Rezension

Gibt es ein Leben ohne Bargeld?

Peter Flückiger Die beiden deutschen Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Horstmann und Gerald Mann haben 2015 ein kleines Buch mit dem Titel «Bargeldverbot» verfasst. Horstmann ist Ökonom, Analyst und Autor in Essen; sein Kollege Gerald Mann ist Kaufmann, Volkswirt, Unternehmensberater und Professor für Volkswirtschaftslehre in München. Die beiden Ökonomen sind besorgt über Entwicklungen in der Europäischen Union, die auf eine Bargeldabschaffung und eine flächendeckende Einführung des elektronischen Geldes hinzielen. 

 

Kenneth S. Rogoff, der amerikanische Starökonom aus Harvard, wies 2014 darauf hin, dass ohne Bargeld Kriminalität in Form von Schwarzgeld, Drogenhandel und Steuerbetrug, aber auch Negativzinsen erfolgreich bekämpft werden könnten. Einige EU-Staaten wie Frankreich und Italien kennen bereits eine Limite von wenigen Tausend Euro bei der Barbezahlung. In angelsächsischen und skandinavischen Ländern ist die elektronische Bezahlung weit verbreitet. 2016 beschloss der Rat der europäischen Zentralbank, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Dahinter stehen das generelle Misstrauen gegenüber hohen Geldnoten, das individuelle Sicherheitsbedürfnis und der Versuch der Staaten, wirtschaftliche Entwicklungen besser steuern zu können. 

 

Geprägte Freiheit ...

Für die Autoren ist Bargeld dagegen ein öffentliches Gut, um sicher und kostenfrei zu bezahlen (Seite 15). Es ist letztlich Ausdruck von Freiheit und Vertrauen, die ein Staat durch seine Nationalbank seinen Bürgerinnen und Bürger gibt. Er geht davon aus, dass sie damit frei und verantwortungsbewusst handeln können. Unternehmerisches und eigenverantwortliches Handeln der Individuen aber stärkt Gemeinschaft und Staat. Schon Fjodor Dostojewski hat es so gesagt: Geld ist geprägte Freiheit! 

 

... oder digitale Knechtschaft

Die Abschaffung von Bargeld und ein Bargeldverbot führen zu weniger Freiheit, mehr Überwachung, Manipulation und Enteignung. Die Autoren sprechen von einer «digitalen Knechtschaft» und einer «billigen Diktatur». Die Bargeldabschaffung nützt vor allem den Internet- und Kreditkartenfirmen, den Banken und Staaten. Die Kriminalität werde damit nicht abgeschafft, sondern vermehrt in den virtuellen Bereich des Internets verlagert. Die Abschaffung grosser Geldscheine und die Reduktion von Bargeldzahlungen beschere den Staaten und Banken aber einen bedeutenden Machtzuwachs. Negativzinsen seien so etwas wie eine verdeckte Steuer. Hauptgrund sei das zu grosse Geldangebot, das die Nachfrage der Realwirtschaft übersteigt (Seite 109). Besser und nachhaltiger wäre es deshalb, die Währungen besser zu managen statt elektronisches Geld einzuführen. Auch «Bitcoins», eine (noch) nicht-staatliche elektronische Währung, könne problemlos überwacht werden. 

 

Sozialer handeln

In Wohlstandsgesellschaften könnten stattdessen Bildung und soziales Handeln (Sozialkapital) wie früher einen wichtigen Raum für den Tausch von Naturalien und Dienstleistungen öffnen. Die Autoren plädieren für einen schlanken, effizienten Staat und lehnen den Betreuungs- und Überwachungsstaat ab. Sie wünschen sich wieder mehr Freiraum für individuelle Lebensgestaltung und Eigenverantwortung, wie das bereits Ludwig Erhard (1897–1977) getan hat, der Vater des deutschen Wirtschaftswunders und Vertreter einer sozialen Marktwirtschaft. Horstmann gehört auch zu den Autoren der deutschen Website www.stop-bargeldverbot.de. 

Das populär aufgemachte Buch ist mit seinen kurzen Kapiteln auf 154 Seiten schnell gelesen. Zwar fehlen eine geschichtliche Einbettung und geistliche Interpretation weitgehend. Dafür erhält man einen guten Einblick in die gegenwärtige finanzpolitische Situation Deutschlands und der europäischen Union. Wahrscheinlich wird auch die international vernetzte Schweiz diese Entwicklung nachvollziehen wollen oder müssen. Es bleibt zu hoffen, dass weltweit viele Menschen beginnen, in anderen Gemeinschaftsformen zu leben, alternative Wirtschaftsmodelle zu benutzen und auch politisch für Freiheit und Freiräume einzustehen. Fangen wir doch schon heute damit an, bevor wir nur noch auf Sachzwänge reagieren können!

 

Horstmann, Ulrich & Mann, Gerald. «Bargeldverbot. Alles, was Sie über die kommende Bargeldabschaffung wissen müssen.» München, Finanzbuch Verlag, 2016 (6. Auflage). Paperback, 154 Seiten, CHF 11.90. ISBN 978-3-89879-933-1

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