Gottesdienste, sondern vielmehr den konkreten Gottesdienst in den Gassen der Verunsicherung.

3. Jesu freiheitliche Interpretation im Durcheinander der Meinungen       
Was immer galt, gilt nicht mehr, und was gelten will, muss argumentativ belegt sein. Das ist der Meinungs-Zeitgeist. Kirchen tendieren dazu, sich auf die Tradition zu  berufen und verweigern sich oft einem Zeitgeist, der kaum mehr etwas gelten lässt. Eine ähnliche Situation, wie sie schon Jesus angetroffen hat: Das pharisäisch geprägte Judentum des ersten Jahrhunderts tat sich schwer mit Neuerungen und abweichenden Meinungen. Jesus jedoch äusserte  seine Meinung trotzdem, er stellte Altes in Frage und berief sich auf alltägliche Erfahrungen, um seine gnädige und fröhliche Sicht der Welt zu belegen5. Der Zeitgeist unserer Gegenwart spielt Jesus in die Hände. Und hilft uns, zu dem zurückzufinden, was Jesus eigentlich wollte: keine Buchstaben, die töten, sondern ein Geist, der lebendig macht6.
Wenn wir als Kirche die Botschaft Jesu der Gegenwart zugänglich machen wollen, müssen wir sie zur Diskussion stellen. Störrisches Beharren auf vorgefertigten Glaubenssätzen dient der Sache Jesu nicht, im Gegenteil, es gibt sie der Lächerlichkeit preis. Als Kirche können wir es uns nicht leisten, das letzte Bollwerk der Reaktion zu sein, wo andere Meinungen nicht gehört werden und weder Alternativen noch Vielfalt möglich sind. Streben wir geistliche Gemeinschaft im Leben, Denken und Lehren an oder geistliche Monopole im Sinne islamistischer Diktatoren? Hier erweist sich der Zeitgeist als willkommene Hilfe zurück zur Freiheit Jesu, die uns oft abhanden gekommen ist. Grund zur Angst, dass damit der Kern des Glaubens verloren geht, gibt es nicht: Was wahr ist, wird sich auch heute als wahr erweisen. Wir werden gehört, wenn wir auf die erfahrbare Wahrheit unseres Glaubens hinweisen und die Menschen einladen, sich darauf einzulassen.

4. Jesu Gnade und die vermisste Verbindlichkeit   
Dass sich eine verunsicherte Gesellschaft nach Alternativen sehnt, kann nicht erstaunen. Erneut arbeitet uns der Zeitgeist in die Hände: Denn Verbindlichkeit und Gemeinschaft als Alternativen zur Verunsicherung der Spassgesellschaft bilden im Kern das Konzept jeder Gemeinde. Jesus hat Menschen um sich geschart, indem er von der Liebe Gottes erzählte und diese Liebe in Gemeinschaft gelebt hat. Wo wir so attraktiv sind wie Jesus, wird sich Gemeinschaft ergeben, und aus echter Gemeinschaft erwächst früher oder später immer Verbindlichkeit.
Wir werden jedoch nicht so attraktiv wie Jesus sein, solange wir zu Johannes dem Täufer zurückkehren und vor allem von der Sünde und dem Gericht sprechen. Lange hat sich die christliche Kirche vor allem dadurch ausgezeichnet, dass sie genau wusste, wer alles direkt in die Hölle geworfen wird. Abgesehen davon, dass uns solche Urteile gar nicht zustehen, macht uns diese Botschaft auch äusserst unattraktiv. Denn die Hölle erleben die Menschen der Gegenwart schon jetzt tagtäglich auf Erden. Unsere Aufgabe ist es nicht, ihnen statt dessen den Himmel auf Erden zu versprechen, das wäre sektiererisch. Wir können ihnen aber etwas von der Liebe, dem Charme und der Grosszügigkeit Gottes weitergeben, von seinem Traum einer gerechten Welt und von seinem Bemühen, alles zu geben, damit dieser Traum eines Tages wahr wird. Das ist die Botschaft der Gnade, das ist die Grundlage verbindlicher Gemeinschaft. Das ist die Alternative, die wir zu bieten haben. 
Die Beschäftigung mit dem Zeitgeist führt also nicht dazu, dass wir uns ihm grundsätzlich entgegenstellen, sondern dass wir durch ihn unsere Wahrnehmung für das schärfen lassen, was den Kern unseres Glaubens ausmacht. Eine solche Auseinandersetzung ist immer wieder nötig, denn sie tut uns gut. Aber nicht nur uns, sondern auch der Welt, der wir im Namen Jesu einiges zu sagen haben.

1 Mt 9,12
2 vgl. z.B. das Gleichnis vom verlorenen Schaf in Lk 15,3ff und Mt 9,13
3 Mk 1,14f
4 vgl. die sog. Antithesen der Bergpredigt in Mt 5,21ff.
5 Vgl. dazu z.B. Mt 5,44f und die Bilderwelt seiner Gleichnisse, die oft aus der alltäglichen Welt der Bauern und Händler stammt.
6 vgl. 2 Kor 3,6

Dr. Christoph Schluep-Meier ist Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche Zürich 4. Der Schwerpunkt seiner Arbeit betrifft den Zusammenhang von Theologie, Spiritualität und Diakonie.
christoph.schluep@STOP-SPAM.emkz.ch

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