Praxis

Das Böse mit dem Guten überwinden

Madeleine Bähler Die biblische Grundstrategie gegenüber dem Bösen heisst: Das Böse mit dem Guten überwinden1. Dies gelingt nicht immer. Aber es ist einen oder auch mehrere Versuche wert. Die Mediatorin Madeleine Bähler zeigt dies an zwei Beispielen.

Schlechtes Wetter im Büro
Frau S. arbeitet als administrative Fachkraft in einer mittelständischen Firma. Der Chef hat ihr ein Coaching vorgeschlagen, damit sie lernt, sich gegenüber ihrer Kollegin zu behaupten.
Frau S., eine gewissenhafte und eher zurückhaltende Person, berichtet beim ersten Coaching-Gespräch, dass sie mit einer Kollegin das Büro teile. Diese sei eine tüchtige und sehr extrovertierte Person. Sie explodiere jedoch gelegentlich aus unerfindlichen Gründen. Die meisten männlichen Mitarbeiter würden jeweils bei einer «Schlechtwetter-Ansage» einen Bogen um das Büro machen. Sie jedoch müsse den ganzen Tag im selben Raum mit ihr verbringen. In letzter Zeit sei sie oft die Zielscheibe von stark abwertenden und gehässigen Kommentaren bezüglich ihrer Arbeit. Jeder noch so kleine Fehler werde von der Kollegin geahndet und wortreich kommentiert. Sie hat sich schon überlegt, eine neue Stelle zu suchen, um diesen Attacken zu entkommen.
Gemeinsam überlegen wir, welche Alternativen es gibt. Manche Kollegen empfehlen Frau S., die Kollegin einfach nicht zu beachten, wenn sie wieder ausrastet. Der Ehemann von Frau S. findet, sie solle doch mal zurückschreien und die Kollegin zusammenstauchen. Aber das entspricht Frau S. und ihren christlichen Werten nicht. Sie vermutet, die Ausbrüche der Kollegin hingen mit deren persönlichen Problemen in der Familie zusammen. Gelegentlich habe die Kollegin Andeutungen in dieser Richtung gemacht.
Als Ziele für das Coaching definiert Frau S. schliesslich die Fähigkeit, sich von den ungerechtfertigten Angriffen der Kollegin distanzieren zu können und bezüglich ihres Verhaltens das Gespräch mit der Kollegin zu suchen.
Im weiteren Beratungsverlauf setzt sich Frau S. mit konkreten Situationen auseinander, analysiert das Geschehene, reflektiert und hinterfragt ihre Deutungsschemas und überlegt mögliche Handlungsoptionen. Sie merkt, dass sie durchaus zu ihren Fehlern stehen kann, ohne sich dabei klein zu machen bzw. die Abwertung der Kollegin zu übernehmen.
In einem nächsten Schritt bereitet sie sich auf ein Gespräch mit der Kollegin vor, an dem sie dieser anhand eines konkreten Beispiels mitteilen wird, dass man sie durchaus auf Fehler hinweisen kann, dies jedoch in einer sachlichen und respektvollen Art erfolgen sollte.
Nach diesem Gespräch beruhigt sich die Situation ein wenig. Doch einige Zeit später ergiesst sich wieder eine aggressive Tirade auf Frau S. Diesmal ist ihr jedoch rasch klar, dass sie gar keinen Fehler gemacht hat und die Anschuldigungen unbegründet sind. Frau S. geht kurze Zeit aus dem Büro. Nachdem sie sich etwas beruhigt hat, spricht sie die Kollegin auf ihr Verhalten an und fragt, ob etwas Besonderes geschehen sei, dass sie sich so aufgeregt verhalten habe. Die Kollegin beginnt zu weinen und erzählt davon, dass sich ihr Sohn und ihr neuer Lebenspartner nicht vertragen. Die Spannung sei manchmal fast nicht auszuhalten. Frau S. äussert Verständnis für die schwierige Situation und bittet die Kollegin, ihr doch jeweils mitzuteilen, wenn sie es besonders schwer habe, statt sie anzuschnauzen.
Die beiden Mitarbeiterinnen können in der Folge noch mehrere Jahre – bis die Kollegin sich neu orientiert – gut miteinander arbeiten.

