Medien

Mit bösen Worten unterhalten

Thomas Hanimann Viele rufen danach, wenige erschaffen sie und wo sie erscheint, wird sie oft missverstanden: die Satire. Allerdings liegt sie heute im Trend. Spätestens seit Jon Stewart’s Daily Show — einer berühmten satirischen Nachrichtensendung in den USA — steht fest: Auch ernsthafte Nachrichten lassen sich im Rahmen einer Satire-Sendung erfolgreich in alle Welt verbreiten.

Bereits wird in der Medienbranche eifrig darüber diskutiert, ob Nachrichten in Satire-Form sogar die Qualität und die Wirkung der herkömmlichen Nachrichtensendungen übersteigen können. Und dies, obwohl allen klar ist, dass die Form der Satire gegen die grundlegendsten Regeln des Nachrichten-Genres verstösst: Satire braucht weder ausgewogen noch objektiv und nicht einmal fair zu sein.

Der Blick hinter die Kulissen
Wer in den Medien vor allem positive Nachrichten sucht, ist mit der Satire schlecht bedient. Noch mehr als beim klassischen Nachrichtenjournalismus gilt hier das Motto «Bad News Is Good News» – nur Nachrichten über schlimme Ereignisse sind brauchbare Nachrichten. Das Böse wird dankbar in das Spiel mit Worten und Bildern aufgenommen. Was aber ist eigentlich der Gewinn aus den bissigen, oft boshaften Kommentaren und Karikaturen?
Mit der Satire werden gerne die Verantwortlichen ins Visier genommen, die hinter den Kulissen die Fäden spinnen. Ereignisse, welche nach einer Satire rufen, gibt es in unserer Gesellschaft genug: Warum steigt nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative der Zustrom von Asylsuchenden rasant an? Warum machen Politiker vor den Wahlen Versprechen, die sie nach den Wahlen niemals halten können? Warum lehnen auch Schweizer Stimmbürger mit mittleren und tiefen Einkommen die Erbschaftssteuer ab, mit der man vor allem unser unsinnig hohes Wohlstandsgefälle ausgleichen wollte? Warum werden Atomkraftwerke nicht umgehend abgeschaltet, obwohl niemand eine Lösung für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle hat? Warum verteidigt die Kirche Priester, welche Kinder missbraucht haben? Warum werden die Waffengesetze in den USA trotz einer hohen Mordrate nicht endlich etwas verschärft?
Wenn eine demokratisch-freiheitliche Gesellschaft plötzlich zu versagen scheint, steckt dahinter oft eine andere Logik: das System der Macht. Auf diejenigen, die diese Macht in den Händen haben, zielt die Satire. Der Glaube an ein «einig Volk von Brüdern» wird von der satirischen Feder gründlich in Frage gestellt.

Achtung Religion
Wenn bei satirischen Texten Gott und der Glaube ins Spiel kommen, wird das Ganze für religiös sensible Menschen manchmal unerträglich. Auch Christen werden von bissigen Satiren rasch einmal auf die Palme getrieben und spielen von dort aus die Empörten. Allerdings reagieren christliche Kreise nicht so heftig wie das in gewissen muslimischen Gruppen geschieht, wenn zum Beispiel Mohammed-Karikaturen auftauchen. Aber manch einem frommen Gemüt wird es bei satirischen Gedankengängen unwohl, und besonders scharfzüngige und gemeine Texte gegen das Heilige lassen die Frage hochkommen: «Ist das am Ende sogar Gotteslästerung?»
Ich meine, Christen sollten entspannter mit der Satire umgehen. Es ist zwar wohl so, dass sich Satiriker in der Mehrzahl eher als Atheisten sehen denn als gläubige Menschen. Das gilt für Jon Stewart in den USA ebenso wie für Victor Giacobbo in der Schweiz. Dennoch: Satire kann Gott nicht wirklich in Frage stellen; sie ist zudem kaum gegen ehrlich gelebte Glaubenseinstellungen gerichtet. Satire kann sich aber sehr wohl gegen die angeblichen Vertreter Gottes auf Erden wenden, besonders dann, wenn sie ihre Macht spielen lassen und diese religiös begründen. Dabei ist in der Regel nicht das Heilige, sondern das Scheinheilige der Stein des Anstosses. Wie viele andere journalistische Texte lebt auch die journalistische Satire von den grossen und kleinen Widersprüchen des Lebens. Gute Satire enthält immer auch eine Portion Skepsis. So wie es Jon Stewart einmal ausdrückte: «Religion. It’s given people hope in a world torn apart by religion.» Also: «Religion. Sie gibt den Menschen Hoffnung in einer Welt, die von Religion zerrissen wird.» Und das müsste uns eigentlich zu denken geben.

Thomas Hanimann ist Medienbeauftragter der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA).

thomas.hanimann@STOP-SPAM.insist.ch 

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