Naturwissenschaften

Unterwegs zum «künstlichen» Menschen

Konrad Zehnder Die Entschlüsselung der Natur bringt uns auch eine immer differenziertere Erkenntnis über den Menschen. Diese Forschung lässt sich nicht verhindern, höchstens da und dort bremsen.

Auch wenn diese Entwicklungen von Diskussionen innerhalb und ausserhalb der Wissenschaften begleitet werden, sie gehen, schneller oder langsamer, einem unbekannten Ziel entgegen. Nicht selten werden Dinge entdeckt und entwickelt, die an unser Gewissen appellieren und Fragen aufwerfen: Dürfen wir Menschen dieses oder jenes tun? Ist es gut oder schlecht bzw. böse? Meist stehen sich Befürworter und Kritiker nur schon innerhalb der Wissenschaftsgemeinde unversöhnlich gegenüber. Je nach Brisanz und Popularität des Themas wird der Meinungsstreit von der Öffentlichkeit aufgenommen und verstärkt.
Ein kontroverses aktuelles Beispiel ist ein in Boston geplantes Projekt, das unter dem Namen «HGP-Write: Testing Large Synthetic Genomes in Cells» bekannt geworden ist. Damit soll die Technologie der DNA-Synthese weiterentwickelt werden1. Dabei wird versucht, das menschliche Erbgut (Genom2) mit seinen ungefähr 3 Milliarden Genen aus den chemischen Grundsubstanzen künstlich herzustellen. Falls dies gelingt, sind die Voraussetzungen für einen von Grund auf im Labor erzeugten Menschen gegeben.

Der Drang zum Forschen
Das ist auch für mich eine ungeheure Vorstellung! Nüchtern betrachtet stehen wir indes vor der Tatsache, dass die noch junge Fachrichtung der «synthetischen Biologie»3 schon sehr viel unternommen hat. Gentechnikern ist es vor acht Jahren erstmals gelungen, aus einem synthetisch hergestellten Genom ein lebensfähiges Bakterium zu schaffen. Das erwähnte Projekt steht in einem globalen Wettbewerb mit ähnlichen Projekten. Die Frage scheint nicht ob, sondern von welchem Team das Ziel zuerst erreicht wird.
Erforschen, Nachbauen und Weiterentwickeln von natürlichen Produkten und Prozessen ist eine uralte menschliche Tradition. Fast alles was wir essen und sehr viele technische Errungenschaften verdanken wir diesem Prinzip. In jüngster Zeit hat diese Tradition aber gewaltige Schübe erfahren. Was früher durch Auswahl von Samen und «natürliche» Fortpflanzung geschah, wird seit Jahrzehnten durch Gentechnik und seit einigen Jahren durch DNA-Synthese bewerkstelligt. Wohin führt diese Entwicklung – und wo sind ihre ethischen Grenzen?
Gibt es ethische Grenzen?
Ich habe mit diesem Projekt nichts zu tun, bin nicht Biologe und auch nicht Genetiker. Ich weiss weder wie eine DNA-Synthese im Detail funktio-
niert, noch was hinter den Kulissen geplant ist und läuft. Ich bin auch kein Ethiker. Soll ich also wegschauen und die Entscheidung, ob bzw. unter welchen Bedingungen ein solches Vorhaben gut und richtig ist, den Spezialisten überlassen? Oder soll ich als mündiger, selbstverantwortlicher Mensch – intuitiv, auf mein persönliches, mit meiner Umwelt reflektierendes Wertsystem aufbauend – dennoch urteilen? Soll ich dann ja sagen und mich an das Unaufhaltsame gewöhnen: dass der Eingriff in die Natur immer massiver wird? Ja, weil solche Eingriffe mit guten Absichten gerechtfertigt werden, weil so zum Beispiel Krankheiten vermieden und «gute» Eigenschaften gefördert werden können?
Oder soll ich trotz dieser Verlockungen nein sagen? Weil es nicht gut ist, wenn der kurzsichtige, auf kleine Vorteile bedachte Mensch zum Menschenschöpfer wird? Nein zum Zauberlehrling, der die Schöpfung mehr durcheinander bringt als sie zu verbessern? Nein auch, weil die Gefahr des Missbrauchs immens ist?

Ein vertrauensvolles Nein
Auch wenn mir die Entscheidung nicht leicht fällt: Ich sage nein zum künstlich hergestellten Menschen. Zugleich traue ich es unserem Schöpfer zu, dass er sein Werk und seine Menschen liebt, auch solche, deren Erbgut künstlich verändert, geklont oder gar synthetisch hergestellt worden ist. Auch wenn wir noch so kluge Nachahmer sind und alles aus dem Ruder läuft: Wir können nicht aus seiner Schöpfung herausfallen.

www.nytimes.com/2016/05/14/science/synthetic-human-genome.html?_r=0
www.welt.de/print/die_welt/wissen/article155662099/Der-kuenstliche-Mensch.html Das Projekt ist eines der Nachfolgeprojekte aus dem «Human Genome Project 1990-2003»: web.ornl.gov/sci/techresources/Human_Genome/research/spinoffs.shtml
de.wikipedia.org/wiki/Genom de.wikipedia.org/wiki/Synthetische_Biologie

 

Dr. Konrad Zehnder ist Geologe.
ko.zehnder@STOP-SPAM.bluewin.ch

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