Philosophie

Die radikale Banalität des Bösen

Alexander Arndt Die Vernichtungspolitik der Nazis gilt als «Zivilisationsbruch». Gemeint ist, dass mit ihr eine qualitativ neue Form des Bösen in Erscheinung getreten ist, die sich nicht in der Pathologie eines Hitlers oder Himmlers erschöpft. Das Ausmass der von den Nazis in Gang gesetzten industriellen Völkermordmaschinerie bedurfte der Duldung und des Mitmachens von breiten Massen der Bevölkerung. Es gibt Leute, die aus dieser Tatsache nicht weniger als das Scheitern von Aufklärung und moderner Zivilisation ableiten.


Doch die Shoah lässt sich nicht für einen ontologischen1 Teufelsbeweis verwenden, ohne die Idee Gottes mit in den Abgrund zu reissen. Nicht umsonst erscheint die klassische Theodizee-Frage in den gängigen Antworten nachdenklicher Menschen häufig mit dem Verweis auf «einen Gott, der Auschwitz zuliess». Stellvertretend für dieses Dilemma, mit dem die Theologie und Philosophie nach dem Holocaust zu ringen haben, steht der vom jüdischen Theologen Irving Greenberg formulierte Massstab: «Lasst uns folgendes Prinzip festhalten: Es sollten keinerlei theologische oder sonstige Behauptungen aufgestellt werden, die angesichts brennender Kinder keine Glaubwürdigkeit haben.»

Das Böse wuchert an der Oberfläche

Eine der kontroversesten Thesen zum Holocaust war diejenige von Hannah Arendt, die angesichts ihrer Beobachtung des Eichmann-Prozesses in Jerusalem 1961 von der «Banalität des Bösen» sprach. Adolf Eichmann war der wesentliche Organisator des Holocaust in seiner mörderischsten Phase. Zunächst lasen viele Arendts These daher als «Banalisierung des Bösen».
An seinen Aussagen vor Gericht fiel Arendt Eichmanns «Unfähigkeit zu denken» und seine «makabre Lächerlichkeit» auf, die sie zur These von der «Banalität» veranlasste: «Ich bin [...] der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute2.»
Arendt bestreitet damit einen in der menschlichen Natur wurzelnden «Hang zum Bösen». Von pathologischen Ausnahmefällen abgesehen, setzte sich aus ihrer Sicht das Böse durch, weil das mörderische System der Nazis sein Wuchern begünstigte und es kollektiv potenziert wurde durch die schiere Masse an Menschen, die, ohne Reflexion und Empathie für die «Geringsten», nur den eigenen Vorteil innerhalb dieses Systems anstrebten. Autoritätsgläubig um die eigene Sicherheit bemüht, ignorierten damals die vielen kleinen Rädchen in der Maschinerie des Massenmords die Konsequenzen ihres Handelns. Sie ordneten ihr Verhalten als «vernünftig» ein, gemessen an dem, woran sie sich als «normal» und «richtig» gewöhnt hatten. Eichmanns letzte Worte vor der Hinrichtung waren: «Das ist das Los aller Menschen. Gottgläubig war ich im Leben. Gottgläubig sterbe ich.» An welchen Gott er wohl geglaubt hat?

Jenseits von Absicht und Moral
Arendt verstand ihre These aber nicht im Hinblick auf die Theodizee. Als politische Philosophin vermied sie die schwierige theologische
Spekulation über das Wesen einer immanent-transzendenten bösen Macht und lenkte den Blick vielmehr auf die Einrichtung der Welt. Die Stärke ihrer Argumentation ist, dass sie uns wachsamer macht für jene Manifestationen des Bösen, die weder in unseren Intentionen noch in unseren Moralvorstellungen wurzeln. Der Weg zur Hölle ist bekanntlich gepflastert mit guten Absichten. Und all die kreuzbraven Menschen, die das Naziregime möglich machten – in ihrer überwiegenden Mehrheit nominell Christen –, hatten, so die These, noch nicht einmal eigenständige Absichten. Sie machten mit, weil es opportun war.
Vermutlich hätten sie aber auch bei jedem anderen System mitgemacht. Doch im Rahmen eines radikal-
bösen Systems konnte sich durch diese banal-schreckliche Rückgrat-losigkeit der Massen das radikal
Böse entfalten. Eine solche Welt macht die Grenze zwischen Ursache und Wirkung unscharf. Im berüchtigten «Stanford-Prison-Experiment» konnte der Psychologe Philip Zimbardo dies bestätigen3. Er nannte seine Erkenntnis treffend den «Luzifer-Effekt».

 

1  Schlusskräftiger Beweis der Existenz des
Teufels
2  Arendt, Hannah. «Nach Auschwitz: Essays und Kommentare.» Berlin, 1989, S. 78
3  In diesem Experiment wurde 1971 mit einer Gruppe unbescholtener Studenten, die in «Wärter» und «Gefangene» eingeteilt wurden, eine Gefängnissituation simuliert. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie ihre Rollen so weit verinnerlicht, dass es zu gewaltsamen Übergriffen kam und das Experiment abgebrochen werden musste.


Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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