Medizin

Die Faszination der Neurowissenschaften

Albrecht Seiler Vor 30 Jahren erklärten meine Professoren im Medizinstudium, im menschlichen Gehirn finde man 1 oder 2 Milliarden Nervenzellen. Jedes dieser sogenannten Neurone habe mehrere hundert Schaltstellen oder Synapsen und könne so die Information an Nachbarneurone weitergeben. Heute spricht man von 100 Milliarden Neuronen im Gehirn1. Und einzelne dieser Neurone haben mehr als 100 000 Synapsen.

Die Kenntnisse rund um das Gehirn des Menschen haben in den letzten Jahren sehr stark zugenommen. Durch moderne bildgebende Verfahren, sogenanntes Neuro-Imaging oder Brain-Mapping, werden immer neue Erkenntnisse zur Funktion einzelner Hirnregionen gewonnen. Die Neuroanatomie und Neurophysiologie beschreiben Gehirnstrukturen und Gehirntätigkeit immer differenzierter und immer detaillierter. Doch helfen diese Hirnaktivitätsmuster auch, die Gehirnfunktionen besser zu verstehen? Und ermöglichen es die neuen Erkenntnisse, das Fühlen und Handeln des Menschen vorherzusagen? Wird es demnächst möglich sein, die Persönlichkeit eines Menschen mit Hilfe von Hirnfunktionen zu erklären?

Mehr Fragen als Antworten

Nicht nur unter Wissenschaftlern, auch in den Medien erfahren die Neurowissenschaften heute eine grosse Aufmerksamkeit. Ein zentrales Forschungsgebiet der Neurowissenschaftler ist die Erzeugung von Bildern, die gewisse Funktionen im Gehirn abbilden sollen. Bilder vermitteln so etwas wie Objektivität und machen Unsichtbares vermeintlich «greifbar». Kritisch betrachtet sind diese Bilder jedoch allenfalls ein Lichtstrahl, der in ein höchst komplexes Organ fällt. Ob das bunte Computerbild wirklich das abbildet, was der Forscher zu erkennen meint, ist schon aus technischen Gründen fraglich. Hirnprozesse laufen um ein Vielfaches schneller ab als dies von den Hirnfunktionsbildern nachgebildet werden kann; selbst die besten High-Tech-Geräte erreichen nicht die nötige Geschwindigkeit. Das Gehirn arbeitet zudem mit höchster Komplexität, und einzelne Gehirnzentren sind zeitgleich an einer Vielzahl von Aktivitäten beteiligt.
Bei den Naturwissenschaften bahnt sich in meinen Augen etwas Ähnliches an wie bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Nach intensivsten Forschungen ist die Abfolge der Gene bekannt, doch die Frage nach dem Leben bleibt ebenso unbeantwortet wie zuvor. Die alte Erkenntnis, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, wird auch jeder ernsthafte Neurowissenschaftler bestätigen müssen.

Falsche Erwartungen
Das Wissen über die Neurologie, Neuroanatomie, Neurophysiologie oder Neurobiochemie nimmt lawinenartig zu. Gleichzeitig wächst die Menge der Fragen rascher als die Zahl der Antworten. Treibende Kräfte bei der Forschung sind zum einen das grosse pharmakonzentrische Interesse. Damit ist nicht nur der Wunsch gemeint, durch Medikamente psychische Störungen behandeln zu können. Insgeheim wünschen nicht nur viele Patienten sondern auch manche Psychiater, die Probleme des Denkens, Fühlens oder Handelns mit Pillen beseitigen zu können. Zudem lassen sich mit Psychopharmaka Milliardengewinne erzielen. Keine Pille ersetzt aber die Notwendigkeit, dass wir uns selber ändern und aktiv Einfluss nehmen müssen auf das eigene Denken, Fühlen und Handeln. Jede Störung und jede Krise kann zudem genutzt werden zum Lernen und zur persönlichen Reife.

Wir brauchen ein doppeltes Wachstum
Der Zugewinn an Wissen über Gehirnstrukturen, Funktionszentren und Neurotransmittersysteme löst bei mir eine zunehmende Begeisterung aus. Die Neurowissenschaften gewähren einen kleinen Einblick in kaum fassbare Systeme. Bei aller Aufmerksamkeit und Faszination für das Geschöpf Mensch und sein Gehirn wünsche ich mir deshalb, dass gleichzeitig die grenzenlose Ehr-furcht gegenüber dem Schöpfer dieser für uns kaum fassbaren Neurokomplexität wächst. Das wird uns auch helfen, mit den Neurowissenschaften angemessen umzugehen.

1 Hasler, Felix. «Neuromythologie». Transcript Verlag, Bielefeld, 2012, S. 132

 

Dr. med. Albrecht Seiler ist leitender Arzt Stationäre Dienste und Stv. Chefarzt in der Klinik SGM, Langenthal.
albrecht.seiler@STOP-SPAM.klinik-sgm.ch

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