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Von christlichen Würsten und Bloggern 

Hanspeter Schmutz  Im nächsten Jahr wird das Magazin INSIST sanft umgestaltet und verschlankt (siehe S. 42). Einige Kolumnen werden gestrichen, andere kommen dazu. Somit ist dies mein letzter Blog. Grund genug, das Bloggen bzw. die sozialen Netzwerke zu thematisieren. Und das Grundthema des Magazins INSIST wieder mal in Erinnerung zu rufen.

 

Sie haben es sicher sofort gemerkt. Meine persönliche Kolumne heisst zwar Blog, ist aber eigentlich kein wirklicher Blog. Dazu müsste ich nämlich ein öffentliches Tagebuch schreiben und meine Einträge im Internet so publizieren, dass sie von Mitleserinnen und Mitlesern problemlos kommentiert, geteilt, geliebt oder abgelehnt werden könnten: mit Daumen hoch oder Daumen runter. Dazu wäre allerdings eine Mitgliedschaft in einem sozialen Netzwerk unabdingbar. 

Nun, das Internet ist ein faszinierender Marktplatz von Ideen. Facebook erreicht in der Schweiz mehr Leserinnen und Leser als alle Zeitungen der Schweiz zusammen. Das betonte Roger de Weck, SRG-Generaldirektor am kürzlichen Medientag der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA). Warum bin ich trotzdem weder bei Facebook noch beim beruflichen Netzwerk Linkedin dabei? 

Vorerst natürlich, weil ich nicht noch mehr Datenspuren im Internet hinterlassen will. Mit Freunden und Gleichgesinnten kann ich mich auch über einen ganz normalen Newsletter wie den INSIST-Newsletter (www.insist.ch) oder den WDRS-Newsletter (www.dorfentwicklung.ch) vernetzen. Hier können sich alle Beteiligten bequem ein- oder austragen, ohne dass ein persönliches Profil abgefragt oder Daten an andere weiterverkauft werden. Die beiden Newsletter erscheinen nur, wenn es wirklich etwas Neues zu sagen gibt – und damit ziemlich selten. Ziel ist dabei nicht eine möglichst hohe Zahl von Jüngern und Jüngerinnen (Followers), sondern eine qualitative Vernetzung von spannenden Menschen, denen ich mit meinen News gute Ideen weitergeben kann, die ich selber innerhalb oder ausserhalb dieses Netzwerkes entdeckt habe. Somit bleibe ich nicht in einer geschlossenen Gesellschaft gefangen, die von Likes gesteuert wird, sondern habe auch Zeit für Inspirationen, die von ausserhalb der Blase kommen. 

Zugegeben, auf diese Weise können sich meine Ideen nicht viral über die ganze Welt verbreiten. Aber vielleicht geben sie Anstösse im kleinen Kreis einer qualitativ hochstehenden und interessierten Community – wie bei den Blog-Leserinnen und Lesern des Magazins INSIST. Ich staune immer wieder über Begegnungen und den Austausch mit Mitgliedern dieser Community an realen Tagungen – wie am SEA-Medientag. Diese kritisch-engagierten Gespräche ziehe ich oberflächlichen Däumlingen vor, die nur nach oben oder unten zeigen und deshalb nicht weiterführen.

 

Am erwähnten Medientag wurde er wieder einmal ausgesprochen, der berühmte Satz von den frommen Würsten: «Es gibt nicht fromme Würste, sondern nur gute und schlechte Würste.» Dasselbe wird auch über Gipfeli gesagt, über Journalismus, Politik oder Musik. Wer so redet, weicht der Frage aus, wie denn eine fromme Wurst aussehen müsste. Zum Beispiel so: Sie enthält und deklariert die Bestandteile, die zu einer guten Wurst gehören. Sie wurde in der Nähe unter guten Arbeitsbedingungen mit dem Fleisch von anständig gehaltenen Tieren hergestellt und hat einen fairen Preis. Sie dient letztlich allen Beteiligten zum Besten. So wie eine christliche Politik. 

Wenn eine Christin auf dem Saxophon Jazz spielt, ist das nicht automatisch christlicher Jazz. Ike Sturm, Leiter des Jazzministrys der Saint Peter’s Church in New York, sagt zum Unterschied zwischen Jazz und Sacred
Jazz: «Der einzige Unterschied ist die Absicht, in der ich ein Jazzstück schreibe. Bin ich als Christ am Werk, kommt jede Note, jede Improvisation aus meinem tiefsten religiösen Inneren.» Das ist sozusagen die eine Seite der Medaille. Sturm macht dann eine wichtige Ergänzung: «Aber meine Musik wird nicht danach bewertet, ob ich sie mit religiösem Hintergrund komponiert habe oder nicht. Deshalb ist eine Definition von ‚Sacred Jazz’ schwierig.» Sogar wenn die Politik in der Stillen Zeit entstanden und vom Lesen der Bibel geprägt und christlich gemeint ist, sollte sie im christlichen Sinne Frucht tragen. Sie soll sich inkarnieren, wie sich Christus in unsere säkulare Welt integriert und sie nachhaltig verändert hat. Schwierig? Ja! Aber dieses integrierte Christsein ist auch faszinierend hoffnungsvoll!

 

1  «reformiert.» Nr. 9/17, S. 8

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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