Kirchen

Dienen, spielen, proklamieren

Peter Schmid «Fear, obey, honor, love, seek God»: Mit diesem Poster stellte sich eine Gruppe von bärtigen Männern an der Street Parade in Zürich vor dem ersten Lovemobile auf. Der Street Parade-Veranstalter Joel Meier wies sie weg. Als die Polizei erschien, verzogen sich die Männer in Seiten-strassen. Als «radikale Christen» aus der Tschechischen Republik beschrieb das Pendlerblatt «20 Minuten» die Gruppe. Die Männer, die auf einem anderen Poster Gottlose vor der Hölle warnten, seien von den «sonst friedlichen Ravern1» mit Bierdosen beworfen worden.

Gott fürchten, ihm gehorchen, ihn ehren, lieben und suchen: Darum geht es in der Tat auf dem Weg des Messias Jesus. Gott mit diesen Appellen ins Spiel zu bringen, scheint aber eher unpassend, wenn am Zürcher Seebecken die Megaparty abgeht. Die Street Parade solle nicht mit religiösen Aussagen aufgeladen werden, begründete Meier seine Wegweisung auf Anfrage. Die religiösen Spinner – so wohl die Meinung der Bierdosenwerfer – sollen ihrem Treiben in der Kirche nachgehen und uns hier den Fun lassen!

Umkämpfter öffentlicher Raum
Der Dosenwurf spiegelt das Ringen in der säkularen Gesellschaft um den öffentlichen Raum. Lobbies begnügen sich heute nicht mehr damit, dass die von ihnen vertretene Lebensweise bzw. ihr Anliegen im Privaten toleriert wird; sie fordern öffentliche Geltung, teils auch staatliche Anerkennung. Zürich huldigt seiner Reputation als Partystadt, indem es einmal im Jahr das Zentrum den Ravern und Techno-Fans, den Tanzlustigen und Narzissten überlässt.
An der Street Parade wirkten neben den erwähnten «Radikalen» zwei andere Gruppen von Christen mit. Fünf Reformierte aus dem Zürcher Oberland sammelten während sechs Stunden Flaschen und Scherben. So mussten die Sanitäter weniger Verletzte verarzten. Etwa 200 Musiker der Sambaschule der International Church und anderer Kirchen spielten beim Fraumünster auf. Sie brachten bereits zum zwölften Mal ihre Lebensfreunde unter die Leute, unterstützt von Traktaten und Postern, die Jesus als Weg, Wahrheit und Leben – und als Heiler von AIDS proklamierten.

Deutlich ein Kontra markieren
Neben der Reaktion der christlichen Mehrheit, die der Parade fernblieb, lassen sich also drei offensive christliche Handlungsweisen erkennen. Alle machen für mich Sinn. Mittendrin dienen und so Gefahren mindern, das ist gut. Wer es kann, der trommle. Respekt gebührt auch dem Protest, auch wenn er frömmlerisch-starrköpfig daherkam. Die Bärtigen markierten ein Kontra zum dröhnenden Spektakel und nahmen die kantigen Grüsse der Biertrinker in Kauf.
So gehen also «sonst friedliche Raver» mit dem Anspruch der christlichen Botschaft um. Sie sind die Nachfahren der trippelnden Damen und der Saufbrüder im alten Israel, denen die Propheten deutlich die Leviten lasen2. Während die Propheten vertrieben oder sogar umgebracht wurden, sind die Wurfgeschosse die unwirsche Spontanreaktion derer, die in ihrem Rave nicht ernüchtert werden wollen. Sie erinnern mich an die wassergefüllten Kondome, welche Linksalternative auf die Teilnehmer am Zürcher «Marsch fürs Läbe» 2011 warfen, verbunden mit der unausgesprochenen Botschaft: «Behaltet eure religiösen Überzeugungen für euch, tragt sie nicht in die Öffentlichkeit!»
Und doch ist es genau dieser Raum, der nicht nur stille Dienste und fröhliches Spiel von Christen braucht, sondern auch kantige Worte, wie sie die Propheten und in ihrer Spur Jesus äusserten. Dienen allein genügt nicht. Die Kirche wird in der Postmoderne daran gemessen, dass sie Botschaften aus der transzendenten Dimension in den säkularen Diskurs einspeist.

Besser als Bierdosen
Indes laden die Bierdosen – das also, was nach dem Genuss des Rauschgetränks übrigbleibt – zu einem Gedankenexperiment ein: Könnten auch Christen mit dem, was ihnen vom spirituellen Genuss übrig bleibt, die Gegenseite bewerfen oder besser: überschütten? Im Sinne von: «Berauscht euch nicht mit Wein, sondern lasst euch erfüllen vom Geist!3»
Das Pendant zum Bierdosenwurf wäre dann erreicht, wenn Christen die Fülle des Geistes Gottes erleben könnten und ihre Seele dabei so geflutet würde, dass etwas davon auf andere überschwappt. Das wäre ein Rave der höheren Art.

1 Rave = ausgelassene Tanzveranstaltung mit elektronischer Musik
2 Jes 3,16ff; Am 6,4ff
3 Eph 5,18


Hinweis
Die letzte Kolumne von Peter Schmid im Magazin 2/14 erschien leider unter einem falschen
Titel. Der richtige Titel lautet: «Zeit des Unmuts». Wir entschuldigen uns für das Versehen.

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW.

peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch

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