Naturwissenschaften

Gott und die Quantenphysik

Konrad Zehnder Der Physiker Michael Grün und sein Bruder, der bekannte Theologe Anselm Grün, haben in einem Buch1 den Versuch gemacht, die vermeintlichen Gegensätze zwischen Religion und Physik zu hinterfragen und zu durchleuchten. Sie führen ihre Leserinnen und Leser in leicht verständlicher Sprache zur begründeten Einsicht, dass die beiden Wissensbereiche nicht nur viele Berührungspunkte haben, sondern eigentlich komplementäre Sichtweisen der einen, unbegreiflich grossen Wirklichkeit sind.

Im ersten Teil breitet der Physiker das heutige physikalische Weltbild aus. Er tut dies mit einem Blick auf die lange, hier aber kurz und prägnant formulierte Geschichte der Naturerkenntnis.

Die neue Physik widerlegt alte Vorstellungen
In der Antike und im Mittelalter waren Physik und Religion zwei miteinander korrespondierende Wege, um Gottes Plan – in der Schöpfung und im Wort Gottes – zu erforschen und zu erkennen.
Ab etwa 1600 trennten sich die Natur- und Geisteswissenschaften. Die Welt der Materie konnte von nun an wie ein seelenloses Objekt erforscht werden – ohne die Frage nach Gott, ihrer ersten Ursache, zu berühren. Damit begann die klassische Physik, die der ganzen Naturwissenschaft zugrunde liegt, ihren extrem erfolgreichen Lauf. Ende des 19. Jahrhunderts erschien die Welt wie ein raffiniertes Uhrwerk, dessen Bauplan und Funktionsweise schon fast vollständig bekannt waren.
Doch es kam anders. Die Quantenphysik, die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie und viele Entdeckungen der Kosmologie zwangen zu einem radikalen Umdenken. Dieser Paradigmenwechsel wurde ausserhalb der Physik bis heute noch längst nicht von allen wahrgenommen.
Im Verlaufe des Buches werden die während des 20. Jahrhunderts gemachten revolutionären Erkenntnisse der Physik sehr anschaulich erklärt. Die Zeit wird heute als relativ betrachtet. Damit wurde der «klassische» Glaube an eine gleichförmig fliessende, absolute Zeit, erschüttert. Vor dem Urknall gab es keine Zeit. Die moderne Physik ist offen für das Zeitlose. Eine zweite Erkenntnis besagt, dass es den echten Zufall gibt. Mit der Quantenphysik wurde das strenge Kausalitätsprinzip, wonach jeder Vorgang eine bestimmte Ursache hat, widerlegt. Damit war auch das für absolut gehaltene deterministische Weltbild der klassischen Physik überholt. Die moderne Physik rechnet mit Wahrscheinlichkeiten. Sie anerkennt, dass nicht alles berechenbar ist. Sie ist offen für eine Natur, die sich nicht immer an ihre eigenen Regeln hält.

Die Bibel aus Sicht der heutigen Physik

Im zweiten Buchteil kommt der Theologe zum Zug. Er legt die grundlegenden theologischen Fragen im Licht der heutigen naturwissenschaftlichen Weltsicht neu aus. So wie der Evangelist Lukas den gebildeten Griechen die Botschaft Jesu im Dialog mit der damaligen Philosophie und Naturwissenschaft näher brachte, ist es aus seiner Sicht die Aufgabe der heutigen Theologie, die religiösen Fragen vor dem Hintergrund des heutigen Weltbildes zu beantworten. Die Quantenphysik reduziert und relativiert unsere Erkenntnisgrenzen. Sie lässt damit wieder Raum offen für das Nicht-Erkennbare, Transzendente – für Gott.

Der fehlende Dialog
Im dritten Teil des Buches fragt der Physiker nach den Gründen, weshalb so viele Naturwissenschaftler und Theologen den eigentlich so naheliegenden Dialog zwischen beiden Domänen scheuen. Bei den Naturwissenschaftlern sieht er den Grund in der selbstauferlegten, konsequenten Beschränkung auf die messbare Wirklichkeit. Aber auch eine gewisse Selbstzufriedenheit und Überheblichkeit, mit den eigenen, sehr erfolgreichen Methoden alles erklären zu wollen. Auf der anderen Seite ist die Theologie lange Zeit um sich selber gekreist. Sie beginnt aber zögerlich, aus ihrer Abschottung herauszufinden.
Das Buch ist ein mutiger und absolut lesenswerter Versuch, die beiden Seiten derselben Medaille – der einen, unergründlichen Wahrheit –
gemäss heutigem Wissensstand miteinander in Beziehung zu bringen.

1  Grün Anselm und Michael. «Zwei Seiten einer Medaille. Gott und die Quantenphysik.»
Münsterschwarzach, Vier-Türme-Verlag, 2015. Gebunden, 128 Seiten, CHF 23.90.
ISBN 978-3-89680-954-4

 

Dr. Konrad Zehnder ist Geologe
ko.zehnder@STOP-SPAM.bluewin.ch

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