Medien

«Der Journalismus hat ein pragmatisches Wahrheitskonzept»

Interview: Fritz Imhof Der Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump hat gezeigt, wohin in der Medienwelt der Zug fährt: Beziehungen zu vertrauten Personen werden wichtiger als die Qualität des ausgewählten Mediums. Kann das gut gehen? Wir sprachen darüber mit Journalistikprofessor Vinzenz Wyss und der Medienwissenschaftlerin Carmen Koch, die eine Dissertation über Religionen und Medien geschrieben hat. 

 

Magazin INSIST: Vinzenz Wyss, die traditionellen Strukturen im Journalismus zerfallen, insbesondere weil Verlage Kosten sparen und neue Player auf den Markt kommen. Muss man heute von einer Krise des Journalismus reden?

Vinzenz Wyss: Nicht der Journalismus steckt in einer Krise sondern die Träger, die ihn bis jetzt finanziert
haben. Die Medienunternehmen wurden bisher stark von der Werbewirtschaft finanziert. Diese verabschiedet sich aber zunehmend von den Verlagen. Dennoch ist man
sich über die Wichtigkeit des Journalismus einig. Er vermittelt in der Gesellschaft zwischen rechtlichen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen, politischen und weiteren Perspektiven. In dieser Situation drängen immer mehr auch pseudojournalistische Akteure in den Vermittlermarkt. 

 

An welche Akteure denken Sie?

Wyss: Früher hatte der Journalismus eine Gatekeeper-Funktion, um die man auf der Suche nach News nicht herumkam. Man konnte sich aus einer Zeitung informieren. Heute kann sich jeder auf den Social Media bewegen – als Konsument oder als Anbieter. Auf den Social Media Plattformen tummeln sich auch verschiedenste strategische Akteure, die Eigeninteressen verfolgen. Algorithmen spielen den Nutzern diejenigen Infos zu, die ihr Interesse und ihre politische Haltung widerspiegeln. Die institutionelle Wissensordnung ist durcheinandergeraten. Früher war klar: Wissenschaft hat ihren eigenen Wahrheitsbegriff, die Justiz oder die Theologie ebenso und der Journalismus hat seinen pragmatischen Wissensbegriff. Mit der Digitalisierung prallen all diese unterschiedlichsten Wahrheitskonzepte im öffentlichen Raum aufeinander. Das führt auch dazu, dass die Wissensordnung erodiert und das Publikum dem Journalismus gegenüber immer unsicherer und skeptischer wird. Man weiss zum Beispiel, dass auf Social Media Nachrichten umso glaubwürdiger eingeschätzt werden, je mehr sie von bekannten Personen geteilt werden, egal ob sie nun stimmen oder nicht.

 

Die Ereignisse rund um die Wahl von Donald Trump haben gerade die Wahrheitsfrage im Journalismus neu aufgeworfen. Wie definieren Sie «Wahrheit» im Journalismus?

Wyss: In einer institutionellen Wissensordnung war es klar, dass es Institutionen wie beispielsweise die Wissenschaft oder eben den Journalismus gibt, welche professioneller als andere versuchten, sich der Wahrheit anzunähern. So haben die verschiedenen Institutionen je eigene Methoden entwickelt, nachvollziehbar Wissen zu vermitteln. Vom Journalismus wurde erwartet, dass er gut begründete Behauptungen in die Öffentlichkeit trägt und dort zur Diskussion stellt. Der Journalismus kennt ein pragmatisches Wahrheitskonzept, weil er weiss, dass Wahrheit immer eine konstruierte Wahrheit ist, der man sich im Sinne der Wahrhaftigkeit mit Standards wie Relevanz, Vielfalt, Objektivität und Transparenz annähern kann. Diese Arbeitsteilung gerät nun im digitalen Zeitalter durcheinander, weil sich in der Öffentlichkeit zahl-
reiche Akteure an der Wissensproduktion und deren Rechtfertigung beteiligen; dies zum Teil mit ganz unterschiedlichen, kaum zu vereinbarenden Evaluationskriterien.

