Naturwissenschaften

Glauben und Wissen stehen in Beziehung zueinander

Konrad Zehnder Glauben umfasst auch Wissen, und Wissen beruht auch auf Glaubensinhalten1. Wir denken immer mit bestimmten Vorgaben, die auf unhinterfragten Axiomen beruhen; unsere Gedanken folgen bestimmten Richtungen und Kategorien, die das Denkergebnis wesentlich eingrenzen. Beispielsweise haben wir gelernt, in kategorischen Gegensätzen wie «natürlich – übernatürlich» oder «materiell – spirituell» zu denken.

Dies ist speziell in der Naturwissenschaft nötig und praktisch, weil sie mit ihren eigenen Methoden nur die materielle Seite der Welt – die «natürliche» Welt – erforschen kann. Darum herum, daneben und dahinter verbirgt sich jedoch eine weitere, vielleicht grössere, zumindest denkbare, aber auch persönlich erfahrbare und dennoch nicht wissenschaftlich beweisbare Wirklichkeit.

Metaphysik
Sie ist in der Philosophie seit der griechisch-klassischen Antike das Gebiet der Metaphysik. Vieles deutet darauf hin, dass in dieser grösseren Welt Gegensätze, die für den Verstand unüberwindlich scheinen, nicht – nicht mehr oder noch nicht – da sind. In Extremsituationen, oft an der Grenze zwischen Leben und Tod, machen Menschen momentweise Erfahrungen eines ganzheitlichen, übergeordneten Daseins. Sie sollten uns vorsichtig machen und dazu befähigen, eigene Denkkategorien bisweilen kritisch zu betrachten.
Die fokussierende, einengende und ausschliessende Betrachtungsweise, wie sie die Naturwissenschaft befolgt, hat gewiss ihre Berechtigung und ihren Sinn. Denn sie ist ein machtvolles Instrument, um bestimmte Fragen zu beantworten und konkrete Probleme zu lösen. Die so gewonnenen Antworten und Lösungen mögen im Einzelfall richtig sein. In einem grösseren Zusammenhang sind sie jedoch «isoliert» und von der «ganzen» Wirklichkeit abgetrennt – eine alte Erkenntnis, die wieder neue Beachtung findet.

Das Gespräch zwischen Fachleuten

Im Magazin INSIST 3/14 hat Andreas Schmidt mit der Frage nach den Heilkräften auf den grösseren Zusammenhang im Gebiet der Medizin hingewiesen. Hier nimmt die Schulmedizin ihren prominenten Platz neben einer komplementären, ganzheitlicheren Medizin ein. Innerhalb der Naturwissenschaft ist längst erkannt worden, dass jeder natürliche Einzelprozess in einen grösseren Zusammenhang eingebettet ist und mit diesem in wechselseitiger Beziehung steht. Beispielsweise in der aktuellen Suche nach den Ursachen des Klimawandels ringen die beteiligten Naturwissenschaften mit der immer dringender werdenden Herausforderung, natürliche Prozesse nicht isoliert, sondern in einem möglichst grossen Zusammenhang zu erfassen. Auch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hat ein neues dialogisches Denken eingesetzt. Ein aktuelles Beispiel dazu ist die viel diskutierte Energiewende. Früher glaubte man, es reiche aus, wenn neue Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen bereitgestellt würden. Heute weiss man, dass vielmehr ein gesellschaftliches Umdenken in Richtung sparsamer Umgang mit Energie nötig ist2. Dieser Prozess bedeutet eine Abkehr vom naturwissenschaftlich dominierten Machbarkeitsdenken hin zur Erkenntnis, dass alle Disziplinen aufeinander angewiesen sind, um weiterzukommen.

Eine Partnerschaft zwischen Wissen und Glauben
Wenn es angesichts vielfältiger Krisen um das Weiterkommen einer Gesellschaft geht – und schliesslich um das Leben und Überleben der Menschen auf dem Planeten Erde – dann wird es nötig, den Bogen der Dialoge noch weiter und tiefer zu spannen. Wissenschaft und Wissen genügen nicht. Wissen bedarf der Ergänzung des Glaubens und Wollens, um dem Dasein Orientierung und Richtung zu geben. Gut zu wissen, dass uns Gott auf diesem schwierigen Weg beisteht, den wir alleine nicht gehen können.

1 formuliert in Anlehnung an das Thema der
Jahrestagung der Karl-Heim-Gesellschaft vom 24.-26.10.2014 «Braucht Wissen Glauben?»; siehe: http://www.karl-heim-gesellschaft.de
2  Eine Medienmitteilung der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften titelt: «Energiewende ist weniger eine technische, als eine gesellschaftliche Herausforderung» (http://www.scnat.ch/d/Aktuell/News/?id=2235).
Sie bezieht sich auf das «Konzept der Energieforschung des Bundes 2013-2016» (http://www.bfe.admin.ch/themen/00519/index.html?lang=de)

 

Dr. Konrad Zehnder ist Geologe.
ko.zehnder@STOP-SPAM.bluewin.ch

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