Kirchen

Fürbitte!

Peter Schmid Es ist hohe Zeit, dass die Gemeinde die Fürbitte als wesentlichen Teil des Gottesdienstes auffasst und auf diesem Weg den Gang der Dinge beeinflusst.

Wenn es keinen anderen Grund gäbe, würde der eine genügen: Jesus ist es ernst mit der Fürbitte. Für seinen Jünger Petrus betet er, dass sein Glaube in der Krise nicht aufhöre. Jesus bittet für seine Freunde, die er in der Welt zurücklassen wird.
Paulus schildert seinen Freunden in Ephesus, was es heisst, geistlich gerüstet zu sein. Er sieht sie in einem geistlichen Kampf. Diesem Kampf können sie sich stellen, wenn sie – gut geschützt und mit dem Schwert des Geistes in der Hand – beten1. Indem sie anhaltend wachend vor Gott kommen und ihn «für alle Heiligen bitten». Indem sie auch für Paulus selbst beten. Er steht unter Anklage und braucht Kühnheit für ein klares Bezeugen des Evangeliums. Seinem Freund Timotheus, der die Gemeinden der Region beaufsichtigt, schreibt Paulus, dass im Gottesdienst vor allem anderen gebetet, gedankt und Fürbitte getan werden soll «für alle Menschen» und für Mächtige, Herrscher, Richter2.

Den Horizont erweitern
Fürbitte weitet den Blick über die Nächsten und das Nächstliegende hinaus: auf Ferne, auf Staatslenker und Personen in Verantwortung, auf Bedrängte und Exponierte, auf Völker, die das Evangelium hören, auf Menschen an geistlichen Frontlinien. Jesus zollt der machtlosen Witwe Anerkennung, die den unwilligen Richter angeht, bis er ihr Recht verschafft3. Wie halten wir es? Machen wir uns die Entschiedenheit unserer Mütter und Väter im Glauben zu eigen? Kommen wir wie sie bittend und als Fürsprecher vor den Ewigen?
In der Mitte des reformierten Gottesdienstes steht die Predigt. Nach ihr sieht die «Zürcher Liturgie» die Fürbitte vor, als vierten von fünf Schritten des gottesdienstlichen Weges4. Was hält uns davon ab, mit der Fürbitte dem allgemeinen Priestertum von Herzen Ausdruck zu geben? Es ist das Erbe der Reformation: Alle im Leib Christi sind dazu eingesetzt, für andere vor Gott einzutreten!

Zu wenig bedürftig?
Wenn wir unsere Gebete verbinden, uns eins machen in Dank und Fürbitte, gibt Gott Segen. Warum bleiben die Senioren in der Gebetsstunde der Kirchgemeinde beinahe unter sich? Sind wir zu wenig bedürftig? Anderswo, wenige Fahrstunden von der Schweiz entfernt, habe ich Gebetszeiten von bewegender Intensität erlebt.
In der Vorrede seines Gebetsbüchleins schreibt Karl Barth, dass sich der Gottesdienst gegen Ende «vor allem als möglichst ausgebreitete Fürbitte nach aussen, nach allen anderen Menschen, nach der übrigen Kirche und Welt hin zu öffnen hat». Und er fragt: «Wird sie nicht zu oft vernachlässigt5?» Ich beobachte, dass in manchen Gottesdiensten der Predigt ein Gebet folgt, das diese abschliesst – auf uns, die Hörer, bezogen. Am Ende, ja, kommt noch die Not in der Welt zur Sprache – in wenigen Worten. Anders ein ökumenischer Gottesdienst zum Tag der Kranken: Eine Frau und der Leiter der Spitex brachten abwechselnd präzise Bitten vor. Für die Fürbitte können Gemeindeglieder angefragt werden6. Das ergibt einen vielstimmigen Gottesdienst!

Alles im Griff?
Wird die Fürbitte vernachlässigt, weil wir im Westen die Sache im Griff haben wollen? Es klappt nicht. Das Machertum führt in den Morast. Wenn auch Europas solideste Staaten in Schieflage geraten7, drängt sich die Fürbitte auf. Was die Kirchen tun – öffentliche Fürsprache und diakonisches Handeln –, ist zu fundieren mit Gebet, im Rufen zu dem, der andere Mittel zur Hand hat. Ohne Gebet ähneln die Christen einem Schreiner ohne Hammer.
Ich träume von einer Renaissance des Bittens: Bedürfnisse von Menschen, Nöte der Gemeinschaft, soziale und politische Sackgassen und das Elend von Völkern sollen handfest zur Sprache kommen – im unbegrenzten Vertrauen auf den Allmächtigen. Träume ich zu viel?

1  Eph. 6,18ff.: im Urtext Partizipien, die an die Verse 14-17 anschliessen
2  1 Tim 2,1-2
3  Lk 18,3-8
4  Gesangbuch RG Nr. 150: Sammlung, Anbetung, Verkündigung, Fürbitte, Sendung
5  Karl Barth, Gebete, 1967, S. 7, die Frage in Klammer. Zitiert in: Ralph Kunz, Der neue Gottesdienst, 2006, S. 19.
6  wie in der Anglikanischen Kirche
7  Die Zeit, 18.8.2016, zum 5. September 2015: «Die Nacht, in der Deutschland die Kontrolle verlor.»

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW.
peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch

To top