 

Führt der Weg ins mediale Chaos?

Wyss: Tatsächlich führt die Digitalisierung zu einer grossen Unsicherheit, was nun als verlässliches Wissen Gültigkeit hat, gerade weil in der Öffentlichkeit vor allem über Social Media ganz unterschiedliche Wissenserzeuger mit ganz unterschiedlichen Prüfprogrammen aufeinander prallen. Das hat tatsächlich etwas Chaotisches und sollte durch neue Ordnungen, die wir noch nicht kennen, aufgefangen werden.

 

Welchen Einfluss haben die Ereignisse rund um die Trump-Wahl auf Ihre Arbeit als Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)?

Wyss: Am Beispiel von Präsident Trump lässt sich sehr gut veranschaulichen, wie Wahrheit als Kampfbegriff
instrumentalisiert wird und wie letztlich gezielt versucht wird, die institutionelle Wissensordnung und damit auch den Journalismus als Institution zu schwächen. Den
Medien wird Abhängigkeit vom Mainstream oder Lüge vorgeworfen, um letztlich das System zu destabilisieren. Dass dies so einfach möglich ist – mit dem Teilen von
offensichtlichen Fake News oder durch eigenen Bullshit – hätte vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten. Man kann aber von diesen gezielt eingesetzten Irritationen lernen, wie durch das propagandistische Verbreiten von Falschinformationen im Internet die öffentliche Meinungsbildung in Demokratien beeinflusst werden kann. Darauf machen wir in der Journalistenausbildung aufmerksam. 

 

Welche Perspektiven hat heute eine Jungjournalistin im Blick auf Jobsicherheit, Arbeitsweise und Arbeitsqualität? Ist sie definitiv für die Rolle als gesellschaftliche Animatorin und Entertainerin bestimmt?

Wyss: Tatsächlich hat die Digitalisierung auch die Nachrichtenwerte der Medien verändert. Ereignisse, die Aufmerksamkeit versprechen, haben bei der Selektion und Inszenierung im Vergleich zum Fernsehen nochmals an Bedeutung gewonnen. Trotzdem zeigt uns die Entwicklung auch, dass Journalismus als Vermittler weiterhin
unverzichtbar ist. Das muss den Studierenden bewusst
gemacht werden. Es ist allerdings abzusehen, dass Journalismus immer weniger bei herkömmlichen, primär gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen gefragt ist. Er muss sich neue Träger suchen, die allerdings kaum über Werbung zu finanzieren sind. Wichtig bleibt, dass ein journalistischer Diskurs stattfindet, wo sich auch ein Konsens für kollektiv verbindliche «Wahrheit» herauskristallisieren und Reflexion stattfinden kann. Journalisten müssen heute vermehrt erklären, wie sie arbeiten und wie sie zu ihren Informationen und Einschätzungen kommen. Sie müssen sich auch der Kritik an ihren Produkten stellen. Diese neue Art von Metakommunikation könnte das verlorene Vertrauen zurückgewinnen, hoffe ich.

 

Müssen wir in Zukunft bei der Suche nach Information alle unseren eigenen Weg finden? Welche Zukunft haben Qualitätsmedien? 

Wyss: Klar gibt es die Vorstellung, dass nun jeder sein eigener Gatekeeper sein kann, und dass dieser nach eigenen Interessen für ihn relevante Informationen im Internet zusammensuchen kann. Das halte ich aber für blauäugig und auch in gesellschaftlicher Hinsicht für gefährlich. Zum einen wird es dem Einzelnen an Medienkompetenz fehlen, zum andern braucht eine Gesellschaft einen organisierten und reichweitenstarken Diskurs, der sich auf Informationen beziehen kann, die wenigstens pragmatisch angewendete Prüfprogramme durchlaufen haben. Das spricht nach wie vor für starke Service Public Medien und – eine neue Idee – für staatlich geförderte
Infrastrukturen, auf denen verlässliche Informationsanbieter staatsfern Öffentlichkeit herstellen können.

 

Wie beurteilen Sie das Modell «Die Republik» der Journalisten Constantin Seibt und Christoph Moser?

