Fundraising aus ethischer Sicht

Mit Visionen und Geld Gutes tun

Dorothea Gebauer Eine kleine Organisation, die auf humanitäre Hilfe spezialisiert und vorwiegend in Afrika tätig ist, erhält eine Einzelspende von Fr. 1000.–. Der Spender erläutert, dass er es sehr begrüssen würde, wenn mit dem Geld Frauen sterilisiert würden. Dann gebe es nämlich weniger Kinder, die verhungern, und «diese Menschen da» würden auch nicht mehr als Asylanten nach Europa kommen. Die Organisation führt zwar tatsächlich Sterilisationen durch, aber nur in ausgewiesenen, medizinisch anzeigten Einzelfällen.

 

Das ist das Setting im Modul «Ethik des Fundraisings» an einer namhaften Akademie, dem sich potenzielle Fundraiserinnen und Fundraiser in ihrer Ausbildung stellen müssen. Bei der Umsetzung werden die zentralen Rollen verteilt: Es gibt den Projektleiter vor Ort, die selbstlose Ehrenamtliche, die Öffentlichkeitsbeauftragte, die für das Thema sensibilisiert, den Fundraiser, der die Wirtschaftlichkeit vor Augen hat und die leitende Geschäftsführerin. Die Diskussionen im Rollenspiel laufen heiss. Was bedeutet hier ethisches Handeln? 

 

Ethik ist mehr als eine Krisenwissenschaft 

Die Ethik könne man zugespitzt als Krisenwissenschaft beschreiben, da man es in unserer Gesellschaft mit einer neuen Unübersichtlichkeit zu tun habe, so ein Ergebnis der Runde. In der Komplexität der Arbeit mit Spendern wäre es dabei zunächst recht einfach, auf Regelwerke, Prüfsiegel und Qualitätsmanagementsysteme zu verweisen, nach dem Motto: Das ist doch alles klar geregelt! Ja, in der Tat ist es wichtig, dass Strukturen, Abläufe, Spender- und Mitarbeiterzufriedenheit überprüft und gesichert werden. Der Verlust eines Spendensiegels wird in der Öffentlichkeit viel stärker wahrgenommen als die Verleihung eines Labels. Und das Recht verbietet ganz klar, Spendengelder zu veruntreuen. 

Am Ende des Tages jedoch entscheidet die Organisation, welcher Vision und Mission sie folgen, wer sie sein und welche ethischen Spielregeln sie verbindlich leben möchte. Hans-Ulrich Dallmann, Mitautor des 2016 erschienenen Buches «Fundraising» geht noch weiter. Alles steht und fällt für ihn mit der Werthaltung des Fundraisers selbst, der sich verantworten muss. «Es reicht nicht aus, für den guten Zweck um Unterstützung zu bitten und sich dabei an Gesetze zu halten. Ein Dreiklang von eigener Werthaltung, ethischen Regeln und Kontrollen, bzw. Reflexion des eigenen Tuns ist Voraussetzung für ethisches Fundraising.»

 

Ethik ist Transparenz im Umgang mit Finanzen

Verena Birchler, Leiterin Marketing ERF Medien, hat für sich eine klare Haltung definiert und formuliert sie so: «Spender sind für mich Partner. So verstehe ich Fundraising. Zu einer Partnerschaft gehört, dass alles, was ich sage und schreibe, wahr ist. Es werden weder Geschichten, noch Fotos, noch Zahlen geschönt. Ich habe für mich und ERF Medien im Zusammenhang mit Fundraising ein paar ‚Gebote’ aufgestellt. Eines davon ist, höchste Transparenz im Umgang mit Finanzen. Bei uns darf jeder genau wissen, wie es um die Finanzen steht. Jederzeit, nicht nur beim Jahresbericht. Unsere Spendenden geniessen auch absoluten Datenschutz. Wir kaufen keine Adressen und geben auch keine Daten weiter.» Dass sich diese Haltung auszahlt, lässt sich an harten Zahlen festmachen. 2015 hatte ERF Medien 11’904 Spenderpersonen, die durchschnittlich Fr. 455.– spendeten. Das ergab ein
Spendenvolumen von Fr. 5’420’319.–. Dies waren rund
Fr. 300’000.– weniger als budgetiert. Ein Legat, das ERF Medien am letzten Buchungstag erhielt, füllte genau dieses Defizit aus. 

 

Ethisch handeln heisst Probleme lösen 

«Ich sage meinen Leuten immer: Ihr müsst eine ‹saubere Case› haben. Eine echte Lösung zu einem echten Problem.» Peter Buss, Leiter von «Nonprocons» in Basel berät Non Profit Organisationen, kirchliche Träger und Fundraiser und zeigt ihnen, wie sie zu den Stiftern kommen. Er macht vier Merkmale ethischen Handelns aus. Sie sind sehr einfach und richtungsweisend: 

Ehrlichkeit: Ich sage, was ich tue oder auch nicht tue. 

