Psychologie

Die «Entbösung» des Bösen

Dieter Bösser Warum geschehen immer wieder schreckliche Taten, obwohl sie von fast allen Menschen verurteilt werden? Der Psychologe und Theologe Dieter Bösser versucht im Folgenden, das Böse psychologisch einzuordnen.

Nur schon ein Blick auf die jüngere Geschichte und das Zeitgeschehen wirft im Zusammenhang mit der Frage nach dem Bösen viele Fragen auf.

  • Wieso hat im Dritten Reich das deutsche Volk die Vernichtung der Juden unterstützt, und warum hat es sich in einen Mehrfrontenkrieg führen lassen, der unbeschreibliches Elend zur Folge hatte?
  • Wieso hat Josef Stalin Millionen vermeintliche bzw. tatsächliche Gegner verhaften lassen? Viele wurden in Schau- und Geheimprozessen zu Zwangsarbeit verurteilt oder hingerichtet.
  • Warum konnte es zum Massaker von Srebrenica im Juli 1995 kommen, bei dem mehr als 8000 Männer umgebracht wurden? Wie kann es sein, dass Radovan Karadži, der als einer der Verantwortlichen vor dem Haager Tribunal steht, vor seiner politischen Karriere als Psychiater tätig war?
  • Wie ist es zu verstehen, dass in Ruanda zwischen April und Juli 1994 mindestens 500’000 Menschen getötet werden konnten, meistens Angehörige der Tutsi-Minderheit und gemässigte Hutu, die sich an dem Völkermord nicht aktiv beteiligen wollten?
  • Wie sind die Untaten des Islamischen Staates (IS) zu erklären, die aktuell vor allem in Syrien und im Irak Schrecken und Tod verbreiten?


Schuldfähig oder nicht?
Es ist offensichtlich: Menschen sind zu ungeheuren Schreckenstaten fähig, als Einzelne, als Gruppe oder als Volk, und zwar Menschen aus unterschiedlichen Völkern und Angehörige verschiedenster Religionen. Kurz: Das Böse ist eine Realität.
Allerdings ist «Das Böse» eine primär moralische Kategorisierung. In den Lehrbüchern der Psychologie findet man wenig dazu. Wenn Gewalttaten vor Gericht verhandelt werden, dann müssen oft forensische Psychiater und Psychologen die Schuldfähigkeit der Angeklagten beurteilen. Wer als zurechnungsfähig eingestuft wird, muss die Verantwortung für seine Taten übernehmen und wird zu einer Haftstrafe verurteilt. Wer als nur eingeschränkt oder gar nicht zurechnungsfähig eingeschätzt wird, wird dagegen zu einer Massnahme in einer geschlossenen Einrichtung verurteilt. Diese Personen werden therapeutisch betreut, bis ihre Haftstrafe abgelaufen ist und bis ihnen attestiert wird, dass sie keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darstellen.
Im Juli 2011 tötete der Norweger Anders Behring Breivik 77 Menschen. Er wurde im August 2012 für zurechnungsfähig erklärt und zu 21 Jahren Haft mit anschliessender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Hinsichtlich seiner Schuldfähigkeit kamen allerdings zwei verschiedene Gutachten zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.
Daran wird deutlich, wie schwierig es ist, die Zurechnungsfähigkeit von Straftätern angemessen einzuschätzen.

Kann man das Böse erkennen und behandeln?
Anlässlich einer Fachtagung erschien 2014 das Buch «Das Böse behandeln». Die Herausgeberin Dr. Nahlah Saimeh ist Ärztliche Direktorin eines Zentrums für Forensische Psychiatrie und setzt sich in einem Kapitel mit der Behandelbarkeit des Bösen auseinander. Mit dem Bösen beschäftigen sich Theologen, Philosophen, Biologen, Ethnologen, Psychotherapeuten, Ärzte, Pädagogen, Soziologen, Juristen, Kriminalisten, Kriminologen, Politiker, Künstler, Journalisten u.a. Jede dieser Berufsgattungen hat eine eigene Herangehensweise an das Phänomen des Bösen und deutet es anders. Saimeh schreibt: «Wäre das ‚Böse’ eine 360-Grad-Panorama-Landschaft, die Forensische Psychiatrie gestattete gewiss einen Ausblick auf nicht mehr als 50 Grad1.» Demzufolge kann die Forensische Psychiatrie weniger als ein Sechstel «des Bösen» beschreiben und erklären.
Forensiker versuchen beim Erstellen von Gutachten die Persönlichkeit der Täter zu beschreiben. Sie verwenden dabei anerkannte Klassifizierungssysteme für Psychische Störungen2. Anhand der darin genannten Kriterien wird eingeschätzt, ob und was für eine psychische Störung vorliegt, auf welche die schreckliche Tat zurückgeführt werden kann. Forensiker kennen eine Reihe von Faktoren, die Morde und das Ausleben sexueller Perversionen begünstigen. Neben einer genetischen Veranlagung spielen beispielsweise schwere Beziehungsstörungen in der Kindheit eine grosse Rolle. «Den Kern des Übels aber behandelt sie (die Forensische Psychiatrie, db) nicht. Zum ‘Bösen’ vermag die Forensische Psychiatrie nicht durchzudringen3.»
Ob eine Tat moralisch verwerflich ist, spielt für den Forensiker eigentlich keine Rolle. «Böse Taten werden hier (in der Psychiatrie, db) nicht mehr moralisch kategorisiert, sondern als Krankheitssymptom ‚entböst’.» Etwa so:

