Medizin

Böse Bazillen oder unersetzliche Helfer?

Albrecht Seiler In den Medien sind multiresistente Keime und gefährliche Erreger ein häufiges Thema. Durch Infektionen und Entzündungsprozesse sind sie eine Gefahr für den Menschen. Doch zeigt sich in letzter Zeit, dass es auch einen anderen Blick auf die Bakterien im Körper gibt. Das Stichwort dazu heisst: Mikrobiom.

Beim Studium der Arbeiten über die Mikroorganismen in unserm Körper – dem «Mikrobiom» – stösst man auf Zahlen, die zum Staunen Anlass geben. So werden laut Studien nur rund zehn Prozent der Zellen direkt vom menschlichen Körper gebildet. Der allergrösste Teil der Zellen im Organismus geht auf die Mikroorganismen zurück, die vor allem im Darm, jedoch auch auf der Haut und auf Schleimhäuten vorkommen. Man schätzt, dass die Gesamtheit dieser Mitbewohner bei einem Erwachsenen ca. ein bis zwei Kilogramm wiegt.

Eine Lebensgemeinschaft im Körper
Der menschliche Darm ist ein mul-
tifunktionelles Organ mit einer
riesigen inneren Oberfläche von
ca. 400 m2. Damit ist der Darm die grösste Kontaktfläche des Menschen zu seiner Umwelt und so auch zu Fremdkeimen. Nicht nur für die Nahrungsaufnahme, sondern auch für die Immunabwehr sind der Darm und seine Darmflora daher von zentraler Bedeutung. Geschätzte 100 Billionen Mikroorganismen, zu denen Hunderte von verschiedenen Bakte-
rienarten gehören, bilden zusammen mit der Darmschleimhaut und der Darmwand ein komplexes Ökosystem. Dabei hat jeder Mensch eine individuelle Zusammensetzung der Darmflora – ein einzigartiger «innerer» Fingerabdruck.
Die verschiedenen Bakterienpopulationen funktionieren als Lebensgemeinschaft. Einige sind sogenannte Anaerobier1, die nur ohne Sauerstoff leben können. Andere Arten, wie die Laktobazillen, tolerieren auch Sauerstoff. Zudem sind im Verdauungstrakt auch die Mehrzahl der Immunzellen des Menschen angesiedelt. Der Darm ist umspannt von einem eng gewebten Netz an Nervenzellen. Darmbakterien bauen Medikamente und viele andere Substanzen ab. Darmbewohner und Darmwand produzieren ca. 20 verschiedene Hormone, die Einfluss haben auf den Stoffwechsel, die Aktivität und die Emotionen des Menschen. Stückweise beginnt man zu verstehen, dass und wie Darm und Gehirn miteinander kommunizieren. So können Angst- und Stressreaktionen unter Mitwirkung des Darms ausgelöst und reguliert werden.
Der Verdauungstrakt des Kindes im Mutterleib ist noch ohne Darmflora. Bei einer natürlichen Geburt kommt das Neugeborene mit den Mikroorganismen des Geburtskanals in Kontakt. Dabei besiedeln die Bakterien in kürzester Zeit den Darm des Kindes. Mutter und Kind weisen daher anfangs eine weitgehend identische Darmflora auf. Im Laufe des Lebens können die Darmbakterien durch äussere (Umwelt-)Einflüsse, durch Alterungsprozesse oder durch Krankheiten gestört oder beeinträchtigt werden. Schädlich für das Mikrobiom sind auch einige Arzneimittel – vor allem Antibiotika, Kortison und Hormone –, medizinische Behandlungen – etwa Chemo- und Strahlentherapie –, manche chemische Sub-stanzen und bestimmte Krankheitserreger. Eine geschädigte Darmflora kann die Empfänglichkeit für unerwünschte Keime und Krankheitserreger im Darmtrakt erhöhen und die Barrierefunktion der Darmschleimhaut beeinträchtigen. Unerwünschte Stoffe und Erreger können dann ins Körperinnere gelangen, das Immunsystem aktivieren und Erkrankungen auch ausserhalb des Darmes aus-
lösen.

Das Mikrobiom — ein Freund und Helfer

Der menschliche Organismus, die Körperfunktionen und das Mikrobiom sind eng miteinander verbunden. Die Bedeutung dieser symbiotischen Einheit wird bisher erst ansatzweise verstanden, es zeichnet sich aber ein Paradigmenwechsel ab. Das Bild vom Bakterium als Feind und gefährlichem Erreger beginnt sich zu wandeln hin zu einem neuen Verständnis. Ohne Mikroorganismen im Körper ist menschliches Leben letztlich gar nicht möglich. Das menschliche Mikrobiom ist ein lebensspendender Helfer. Die Weisheit des Schöpfers dieser gewaltigen Vielfalt muss jeden ernsthaften Forscher zum Staunen bringen.

1  Bifidobakterien, Eubakterien, anaerobe Kokken und Bacteroides-Arten

 

Dr. med. Albrecht Seiler MSc ist leitender Arzt
Stationäre Dienste und
Stv. Chefarzt in der
Klinik SGM, Langenthal.
albrecht.seiler@STOP-SPAM.klinik-sgm.ch

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