Philosophie

Gott oder dem Mammon dienen?

Conrad Krausche Ist Marktgläubigkeit die neue Staatsreligion? Es ist inte­ressant zu beobachten, wie Märkten und dem Geld vermehrt Eigenschaften zugewiesen werden, die früher Göttern oder Gott vorbehalten waren und wie diese Mechanismen zum Ersatz für Moral erklärt werden.

«Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon1.» Die Bibel macht es deutlich: Christen dürfen keine weiteren Götter in ihrer Mitte dulden, denn sie können nur einem Herrn dienen. Bereits Jesus hat das diesbezügliche Potenzial des Geldes erkannt. Selbst unter säkularen Philosophen ist die Gefahr erkannt worden: Michael Sandel2 hat 2012 seinem Buch folgenden Titel gegeben: «What money can't buy. The moral limits of markets3.»

«Der Markt» als Gottheit
Seit der Entdeckung der Wirksamkeit von Märkten als Verteilungs­­­instrument und vor allem seit dem Scheitern der sozialistischen Planwirtschaft werden Märkten vermehrt befremdliche Eigenschaften zugeschrieben. Es ist erstaunlich, wie sehr besonders die Finanzkrise aus den (Finanz)Märkten (fast) allmächtige Gottheiten gemacht hat, deren Wohlwollen oder Zorn ganze Nationen ins Unglück stürzen kann. So werden Opfer verlangt (Sparprogramme), damit sich die «Zufriedenheit» der Märkte wieder einstellen kann. Ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit seitens der Bürger stellt sich ein. Das gilt besonders für die so genannten «PIIGS»-Staaten4. Ökonomen treten wie Propheten oder Wahrsager auf. Sie versuchen, die «Stimmung» der Märkte zu deuten und raten den betroffenen Nationen zu einem Verhalten, das diese wieder  «gütig stimmen» kann. Dabei zeigen sie etwa auf, wie Kapital als «göttlicher Segen» die Volkswirtschaft beleben kann. Dass sich die Ökonomen teilweise nicht einig sind, welche Massnahmen zum Erfolg führen, hängt mit ihren zu stark vereinfachten Modellen zusammen sowie mit Grundannahmen, die nicht direkt auf die «echte Welt» übertragen werden können. Das verleiht ihren Prognosen und Ratschlägen zusätzlich den Hauch einer wahrsagerischen Verkündigung.

Markt statt Moral
Laut Michael Sandel sagen gewisse Ökonomen5, dass die Kapazität, sich moralisch zu verhalten, ein rares Gut sei und dass deswegen Menschen davor bewahrt werden sollten, dieses Gut allzu oft einsetzen zu müssen, weil es sonst zu schnell verbraucht sei. Moralisches Vermögen brauche sich durch Anwendung nicht auf, sondern komme so erst recht zur Geltung, erwidert darauf Michael Sandel.
Die Ökonomen empfehlen als Grundhaltung einen rationalen Egoismus: Märkte ermöglichen es uns, unserem «natürlichen Hang zum Egoismus» zu frönen und dabei sogar noch positive Effekte zu erzeugen. Dass Verhalten (auch moralisches) erlernt werden muss, scheint dabei vergessen zu gehen. Einer der Hauptkritikpunkte der Sozialisten an den Marktmechanismen war denn auch immer, dass sie ein eigennütziges und zerstörerisches Verhalten zusätzlich befördern würden.
Märkte mögen nützliche Instrumente zur Verteilung von Gütern sein, sie sind deswegen aber noch lange nicht allmächtige Gottheiten, die über das Schicksal ganzer Nationen bestimmen dürfen, noch sind sie ein Ersatz für moralisches Lernen und Verhalten. Wer die Macht an die Märkte abgibt, riskiert einen gefährlichen Demokratieverlust. Für Christen ist das eine direkte Herausforderung der Autorität Gottes. Dazu droht der Verlust der moralischen Gemeinschaft, ohne die keine Gesellschaft Bestand haben kann. Nehmen wir uns dies als Christen zu Herzen und bieten wir diesen gefährlichen Tendenzen rechtzeitig Paroli!

1 Mt 6,14 (Luther 1984)
2 Er ist Professor in Harvard und leitet den dortigen «Justice»-Kurs: http://www.justiceharvard.org/
3 «Was Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen der Märkte»
4 PIIGS: Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien
5 prominent: Kenneth Arrow, aber auch zum
Beispiel Sir Dennis H. Robertson


Conrad Krausche studiert an der Uni Bern «Political and Econonomical Philosophy (PEP)» und engagiert sich in der Bibelgruppe für Studierende der VBG in Bern.
conrad@STOP-SPAM.krausche.org 

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