  • Sexueller Missbrauch eines Kindes: das Kernsymptom einer sexuelle Präferenzstörung
  • Tötung der Mutter: Symptom eines chronischen Vergiftungswahns
  • Tötung der Ehefrau: eindeutig verstehbar als schwere narzisstische Krise bei einem symbiotischen Bindungsstil.
  • Wo ist das Böse in der Forensischen Psychiatrie?4

Irritierend ist, dass vielen Tätern von ihrem sozialen Umfeld Unauffälligkeit oder sogar eine umgängliche Art bescheinigt wird. In ihrem Inneren aber pflegen sie Phantasien des Quälens und der Zerstörung. Eines Tages setzen sie diese dann in die Tat um. Dabei gehen sie oft sehr geplant vor und zeigen mit ihren Opfern keinerlei Mitleid, auch wenn diese inständig darum betteln.
Der Schweizer Forensiker Marc Graf schätzt, dass sich die Forensische Psychiatrie bezüglich ihres Erkenntnisfortschritts auf dem Stand der Chirurgie vor ca. 100 Jahren befindet5. Er meint, dass psychische Störungen von Fachpersonen nur mit einer Genauigkeit von 60% bis 80% diagnostiziert werden können. Das führt zu einer erstaunlich hohen Fehlerquote in der Diagnose und auch in der Risikobeurteilung von Straftätern.
Wenn bei Jugendlichen sadistische Tendenzen erkennbar sind – wie etwa Tierquälereien –, sollte nach Prof. Michael Osterheider möglichst bald mit therapeutischen Massnahmen begonnen werden. Dann seien die Chancen am grössten, dass diese Neigungen nicht zu gewaltsamen Taten an Menschen führen. Hat eine brutale Straftat bereits stattgefunden, sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Therapie wesentlich schlechter bzw. nicht mehr vorhanden6. Der verurteilte Serienmörder Frank Gust äusserte sich in der gleichen Sendung ähnlich. Er sagte, dass er nicht therapierbar sei und lebenslang verwahrt bleiben wolle: «Wer ein Mal aus sexueller Motivation heraus gemordet hat, trägt diese Fähigkeit immer in sich.»

Die Lust am Bösen
Der Psychotherapeut und frühere IKRK-Delegierte Eugen Sorg schreibt in seinem Buch «Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist» von seinen Besuchen in verschiedenen Kriegsregionen. Er berichtet von seinen Gesprächen mit Tätern und mit Opfern. Im Buch analysiert er auch Gewalttaten wie die des «Todesengels» von Luzern, der im Februar 2006 wegen siebenfachen Mordes und 15-facher vorsätzlicher Tötung an pflegebedürftigen Menschen verurteilt wurde. Er berichtet von Prügelexzessen, bei denen junge Erwachsene brutal auf Menschen einschlugen und -traten. Deren Tod bzw. ihre Invalidität wurden dabei bewusst in Kauf genommen. Bei der Erklärung für solches Handeln wehrt sich Sorg pointiert dagegen, dass man die Täter einseitig für psychisch krank erklärt und ihnen damit die Verantwortung für ihre Taten abnimmt. Zudem spricht er sich dagegen aus, wenn Journalisten per Ferndiagnose die Ursache für brutalste Aktionen ausschliesslich im sozialen Umfeld der Täter suchen. Er zitiert einen verurteilten Täter so: «Ich fand es lustig, wie die dann am Boden lagen. Dann liess ich richtig die Sau raus7.» Sorg berichtet vom Hochgefühl der Täter, wenn sie quasi als Gott über Leben und Tod anderer Menschen entscheiden können. Sie geniessen es, Menschen nach Lust und Laune zu
quälen, ohne einen Anflug von Empathie. Sie leben ihre destruktiven Phantasien aus, weil sie sich dazu entschieden haben. Damit macht Sorg sie für ihre Taten verantwortlich. «In allen bekannten bisherigen Gesellschaften wurde das Böse als eigenständige Realität begriffen8.» – «Wird der intrinsische Charakter des Bösen negiert, erkennt man es auch nicht mehr, wenn es direkt vor einem steht9.» Selbst wenn einige Ausführungen von Sorg als vereinfachend erscheinen, so decken sich doch viele seiner Aussagen mit denen von Forensikern.

