Architektur

Kirchen der Zukunft II: Helsinki

Anne-Lise Diserens Im Magazin INSIST 2/14 stellte unsere Autorin eine Kirche der Zukunft in Hamburg vor: das ökumenische Forum «HafenCity». Diesmal geht es um Beispiele in der Stadt Helsinki.

Im vergangenen Dezember reiste ich mit einer Gruppe nach Helsinki. Wir besuchten zwei ganz unterschiedliche Kirchengebäude.

Die Kirche im Fels
Sehr bekannt ist die wunderbare Felsenkirche, die jedes Jahr unzählige Leute – Gläubige, Kirchenferne und Atheisten – in ihren Bann zieht.
Der ungewöhnliche, fast runde, hohe Raum kombiniert die Materialien Holz und roher Felsen, was ein ungewöhnliches Raumerlebnis ermöglicht. Man erlebt in diesem Raum eine Art «vierte Dimension». Dies nenne ich so, wenn der Raum etwas Irrationales, Heiliges auslöst, nicht nur etwas Rationales, das mit dem Kopf erfasst werden kann.

Stille trotz Hektik
Ein anderer beeindruckender Kirchenbau ist die Kamppi-Kapelle der Stille. Sie steht seit zwei Jahren mitten im Stadtzentrum von Helsinki, umgeben von Läden, Geschäftshäusern, Hotels, Strassen, einer Garagen-Einfahrt und einem ehemaligen Kasernengebäude. Es handelt sich um einen Solitärbau, der mit seiner organisch geprägten Form und seiner horizontal verschalten Fichtenverkleidung im denkbar grössten Kontrast zu den umgebenden Bauten steht.
Die Kapelle betritt man über das eingeschossige Nebengebäude und gelangt vorerst ins Foyer. Hier werden die Eintretenden von Vertreterinnen und Vertretern der Kirchgemeinden und des Sozialamtes begrüsst. Sie sind bei Bedarf zu Gesprächen bereit.
Danach kommt man in den etwa
12 Meter hohen Kirchenraum. Hier werden die Besuchenden von einem warmen Licht empfangen, das von oben die gebuchtete Holzwand entlang nach unten gleitet. Der Grundriss ist eiförmig, womit der Raum eine leichte Ausrichtung zum Altar erhält. Zum Altar gehören eine aufgeschlagene Bibel und ein Kreuz. Bänke bieten Platz für bis zu 70 Personen. Ein mit Sand gefülltes Metall-Gefäss lädt dazu ein, Kerzen einzustecken und zu entzünden. Grosse Kissen am Boden ermöglichen ein bequemes Verweilen. Es herrscht eine wohltuende Stille, die zur inneren Einkehr einlädt.
Während die Aussenwelt geprägt ist von Hektik und materiellen Werten, kann in der Kapelle menschliche und geistliche Wärme – sowie Stille gefunden werden. Auch hier helfen die Form des Raumes, die Lichtgebung und die Materialien, die «vierte Dimension» zu finden. Der Ort trägt zur Entspannung bei; er tut der Seele wie auch dem Gemüt sehr gut.

Kraftvolle Präsenz in der Stadt

Es war mutig, trotz der Überzahl von Kirchen eine neue Kapelle zu bauen. Sie zeugt durch ihre Präsenz im Stadtraum von einer starken kirchlichen Identität. Durch ihre Ausstrahlung lenkt sie täglich die Aufmerksamkeit Tausender auf sich – und auf den Gott der Christen, der (auch) in der Stille wohnt.
Mich beeindruckt, dass die Stadt Helsinki und die evangelisch lutherischen Kirchgemeinden gemeinsam den Bau dieser wunderbare Kapelle ermöglicht haben. «Sie muss unbedingt eine starke Identität besitzen, um in der gross angelegten, kommerziellen Stadtlandschaft hervorzustechen», meinte der Chefarchitekt Mikko Summanen. Mich hat dieses architektonische Juwel mitten im geschäftigen Treiben der Stadt begeistert.
In der Stadt Zürich gibt es die Bahnhofkirche und die Sihlcitykirche als Orte der Stille, Einkehr und Seelsorge. Beide sind im öffentlichen Raum nicht sichtbar. Die Sihlcitykirche befindet sich im ersten Stock eines Gebäudes, das nur schwierig zu finden ist. Die Bahnhofkirche liegt im Zwischengeschoss des Hauptbahnhofes und wird nur dank etlicher Signal-Hinweise gefunden. Beide kirchlichen Räume bestechen nicht durch architektonische Qualitäten.
Ich wünsche mir, dass wir auch in unsern Städten mutiger werden und es wagen, kraftvolle öffentliche Zeichen der Präsenz des christlichen Glaubens im Stadtraum zu setzen, wie dies mit der Kamppi-Kapelle in Helsinki geschieht.

 

Anne-Lise Diserens ist dipl. Arch. ETH, VBG Mit-arbeiterin, Architektur-vermittlerin und Organisatorin von Kulturreisen.

anne-lise.diserens@STOP-SPAM.vbg.net

www.atour.ch

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