 

Missbrauch in der Familie und Gemeinde
Frau H. wird als Kind Opfer von sexuellen Übergriffen durch ihren Vater. Sie hat in dieser Zeit nicht den Mut, sich jemandem anzuvertrauen. Erst sehr viel später, im Rahmen einer seelsorgerlichen Beratung, wagt sie es, ihre schmerzlichen Erfahrungen zu thematisieren und sich der Ohnmacht, Wut und Not zu stellen. Am Ende eines längeren Prozesses wagt sie es, ihre Eltern mit dem Erlebten zu konfrontieren und ihnen zugleich auch zu sagen, dass sie ihrem Vater vergebe. Die Eltern reagieren betroffen und der Vater gesteht ein, er habe während einer schwierigen Phase in der Ehe bei ihr Trost und Nähe gesucht.
Frau H. fühlt sich durch das Gespräch, das Eingeständnis des Vaters und den Akt der Vergebung befreit. Sie kann sich endlich auf eine Beziehung zu einem Mann einlassen und heiratet.
Einige Jahre später, bei einem Familienfest, wird sie von den Schatten der Vergangenheit wieder eingeholt. Im allgemeinen Trubel bemerkt sie nicht, dass die jüngste Tochter auf die Toilette musste und anscheinend von ihrem Grossvater – dem Vater von Frau H. – begleitet wurde. Auf dem Weg nach Hause wirkt die Kleine verstört. Zu Hause angekommen, fragt Frau H. behutsam nach. Schliesslich erzählt die Tochter, dass ihr Grossvater sie in der Toilette auf eine unangenehme Art und Weise berührt habe.
Frau H. und ihr Ehemann sind äusserst alarmiert. Sie
suchen so rasch wie möglich Unterstützung für ihre Tochter. Die kontaktierte Fachperson empfiehlt ihnen dringend, Anzeige zu erstatten. Frau H. und ihr Ehemann wollen als Christen diesen Schritt jedoch möglichst vermeiden. Sie melden sich kurzerhand bei den Eltern für ein dringliches Gespräch an und konfrontieren den Vater von Frau H. mit den Aussagen des Kindes. Sowohl der Vater als auch die Mutter reagieren empört. Das seien Hirngespinste der Kleinen, Frau H. versuche sich trotz zugesprochener Vergebung zu rächen. Als Frau H. klar und deutlich verneint und beteuert, dass die Vergebung für das selbst erlittene Leid nach wie vor gelte, wird sie als hysterische Mutter bezeichnet. Der Ehemann versucht, deutlich zu machen, welche Auswirkungen die vorgefallene Handlung auf das Kind habe. Aber auch er stösst auf Abwehr. Frau H. und ihr Ehemann fahren wieder nach Hause, ohne dass irgendetwas geklärt werden konnte. In ihrer Not ruft Frau H. ihre Schwester an. Sie erzählt, was geschehen ist und erwähnt auch die Übergriffe, die sie durch den Vater erlebt hat. Worauf die Schwester erschrocken meint: «Was, er hat auch dich missbraucht; ich dachte immer, ich sei die Einzige!»
Frau H., ihr Ehemann und die Schwester von Frau H. wenden sich schliesslich an eine Familientherapeutin. Mit ihrer Hilfe können sie das Erlebte besprechen und nächste Schritte ins Auge fassen. Doch noch bevor sie etwas unternehmen können, erhält Frau H. einen Anruf vom Pastor aus der Gemeinde ihrer Eltern. Ihren Eltern gehe es sehr schlecht, ihre Anschuldigung wegen ihrer kleinen Tochter sei eine furchtbare Belastung. Als Frau H. nachfragt, ob ihr Vater ihm denn auch gesagt habe, dass er sie und ihre Schwester als Kind missbraucht habe, reagiert der Pastor mit grosser Betroffenheit. In der Folge bemüht er sich, die Eltern für einen von einer Fachperson geleiteten Prozess der Klärung und Heilung zu gewinnen.
In einem Vorgespräch mit der Fachperson erwähnt der Vater, er sei nur unter einer Bedingung für diesen Prozess bereit: Frau H. müsse zuerst schriftlich um Vergebung bitten, dass sie das Ansehen ihres Vaters beschmutzt habe, indem sie dem Pastor von den bereits vergebenen Vorfällen erzählt habe. Für die Fachperson ist klar, dass so kein heilsamer Prozess beginnen und gelingen kann. Der Vater zweifelt in der Folge den Glauben der Fachperson an und schlägt vor, man möge mit einer andern Person einen ausschliesslich geistlichen Weg beschreiten.
Frau H. und ihr Ehemann sowie die Schwester von Frau H. bleiben klar: Sie werden ihre Kinder schützen und wünschen sich einen heilsamen Prozess, der von einer kompetenten christlichen Fachkraft geleitet wird.
Der Vater von Frau H. ist dazu aber nicht bereit. Herr und Frau H. machen in der Folge eine Anzeige, halten das Angebot eines Klärungs- und Heilungsprozesses jedoch aufrecht.

 

1  Röm 12,21

 

Madeleine Bähler ist Mitarbeiterin bei ComPax, dem Institut für Konflikttransformation am Bienenberg.
www.ComPax.org

To top