Die Fähigkeit zur Entscheidung
«Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt. Er sagte: ‚Der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen. Einer ist böse. Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego. Der andere ist gut. Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Grosszügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.’ Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Grossvaters nach und fragte dann: ‚Welcher der beiden Wölfe gewinnt?’ Der alte Cherokee antwortete: ‚Der, den du fütterst.’»
Diese Geschichte kann an verschiedenen Stellen im Internet abgerufen werden. Auch wenn hier keine psychische Konzeption im üblichen Sinne vorliegt, so zeigt sie doch etwas von der ambivalenten menschlichen Natur, von der man rund um den Globus weiss. Diese Geschichte legt nahe, dass es in der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen liegt, welchen Wolf er füttern will. Kann der böse Wolf eines Tages so stark werden, dass man sich nicht mehr gegen ihn wehren kann?

Der Böse
Das Böse kann nicht umfassend erklärt werden, wenn man es ausschliesslich als Folge einer psychischen Störung auffasst. Für das Böse gibt es ganz unterschiedliche Erklärungsansätze: religiöse, evolutionsbiologische, entwicklungspsychologische, gesellschaftliche, anthropologische u.a. Erschütternd ist die Macht, die das Böse entfalten kann. Erschütternd ist, wenn das Böse in einer totalitären Umgebung systemische Ausmasse annimmt. Wenn es darum geht, die Verletzungen an Leib und Seele des Opfers nach einem sexuellen oder rituellen Missbrauch angemessen zu beschreiben, fehlen die Worte.
Erschütternd ist zudem, wie das Böse weiterlebt, wenn nach begangenem Unrecht kein Prozess der Vergebung und Versöhnung in Gang gesetzt wird, wie das in Süd-
afrika zur Zeit der Präsidentschaft Nelson Mandelas versucht wurde. Im Zeitalter nach der Aufklärung ist es offensichtlich höchst irritierend, sich die Irrationalität des Bösen vor Augen zu führen. Ernüchternd ist die Tatsache, in wie vielen Fällen Täter als nicht therapierbar eingestuft werden müssen und wie oft ihre Opfer nur ansatzweise Heilung erleben.
Diese offensichtlichen Phänomene lassen es als gerechtfertigt erscheinen, nicht nur von furchtbaren Taten zu sprechen, sondern vom «Bösen», das sich in diesem
Tun manifestiert. Es stellt sich die Frage, ob sich hinter dem Phänomen des Bösen allenfalls einer verbirgt, den man als «der Böse» bezeichnen müsste. Der Mainstream der Psychologen und Psychiater geht nicht davon aus, dass nicht-menschliche Mächte auf Menschen einwirken können. Wenn Einzelne behaupten, dass sie von Dämonen oder vom Teufel zu Gewalttaten angestiftet worden seien, dann werden dafür Ursachen im Bereich einer psychischen Störung gesucht. Streng genommen fehlen Psychologen und Psychiatern aber die Instrumente, um die Existenz und den Einfluss einer Wesenheit, die als «der Böse» bezeichnet wird, völlig auszuschliessen.
Es wäre daher fahrlässig, seine Existenz und seinen Einfluss vorschnell aus der Analyse zu entfernen. C. S. Lewis schreibt im Vorwort der «Dienstanweisungen für einen Unterteufel»: «Es gibt zwei Irrtümer über die Teufel, in die das Menschengeschlecht leicht verfällt. Sie widersprechen sich und haben doch dieselbe Auswirkung. Der eine ist, ihre Existenz überhaupt zu leugnen. Der andere besteht darin, an sie zu glauben und sich in übermässiger und ungesunder Weise mit ihnen zu beschäftigen. Die Teufel selbst freuen sich über beide Irrtümer gleichmässig.»

1  S. 187
2  ICD der Weltgesundheitsorganisation WHO oder das DSM der American Psychiatric Association APA
3  S. 199
4  S. 196
5  SRF, Dok-Sendung vom 26. September 2013
6  Spiegel TV, Das Böse im Menschen, 2006
7  Sorg, S. 67
8  Sorg, S. 29
9  Sorg, S. 30


Dieter Bösser, MTh und MSc UZH, ist alsTheologe und Psychologe unterwegsin unterschiedlichen Fachgebieten mit demZiel, wissenschaftliche Konzeptionenund das Leben in die Nachfolge Christi zuintegrieren. Er ist zudem Leiter der VBGArbeitunter Berufstätigen.

dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net

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