Glosse

Seid transparent!

Thomas Hanimann «Edel sei der Mensch, hilfreich und vor allem transparent.» – So hätte Johann Wolfgang Goethe heute wohl geschrieben und das unbequeme Wort «gut» schon gar nicht in den Mund genommen. Das Unterscheiden von «Gut» und «Böse» – ein Produkt aus dem sittlichen Europa der Aufklärung – kann heute getrost vergessen werden.

 

Tiefgründige moralische Kategorien werden das auf Konsum und Kommunikation fixierte Europa keinen Schritt weiterbringen. Geheimnisse hindern die weitere Entwicklung. Was es heute braucht, ist vor allem eines: Transparenz. Und das bitteschön umfassend: Transparente Büroräume, transparente Handelsbeziehungen, transparente Bilanzrechnungen, transparente Politiker und vor allem: völlig transparente Individuen.

Die Brille ist schon unterwegs

Horten Sie noch Geheimnisse? Winzige persönliche Geheimnisse: eine Notlüge, ein heimliches Leiden, ein peinliches Versagen? Wenn Sie noch Ihre kleinen, ganz privaten «Verstecke» haben, sollten Sie ab sofort anfangen, umzudenken. Die Welt braucht Frauen und Männer, die ihre Haut auch auf der Innenseite zeigen.
In der Gesellschaft von morgen leben Menschen, die ihren Besitz, ihre Fähigkeiten, ihre Absichten konzentriert auf einem lesbaren Chip tragen. Bezahlt wird nicht mehr in Franken, Dollar, Euros oder Drachmen. Die sichere Bezahlung ist ein kleines Stückchen Preisgabe von dem, was sich in den Hirnwindungen bewegt und tief im Herzen steckt. Nur transparente Menschen können im revolutionären Zeitalter der Kommunikationstechnologie gemanagt werden.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Google wird uns beim Aufrufen der Google-Suche nicht mehr eine grosse Auswahl von Optikergeschäften vorschlagen, weil wir vor zwei Stunden «Brillenbär» ins Suchfenster eingegeben haben. Nein, wir werden die eine und einzige richtige Brille auf dem Bildschirm sehen, das Exemplar, das zu uns passt. Wahrscheinlich brauchen wir dannzumal nicht einmal mehr zu bestätigen, dass wir dieses Produkt haben möchten. Die Brille ist nämlich schon auf dem Weg zu uns und die Rechnung vom Chipkonto abgebucht. Das schafft Zeit, um sich mit anderen, wesentlicheren Dingen zu beschäftigen. Klappt doch! Warum noch darüber nachdenken, ob wir überhaupt eine neue Brille brauchen, ob sie uns gefällt und ob vielleicht auch eine günstigere gereicht hätte?

Nutze den Tag

«Das Ziel des Lebens ist das Gute», sagte einmal Leo Tol-stoi. – Mitnichten. Wenn Transparenz die Hauptsache ist, wissen wir, was wir wirklich brauchen und dass Moral letztlich bedeutungslos ist.
Ein Alkoholsuff, ein hässlicher Streit mit dem Lebenspartner, eine dreiste Lüge, ein hinterlistiger Tritt ans Schienbein des Gegners, eine unterlassene Hilfeleistung – was solls: Der Chip ist gnädiger als ein Gewissen. Jetzt heisst es nur noch: Carpe diem – nutze den Tag, so wie es dein Siri für dich vorgesehen hat. Er führt dich von einer Stunde zur andern, gemäss optimierten Berechnungen und ohne Stress, Langeweile oder Leerlauf. Wir werden uns am Abend wieder sagen können: «Heute ist alles optimiert gelaufen.» Und dann unsere elektronische Mikrokarte in die Ladestation einschieben. Nach dem Einnehmen der Medikamente werden wir die neue Brille ablegen – und danach rasch und gesund einschlafen.
Nur in einem seltenen Moment der Schlaflosigkeit wird uns vielleicht schmerzlich ein Gedanke durch den Kopf gehen: «O mein Gott, wie gerne möchte ich doch wieder einmal etwas richtig Gutes tun.»

To top