Vertrauenswürdigkeit: Ich tue, was ich sage. 

Ernsthaftigkeit: Ich weiss, was ich tue.

Aufrichtigkeit: Ich verantworte, was ich tue. 

Stefan Schwarz, Leiter des Instituts für sinnzentrierte Führung (ISF) und ehemaliger Geschäftsführer von
«e9 jugend & kultur» in Basel stellt seit vielen Jahren Gesuche an Stiftungen und ist darin sehr erfolgreich. Zwei namhafte Basler Stiftungen spenden der e9 sehr hohe Beträge. Fördergelder für christliche Jugendarbeit zu generieren ist im Zuge des Diktats der staatlichen Neutralität gegenüber den Kirchen nicht leicht. Die Furcht, man fördere Indoktrination oder Sektierertum ist allgegenwärtig. Er plädiert für eine umsichtige Haltung und argumentiert zusammen mit seinen Förderern pragmatisch: «Mit guter Jugendarbeit und christlichen Grundwerten nehmen wir dem Staat sehr viel Arbeit ab und helfen ihm zu sparen.» Ob die Stiftungsanträge, Jahresberichte und klaren Zahlen tatsächlich die Stifter dazu brachten, Gelder zu sprechen? Schwarz vermutet etwas anderes: «Wenn man eine Person aus einer Stiftung kennt und sie Vertrauen zu einem hat, dann hat man eine gute Ausgangslage.» 

 

Weg vom reinen Marktdenken hin zum Gabendenken

«Glaubwürdigkeit und das Vertrauen zu Menschen wachsen langsam, sind aber das A und O im Fundraising», sagt Buss. «Weil es so eine hoch emotionale Geschichte ist, kann etwas, das viele Jahre trug, innerhalb von Sekunden weg sein», warnt er. Manchmal ist es auch der allererste Eindruck, den die Organisation auf einen Spender macht, der das Zünglein an der Waage ausmacht. Schwarz ist da zuversichtlicher. «Für mich gilt, mich ganz klar zu christlichen Werten zu bekennen und dabei klug wie die Schlange und ohne Falsch wie die Taube zu sein», empfiehlt der Logotherapeut und Sozialunternehmer. 

Fundraising funktioniert nicht mehr nach reinen Marktprinzipien, darin sind sich viele einig. «Bitte stopfen Sie mit uns das Finanzloch unserer Organisation», greift nicht automatisch. Wichtiger ist die Ausrichtung an der Gabe. Der Spendenempfänger muss deutlich machen, dass zuerst er selber etwas gibt, etwa seinen Einsatz und seine Überzeugung für eine gesunde Jugendarbeit. Die Haltung beim Gabendenken könnte sein: «Wir bauen gemeinsam an einer Zivilgesellschaft. Machen Sie mit? Bauen Sie mit uns an einer neuen Welt?» Dann wird vielleicht das Fundraising zum Kingdom-Raising, und der «ROI» (monetärer Return of Investment) zum «SOI» (Social Return of Investment). Da ist die Währung dann das, was den Menschen nachhaltig zum Guten verändert. «Wir haben es also im Geben und Stiften nach der Reformation sehr stark mit einem Gestaltungsmoment zu tun. Diejenigen, die gaben, wollten die Kirche und Gesellschaft gestalten. Den evangelischen Stifterinnen und Stiftern ging es um die Gestaltung der Gegenwart als Dank für die von Gott – ohne eigene Werke – erhaltene grosszügige Gabe», betont Thomas Krenzer, Theologe sowie Kommunikationswirt und Direktor der Fundraising Akademie Frankfurt. 

Bill Hybels, der Gründer der Willow Creek Bewegung, meint dazu: «Menschen geben ihr Geld nicht für Organisationen oder Leute. Sie setzen es für Visionen ein. Wenn Leiter dies verstehen, nehmen sie sich die Zeit, Bilder ihrer Vision zu malen und helfen Menschen, sich vorzustellen, was an Gutem über gemeinsame Anstrengungen erreicht werden könnte. Dann sind Menschen bereit, Zeit und Geld freizusetzen. Es scheint eine generelle Regel zu sein: ‹Je grösser die Vision, desto eher fliesst das Geld.›» 

 

Quelle:

Fundraising Akademie (Hrsg.). «Fundraising. Handbuch für Grundlagen, Strategien, Methoden.» Wiesbaden, Springer Gabler, 2016 (5. Auflage).

Thomas Kreuzer, Theologische Perspektiven des Gebens, S. 57 ff.

Kai Fischer, Gute Unternehmensführung und Transparenz, S. 225 ff. 

Hans-Ulrich Dallmann, Ethik im Fundraising, S. 203 ff. 

www.nonprocons.ch / www.i-s-f.ch 

 

Dorothea Gebauer ist Referentin für Spendenkommunikation&PR (MBA) und 

Regionalfundraiserin; sie ist zudem Mitglied der Redaktionskommission des Magazins 

INSIST. 

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