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Heilsame Lösungen für eine kranke Gesellschaft

Hanspeter Schmutz Um gesellschaftliche Strukturen heilsam zu verändern, hilft neben einem Blick in die Bibel oft auch ein Blick in die Schöpfung. Und: Manchmal sind säkulare Journalisten beim Aufdecken von strukturellen Mängeln schneller als die eigenen Gebete.

Unser Wirtschaftssystem ist krank, sagt der Berner Psychiater und Unternehmensberater Michael Sonntag. Und führt dazu einige Beispiele an: «Unser Umgang mit physikalischen und menschlichen Ressourcen ist mörderisch. Konzerne wie Amazon oder Lidl werden von Menschen ohne jede Sozialkompetenz und ohne jegliches Verständnis für komplexe Zusammenhänge rein auf kurzfristigen Gewinn getrimmt. Ihr Hauptzweck ist, die Interessen der Aktionäre, meist Pensionskassen, zu bedienen. Die Mitarbeiter sind Mittel zum Zweck, sollen 80 Stunden pro Woche arbeiten, ohne wirklichen Gestaltungsspielraum; wenn sie ausgelaugt sind, werden sie ersetzt. Wer als Manager in diesem System aufsteigen will, braucht psychopathische Charaktereigenschaften: wenig Empathie, möglichst ausgeprägte Rücksichtslosigkeit und Fähigkeit zur Intrige, Ausbeutung von Umwelt und anderen Menschen, also eine prinzipielle Bereitschaft zu unethischem Verhalten1.» Solche «bösartigen» Unternehmensstrukturen zu kritisieren, ist das eine. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie ein Wirtschaftssystem, das diese Entwicklungen offenbar begünstigt, allenfalls geheilt werden könnte.
Bei seiner Antwort nimmt Sonntag die Natur zu Hilfe. Auch wenn man weiss, dass die Natur nicht nur gute Seiten hat: seine Überlegungen wecken Interesse. Er orientiert sich dabei an wissenschaftlichen Erkenntnissen – und bestätigt gleichzeitig zumindest fünf der vom Institut INSIST vertretenen sieben Grundwerte2 (in Klammer dazugesetzt). Wie also müsste eine gesunde Wirtschaft aussehen? «Diese müsste ... letztlich mit und nicht gegen die Prinzipien lebendiger Systeme arbeiten (Leben).» Sonntag verweist darauf, «dass ... die langfristig erfolgreichsten Organismen diejenigen sind, die hohe soziale Kooperations- und Interaktionsfähigkeiten entwickelt haben» (Gemeinschaft). Auf die Frage, was das für den Wirtschaftsalltag heisse, meint er unter anderem: «Nachhaltig gesunde Systeme schaffen ... Rahmenbedingungen, die ein Maximum an autonomer Handlungsfähigkeit ermöglichen» (Freiheit). «Dazu braucht es aber auch entsprechende offene Informationssysteme» (Wahrheit). Und: «Das braucht Rahmenbedingungen, in denen sehr viel Vertrauen möglich gemacht wird» (Liebe). Erfreulich ist, dass zumindest eine der erwähnten Schweizer Firmen, die diese Kriterien erfüllten, von Christen geführt wird: die «Bürsten»-Firma Trisa aus Triengen3.

Die Heilsarmee ist bekannt für ihr heilsames Wirken. Im Kanton Bern ist sie stark bei der Betreuung von Flüchtlingen engagiert. Das christlich geprägte Leitbild verbietet es der Heilsarmee, die Sparmassnahmen des Kantons 1:1 umzusetzen. Das hat dazu geführt, dass sie allfällige Defizite ab und an aus dem eigenen Sack bezahlen muss. Gleichzeitig hat sie in letzter Zeit Aufträge an gewinnorientierte Firmen wie die ORS AG verloren.
Als Mitglied der Asylkommission Bern-Mittelland erzürnen mich solche Zusammenhänge. Ich notierte mir deshalb nach der letzten Sitzung, dass ich unbedingt mehr über diese zweifelhafte Konkurrenz der Heilsarmee erfahren möchte. Recherchen aber brauchen Zeit.
Der österreichische Journalist Markus P. kam mir zuvor. Er schlich sich ins von ORS Österreich geführte Asylzentrum Traiskirchen ein und filmte die dortigen prekären Umstände. Es gab im Lager weder Mülleimer, Klopapier, Deutschkurse noch einen Billardtisch, und die von der Bevölkerung gespendeten Kleider lagen unsortiert auf dem Boden. Klar, das Asylzentrum Traiskirchen ist zur Zeit überbelegt und deshalb überfordert. Trotzdem erinnert der zynische Umgang mit Asylbewerbern an Geschichten, die man auch über ORS Schweiz gehört hat. Schliesslich ist ORS eine AG und will mit Flüchtlingen Geld verdienen!
Der «Bund»-Kommentator brachte seine Schlussfolgerung so auf den Punkt: «Im Asylwesen ist das Kon-zept der Privatisierung gescheitert.» Schön, dass die Unterstützung beim Aufdecken von kranken Strukturen manchmal schneller kommt, als ich beten kann!

1  «Der Bund» vom 22.8.15
2  Gemeinschaft, Wahrheit und Liebe, Leben und Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit
www.trisa.ch


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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