Transformation

Eine Ehe als Impuls für die Dorfentwicklung

Hanspeter Schmutz Naturgemäss feiern Dörfer nur selten Geburtstag. Wenn sie es aber alle 50 oder 100 Jahre wieder einmal tun, ist dies ein idealer Anlass, um die Dorfentwicklung zu fördern.

 

Am 1. Juni 2018 wird sich ein wichtiger Ehevertrag zum 800-sten Mal jähren. Darin bildet der Hof Diessbach einen Bestandteil der kyburgischen Ehesteuer, den Graf Ulrich von Kyburg für seinen Sohn Hartmann IV. an Graf Thomas I. von Savoyen zu Handen seiner Tochter Margaretha, der künftigen Gattin Hartmanns, versprach. Dank dieser historisch belegten Nennung kann das Dorf Oberdiessbach im kommenden Jahr das 800-jährige Jubiläum feiern – zusammen mit der 350-Jahr-Feier des Renaissance-Schlosses von Oberdiessbach.

 

Die richtige Frage für das Jubiläum

Auf Initiative des Gemeinderates trafen sich Vertreter der Schule, Kirchgemeinde und der Vereine zwei Jahre im Voraus, um über die Gestaltung des Jubiläums nachzudenken. In der Regel steht im Zentrum ein grosses Fest, bei dem viel gegessen, getrunken, musiziert und – nicht selten auch – Geld «verbrannt» wird. Nach dem Fest bleibt neben dem Abfall und einigen guten Erinnerungen kaum noch etwas übrig.

Nicht so in Oberdiessbach. Gut, das zentrale Fest wird auch in Oberdiessbach nicht fehlen. Daneben liessen sich die anwesenden Vertreter aber von einer Frage leiten, die eigentlich zu jedem Geburtstag gehört: «Was kann ich dem Geburtstagskind schenken?» Geschenke haben in der Regel etwas mit den Vorlieben und Begabungen des Schenkenden zu tun. Die Vereinsvertreter fragten sich deshalb, was sie als Verein gut können und wie sie diese «Begabung» dem Dorf bzw. der Bevölkerung zum Geburtstag schenken könnten. Eine Frage, die viel Kreativität auslöste. Sie führte zu etwa 120 Ideen und Vorschlägen, von denen – über das ganze Jahr verteilt – im Jahr 2018 nun etwa 60 Projekte umgesetzt werden sollen. 

 

Den Mehrwert für das Dorf suchen

Natürlich gehört dazu ein Tanzabend für Ehepaare, schliesslich gilt es ja, einen Ehevertrag zu feiern. Auch der Pfarrer erhält so eine Steilvorlage für die Predigt anlässlich des Festgottesdienstes am zentralen Jubiläumsfest. Im Übrigen wurden die Veranstalter ermuntert, sich zusammenzutun und Projekte zu entwickeln, die dem Dorf einen Mehrwert bringen. So wurde über eine gemeinsame Menukarte aller Gastrobetriebe nachgedacht: mit je einem Retro-Menu aus 800 Jahren Geschichte. Die Gartenbauer, Blumenläden, die Schlossdame, die politische Gemeinde und die Kirchgemeinde wollen sich zusammentun, um an Ostern je einen Brunnen zu schmücken. Die Schule plant ein Musical, die Brassband ein Musiktheater. Und natürlich geizt auch das Schloss nicht mit Anlässen: etwa mit der Aufführung eines Konzertes aus der Renaissancezeit, Sagen im Schlossgarten oder mit einer animierten Beleuchtung des Schlosses.

 

Geld nachhaltig einsetzen

Erwünscht sind aber auch nachhaltige Projekte. Und die kosten in der Regel eine Stange Geld. Es gibt aber kaum einen besseren Anlass als ein Jubiläumsjahr, um Geld locker zu machen. Die politische Gemeinde ist spendabler als sonst, auch Private, Institutionen und Firmen sind leichter zu bewegen, als Sponsor oder Spender aufzutreten. 

Eine gute Gelegenheit, längst Erhofftes endlich umzusetzen: Etwa einen Mehrgenerationenplatz, auf dem sich vier Generationen treffen können. Das bedingt Investitionen in die Erschliessung und in altersgerechte Spielgeräte. Ein Schachspiel oder ein Barfusspfad können Jung und Alt begeistern. Sitzbänke finden sich oft an Spazierwegen, fehlen aber nicht selten im Dorf, dort also, wo sich ältere Menschen eigentlich gerne mal eine Ruhepause gönnen würden. 

 

Die Wurzeln sichtbar und fruchtbar machen

An einer Geburtstagsfeier soll aber auch die Geschichte lebendig werden: in Oberdiessbach durch eine Broschüre, eine App und Schilder an passenden Häusern und Orten. So soll es möglich werden, die Allgemeine Geschichte, die Wirtschafts- und Kirchengeschichte und einige Naturperlen spazierend zu entdecken – über das Jubiläumsjahr hinaus. Oberdiessbach ist ein pietistisches Erweckungsgebiet. Eine gute Gelegenheit, diese Segensspur sichtbar zu machen, ohne die Fluchspuren – wie etwa die Täuferverfolgung – zu verschweigen.

In einem 3500-Seelen-Dorf wie Oberdiessbach ist die Geschichte eng mit der Kirchengeschichte verbunden, weil historische Spuren meist etwas mit der Kirche zu tun haben. In Oberdiessbach kommen noch das alte bzw. neue Schloss hinzu. Was liegt deshalb näher als das Jubiläumsjahr mit der Beleuchtung des Kirchturms zu beginnen und mit einem offenen Adventssingen in der Kirche zu beschliessen?

Das Organisieren der rund 60 Projekte verlangt viel Geduld, Engagement und die Bereitschaft, mit andern zusammenzuarbeiten, bringt gleichzeitig aber auch viel Freude und Inspiration. Diese Investition in das soziale Kapital des Dorfes macht aber Sinn und dürfte viel Frucht bringen – auch für die weitere Dorfentwicklung.

 

www.diessbach2018.ch 


Hanspeter Schmutz ist  Publizist und Leiter des  Instituts INSIST hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch   

To top