Recht

Von irdischer und ausserirdischer Gerechtigkeit

Simone Wyss und Markus Müller Gut und Böse. Die zwei Pole, in deren Spannungsfeld wir alle aufgewachsen und sozialisiert worden sind: Das Aschenputtel, das Rotkäppchen, Winnetou und Mutter Theresa — sie alle waren gut. Darüber sind wir uns einig. Auch die «unzweifelhaft» Bösen der Weltgeschichte lassen sich ohne Weiteres auflisten.

Jedes gesellschaftliche Wertesystem gründet letztlich auf dieser Zweiteilung, wobei jede Zeit und jede Kultur einen eigenen Begriff von Gut und Böse entwickelt hat.

«Böses» im Sinne des Rechtes

Auch unser Recht bewegt sich in dieser Spannung zwischen Gut und Böse. Wer «Böses» tut, wird bestraft, jedenfalls, wenn er es schuldhaft getan hat und man ihm die Tat vorwerfen kann. Das ist vor allem dort der Fall, wo absichtlich (Vorsatz) oder aus Unsorgfalt «Böses» getan wurde. Schuld bedeutet Vorwerfbarkeit oder Verantwortlichkeit. Schuldig ist folglich, wer für sein Handeln verantwortlich ist. So regelt es unser Strafgesetzbuch. Und es sieht entsprechende Konsequenzen vor: Unter Umständen muss der Täter finanziell für sein Handeln geradestehen, er wird mit einem Berufsverbot belegt, des Landes verwiesen oder muss gar ins Gefängnis. In dieser Weise nimmt unser nationales Recht seine Ordnungsfunktion wahr und will verhindern, dass unser Zusammenleben aus den Fugen gerät.
Gerne geht bei dieser klaren Einteilung etwas vergessen: Gut oder böse ist nach unserem gesellschaftlichen Wertemassstab die einzelne Handlung, nicht aber der handelnde Mensch. Zwar legt unser Schuld-Strafrecht einen weitgehend objektiven Massstab an, indem es danach fragt, was man von einem «durchschnittlichen» Menschen in einer bestimmten Situation an «Gutem» erwarten kann. Damit wird es dem Einzelnen aber nicht gerecht. Den durchschnittlichen Menschen gibt es nämlich nicht. Jeder Mensch ist ein Unikat: geformt, geprägt und determiniert durch seine individuelle Natur und Sozialisation. Neuere Erkenntnisse der Psychologie und der Neurowissenschaften lassen darauf schliessen, dass der Spielraum des freien Willens auf dem Boden dieser Prägungen nur noch an einem kleinen Ort ist. Menschen aber, die innerlich unfrei sind, entziehen sich letztlich den rechtlichen Kategorien von Schuld und Vorwerfbarkeit.

Gott sieht nicht schwarz-weiss
Müssen wir deshalb unser Strafrecht aufgeben? Nein, irdische Ordnung muss sein. Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass der einzelne Mensch für sein Handeln nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. An sich böse ist er deswegen jedoch nicht, ein Monster oder Unmensch schon gar nicht. Dieses Urteil steht uns als genauso fehlbare Wesen nicht zu.
Und vor Gott, dem Gott der Liebe und Gnade? Gelten hier die gleichen Regeln wie im staatlichen Strafrecht? Wir meinen: Nein. Denn Gott ist nicht in einem menschlichen, den irdischen Zwecken durchaus dienlichen, aber letztlich einfältigen Schwarz-Weiss-Schema gefangen. Sein Massstab ist ein anderer. Er sieht nicht nur die Handlung des Menschen, «das, was vor Augen ist», sondern auch sein Herz1. Gott sieht den Menschen mit seinen ganz individuellen, oft beschränkten Möglichkeiten; den Menschen, der mit seinem «gottgegebenen» Leben kämpft und dabei naturgemäss – nach irdischem Massstab – Böses und Gutes tut. Immer aber darf dieser Mensch auf die Gnade Gottes hoffen.
Rechtliche Ordnung und göttliche Ordnung, irdische und ausserirdische Gerechtigkeit sind zwei grundverschiedene Dinge. Gott sei Dank.

1  Vgl. 1. Samuel 16,14. Im hebräischen Verständnis ist das Herz nicht einfach der Sitz der
Gefühle, sondern umfasst das «Innere des Menschen als Sitz seiner Lebenskraft, seines Fühlens oder Wollens, Denkens oder Urteilens» (Thomas Krüger, Das «Herz» in der alttestamentlichen Anthropologie, Göttingen 2009).


Dr. iur. Simone Wyss ist als Juristin tätig …

... und Prof. Dr. iur. Markus Müller ist Ordinarius für
öffentliches Recht.

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