Spiritualität

Der Geist der Wahrheit

Ruth Maria Michel Unser Leben ist von Abschieden durchzogen – und selten fallen sie uns leicht. Wir hängen am Vertrauten, unser Herz ist verwurzelt: Eingesenkt bei einem Menschen, in eine Lebensphase, in einen Ort, der zur Heimat geworden ist. Von einem Abschied, der zum Leben dient, spricht Jesus in Johannes 14,15ff. Am letzten Abend in Gemeinschaft mit seinen Jüngern schaut er zurück. Und er schaut voraus auf sein Abscheiden:

 

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit ... Er bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.

Jesus weiss, was seine Jünger brauchen: Trost, genauer: einen Tröster, der bei ihnen bleibt.

  • Bei einem bleiben: Schon darin steckt fast alles, was einen guten Tröster ausmacht. Er läuft nicht weg. Er hört. Er redet. Oder er schweigt. Aber er bleibt: Der Tröster wird «in euch sein».
  • Warum nicht jetzt – erneut – beten: «Komm Heiliger Geist, mit Deiner Kraft ...» Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten1

 

Jesus nimmt Abschied: Ein Abschied, der dem Tode nicht ausweicht – und der dennoch das Leben im Blick hat: «Ich lebe und ihr sollt auch leben.» 

  • Abschiede in meinem Leben ... Ob gewollt oder ungewollt – sind sie betrauert?
  • Je länger wir leben, desto öfter sind die Abschiede, die uns zugemutet werden, endgültige Abschiede: Abschied von vertrauten Menschen. Abschied von erfüllenden Aufgaben. Abschied von kraftstrotzender Gesundheit ...
  • Obwohl er von seinem Tode spricht, spricht Jesus von seinem Leben. Von einem Leben, das durch den Tod nicht beendet wird, das durch den Tod zu einem ewigen Leben wird ...

 

Der «Tröster» – Name des Geistes, dessen Kommen Jesus verspricht: 

 

  • Der Begriff Parakletos (wörtlich «der Herbeigerufene») stammt aus dem Rechtswesen. Der von Jesus selbst herbeigerufene Heilige Geist ist so etwas wie unser Rechtsbeistand, der Für-uns-Sprecher und Helfer, der da ist, wenn Jesus selbst nicht mehr greifbar und sichtbar nahe ist.

 

Wie soll es weitergehen? 

 

  • Jene erwachsen gewordene Lie-be (Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten) ist nötig, die in Treue das tut, was wir als das Gebotene erkannt haben: Was habe ich zuletzt von Gott «gehört»? Es geht darum, dass ich mir diesen Anwalt nehme, dass ich mich von IHM vertreten, trösten und helfen lasse, das Erkannte im nächst machbaren Schritt umzusetzen.
  • Wir leben in einer Welt, in der sich alles darum dreht, dass die Wirtschaft wächst, dass gekauft wird und dass man sich selber möglichst gut verkauft – womöglich auch als Gemeinde auf dem Markt der religiösen Anbieter die anderen aussticht ... Ohne diesen Tröster-Geist der Wahrheit sind wir allein mit uns selbst und allen Herausforderungen. Jesus Christus will uns aber nicht mutterseelenallein lassen! «Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen.» – «Ich komme zu euch ...» – «Und ihr sollt mich sehen – ganz anders, als ihr mich bisher gesehen habt ...» – «Ich lebe und ihr sollt auch leben.»

 

Der «Geist der Wahrheit» – ein anderer Name des versprochenen Trösters: 

 

  • Zwar ist Jesus das letzte und endgültige Wort des Vaters in Person. Aber der Heilige Geist will uns Jesu Wort zusprechen, damit es uns neu berührt, vertiefter erkennen und handeln lässt.
  • Ja, Jesus geht weg, hinein in die dunkle Nacht der Vernichtung. Und dennoch kehrt er wieder und bleibt da: Pfingsten. Das Fest der Geistesgegenwart. Im Geist ist Jesus gegenwärtig. Er ist nicht mehr als greifbarer Körper unter uns. Und dennoch ist er da. 

 

Der Geist der Wahrheit lässt uns dahinterschauen und erkennen, dass aus dem Abschied vom Leben ein Abschied zum Leben wird.

 

Inspiriert von Jan Bots SJ in: «Mir geschehe nach deinem Wort» und Karin Johne: «Klassiker der Meditation, Meister Eckhart, Ewigkeit inmitten dieser Zeit» 

 

1  Lk 11,13


Ruth Maria Michel leitet als VBG-Mitarbeiterin das Ressort «Spiritualität und geistliche Begleitung». ruth.michel@STOP-SPAM.insist.ch 

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