Alternativen

Geldlos leben

Charissa Foster Ich steige aus dem Flugzeug und tauche ein in die Wärme der katalanischen Sonne. Ich brauche eine gute Stunde, bis ich Rose im Chaos des Flughafens finde. Sie kommt direkt von Paris und ich von Basel. Wir beide möchten unsern Freund Ramon in Barcelona, der Hauptstadt Kataloniens besuchen. Und haben keine Ahnung, was uns diese Woche erwartet. Das einzige, was wir wissen: Mit Ramon ist es immer spannend – und ungewöhnlich. 

 

Es ist uns nicht wichtig, jede einzelne Sehenswürdigkeit in der Stadt abzuhaken. Wir interessieren uns beide viel mehr für die vor Leben sprühenden Menschen. Ich bin begeistert, die Welt von Ramon zu entdecken. 

 

Wir richten uns in seiner Wohngemeinschaft (WG) gemütlich ein und sind nicht überrascht, dass wir alle im gleichen Zimmer auf dem Matratzenboden schlafen werden. Das spart Platz und eine Menge Reinigungs-Aufwand! Wir fühlen uns sofort zuhause.

 

Viele köstliche Speisen liegen auf dem Tisch. Marta und Ferran, die zwei anderen Mitbewohner der WG, haben ein richtiges Festmahl vorbereitet: geröstetes Gemüse, selbstgemachter Humus und exotische Früchte. Nichts davon haben sie gekauft: Diese Esswaren fanden sie letzte Woche im Abfall des lokalen Obst- und Gemüse-
ladens. «Warum sollten wir frische und teure Lebens-
mittel kaufen, wenn genau so gute Esswaren wegen der abgelaufenen Haltbarkeitsetikette weggeworfen werden?» Sie wissen, wie man ein schmackhaftes Essen zubereiten kann, auch wenn es in einer ungewöhnlichen Verpackung «angeliefert» wurde. 

 

Ramon ist mit der Trompete noch ein Anfänger. Dennoch arbeitet er bereits als «Trompetenlehrer». Er könne so sein Trompetenspiel verbessern, erklärt er. «Es gibt immer jemanden, der schlechter spielt als du, und dem du deshalb etwas beibringen kannst!» Seine Einstellung beeindruckt mich. Es gibt so viele Leute, die es nicht wagen, ein Risiko einzugehen und ihrer Leidenschaft zu folgen. In der WG verdienen alle nur wenig Geld. Es ist gerade genug, um überleben zu können. Und das ist okay für sie. Für das meiste bezahlen sie nichts. Oft betreiben sie traditionellen Tauschhandel. Das spart nicht nur Geld, es verbindet auch Menschen miteinander. Sie verlassen sich auf ein lebendiges und atmendes Personennetz statt auf die Anzahl von Nullen auf dem Bankkonto. 

 

Der Kühlschrank sieht beunruhigend leer aus. Wir fragen, ob wir nicht etwas einkaufen sollen.

Ramon lächelt und sagt, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, da es schon Dienstag ist: Zeit für die Sammel-Aktion. Im Nachbarquartier erwarten uns ein Gemüse- und Obstladen – und zwei volle Mülleimer. Der Mülltonne entnehmen wir alles, was noch essbar ist. Und das ist etwa 80% des Inhalts: Erdbeeren, Avocados und weitere frische Esswaren. Das Wenige, das schon verfault ist, werfen wir einfach zurück in die Mülltonne. Zuhause werden die erbeuteten Schätze noch gewaschen, dann sind sie essbereit. Zum Glück können wir die Sammlung mit anderen WGs teilen – für uns allein wäre das viel zu viel. Dafür bringen die anderen Brot und weitere Speisen zum gemeinsamen Tisch. 

 

Wir müssen uns die ganze Woche nie um das Essen kümmern. Was mich vor allem beeindruckt, ist die Freigebigkeit, die typisch ist für dieses Netzwerk von WGs. Man beschenkt einander grosszügig. Und wird genauso bereitwillig beschenkt. Die Mitglieder der WGs sind mit sehr wenig zufrieden und dienen nicht dem Mammon. Sie dekonstruieren das Verständnis von «Müll»: Sie verstehen, wie man in den Dingen, die von der Gesellschaft weggeworfen werden, etwas Wertvolles sehen kann. 

 

Obwohl ich keine Zeit habe, alle WGs der «Sagrada Familia» zu besuchen, kann ich doch etwas Sakrales erleben. Natürlich ist nicht alles in diesen WGs heilig. Die Reinlichkeit ist es auf keinen Fall. Aber die Mitbewohner haben zwei grosse Gesellschaftsfragen im Griff: Erstens streben sie nach einem nachhaltigen Umgang mit Umwelt und Mitmenschen und zweitens haben sie gelernt, sich auf Beziehungen statt auf das Geld zu verlassen. 

 

Charissa Foster (23) hat vor kurzem im Heimatland ihrer Mutter – der Schweiz – ein Medien- und Kommunikationspraktikum abgeschlossen, nämlich bei der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) in Zürich. 

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