Bildende Kunst

Christlicher Glaube und zeitgenössische Kunst

Michel Bieri/Anne-Lise Diserens Es gab eine Zeit, da war die moderne, oft auch abstrakte Kunst für viele nicht vereinbar mit dem christlichen Glauben. Im Gegenteil, die zeitgenössische Kunst wurde diffamiert. Das hat sich geändert. Ausdruck davon war das «Lange Wochenende der Künste» im Campo Rasa TI.

Ende der 80er-Jahre war der VBG Fachkreis «Artelier» entstanden. Darauf folgte der VBG Fachkreis «Bildende Kunst» und nun – in Kooperation mit dem Magazin «Bart»1 – der VBG Fachkreis «Kunst und Gestaltung»2. Aus dieser Kooperation he-
raus wurde unter der Leitung von Michel Bieri und Samuel Scherrer im August das «Lange Wochenende der Künste» in Rasa organisiert.

Vielfältige Workshops
Eine so starke Resonanz hatten sich die Organisatoren kaum zu erträumen gewagt. Selbst Ferienwohnungen mussten in Rasa gemietet werden, um alle Angemeldeten aufzunehmen.
Das Wochenende hatte es dann in sich. Professionelle Kunstschaffende gestalteten Workshops in den Bereichen Literatur, Theater, Tanz, Skizzieren, Vergolden, Installationen, Bildanalyse und Ton. Mit einem riesigen, gemeinschaftlich geknüpften Netz im Wald oberhalb von Rasa wurde die Vernetzung der Teilnehmenden räumlich gestaltet. Auch Segensspuren aus der Geschichte des Campo in Rasa wurden sichtbar gemacht. Eine nächtliche Installation rückte das Mauerwerk eines alten Stalles in ein neues Licht und ermöglichte eine neue Wahrnehmung. Klänge eines Vibraphonisten hallten durch den Wald, beschallten Mauern und die Kirche und erkundeten so die Wirkung verschiedener Räume. Zudem führte eine gemeinsame Recherche anhand von verschiedenen Materialien, der Natur und mit performativen Bewegungsimprovisationen zum Spannungsfeld «zeigen-
bergen» zu guten Diskussionen.

Voneinander lernen
Im Vordergrund stand an diesem Wochenende nicht nur das künstlerische Ergebnis, sondern viel mehr die Vernetzung künstlerischer Fachgebiete und ihrer Künstler und Künstlerinnen, die Auseinandersetzung mit Glauben und Kunst und die gegenseitige Inspiration. In den Workshops wurden mögliche Formen christlicher Ästhetik debattiert und erprobt.
In einem Podiumsgespräch kamen provokante Thesen wie jene von Gerrit Pithan zur Sprache. Er behauptet: «Kunst unter Christen erschöpft sich bis auf wenige Ausnahmen in Plattheiten, Harmlosigkeit und trüber Harmonisierung.» Das hohe fachliche Niveau der Workshops wie auch die Diskussions-
fähigkeit aller Teilnehmenden vermochte dieser These einiges ent-
gegenzuhalten, gleichzeitig wur-
den aber auch Hausaufgaben aufgezeigt.
Die Teilnehmenden waren sich einig, dass es gilt, mutig den persönlichen bzw. geistlichen Impulsen zu folgen und der künstlerischen Stimme in der Gegenwartsanalyse und Zukunftsforschung Ausdruck zu verleihen. Die Wahrnehmungsfähigkeit und die Gabe von Künstlern, das Gesehene, Erlebte und Erahnte in verschiedene Sprachen der Kunst zu kleiden, ist letztlich ein Geschenk für unsere Gesellschaft, auch im christlichen Kontext.

Der Traum von der neuen Freiheit
Hinter dem «Langen Wochenende der Künste» steht ein Traum. Der Traum von einem Kunstschaffen aus der Inspiration des biblischen Gottes, welches die christliche Gemeinde auf dem permanenten Weg der Selbstfindung herausfordert und stimuliert. Kunst soll wieder auf Augenhöhe mit den anderen Disziplinen der Kirche agieren können.
Dabei kann die Volkswerdung Israels in der Exodusgeschichte den Kunstschaffenden als Vorbild auf dem Weg zur persönlichen Identitätsfindung dienen. Es ist ihre Aufgabe, sich als Vorbild für die ganze Gesellschaft aus dem Fronarbeitersystem zu lösen, das im Land Ägypten von der haltgebenden Kraft zur beherrschenden Macht geworden ist. Der Weg zu den neuen Freiheiten wird zwar durch Plagen, Neugeburt und Wüste sowie durch «Schlachten» gehen. Kunstschaffende, die diesen Weg gehen, werden aber eine ganze Gesellschaft mit sich reissen können.

Hinweis: Das nächste «Lange Wochenende der Künste» wird vom 15.-18. September 2016 in Rasa stattfinden

1  Magazin für Kunst und Gott; siehe: www.bartmagazin.com
2  Kontakt für Interessierte am VBG-Fachkreis «Kunst und Gestaltung»: Samuel Scherrer, info@STOP-SPAM.bartmagazin.com


Michel Bieri, Zentrumsleitung Kurs- und Ferienzentren Casa Moscia und Campo Rasa der VBG

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