Wyss: Zwiespältig. Zum einen ist das Projekt1 ein gutes Zeichen für den Willen, guten Journalismus zu machen. Andererseits muss das Angebot aus dem Spektrum der Anbieter von Nutzern auch gefunden und benutzt werden. Insbesondere in den Sozialen Medien. Das gute journalistische Angebot allein genügt nicht. Ich befürchte, auch «Die Republik» ist auf eine grosse Infrastruktur-Plattform angewiesen, die auch Facebook und Google die Stirn bieten kann. 

Carmen Koch, Sie haben sich intensiv mit der medialen Verarbeitung von Religion befasst. Was hat Sie zu diesem heiklen Thema geführt?

Koch: Ich habe es bisher nicht als «heikles Forschungsthema» angesehen, zumindest nicht aus der Wissenschaftsperspektive. Für Journalisten sieht das anders aus. Für sie ist Religion durchaus ein heikles Thema, wie uns einige in den Leitfadeninterviews erzählt haben. Wenn es um Religion geht, können schnell persönliche Gefühle verletzt werden.

Aber nun zur Frage, wie ich zum Thema gekommen bin: Ich hatte das Glück, dass ich am Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) gerade dann Assistentin wurde, als eine Eingabe beim Nationalfondsprogramm «Religion, Staat und Gesellschaft» vorbereitet wurde. Das Thema hat mich von Anfang an sehr interessiert. Es ist ein sehr relevantes Thema, das in der Medienwissenschaft lange vernachlässigt wurde, eigentlich noch immer. Religion ist ein zentraler Teil unserer Gesellschaft und Kultur, und ich finde es spannend, wie Medien diese Thematik aufgreifen und darüber berichten. Ein interessanter Aspekt ist auch das Spannungsverhältnis zwischen der Religion als etwas sehr Privates, Intimes auf der einen und den religiösen Institutionen mit ihrem gesellschaftlichen Beitrag als etwas Öffentliches auf der anderen Seite. Und letztlich ist «Religion und Medien» ein Themenfeld, in dem es um Minderheiten und Stereotypen geht, aber auch um kulturelle Vielfalt und Dialog – etwas, das mich schon immer beschäftigt hat.

 

Stimmt es, dass bezüglich Religionen die meisten Journalisten Analphabeten sind? 

Wyss: Ja, es gibt sehr wenige Fachspezialisten, was eigentlich angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen ein Skandal ist.

Koch: Es gibt nur vereinzelt Journalisten mit breiter Fachausbildung oder zumindest religionsspezifischen Ausbildungen wie Theologie oder Islamwissenschaften. Gut aufgestellt ist einzig das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) mit einer eigenen Fachredaktion. Die Religionsexperten berichten vor allem innerhalb ihrer Sendeformate, vereinzelt unterstützen sie auch andere Formate, zum Beispiel die Nachrichten. Sie werden aber längst nicht in allen Fällen, bei denen Religion eine Rolle spielt, hinzugezogen. Bei den meisten Schweizer Zeitungen gibt es keine Journalisten mit breitem Fachwissen über Religion. Eine entsprechende Ausbildung können nur wenige aufweisen. Vielfach beschränkt sich der Hintergrund auf die eigene Kirchenerfahrung – zum Beispiel als Kirchgänger oder Ministrant – oder auf die Tatsache, dass man mal den Koran oder die Bibel gelesen hat. In der Regel bildet die Religion fast nie ein «eigener Programmpunkt». Sie läuft somit bei vielen Themen einfach mit und wird nicht als eigenständiges Thema angesehen und vermittelt. Religion verlangt vordergründig nicht nach einem Fachspezialisten, weil es ja nicht primär um Politik geht. Das ist natürlich zu wenig weit gedacht. Und ja, ich denke, die Medien sollten Fachleute für Religion beschäftigen. 

 

Gibt es hier eine Holschuld der Medienschaffenden?

Koch: Ja, bezüglich Ausbildung sollten die Medienschaffenden unbedingt nachlegen. Wegen der fehlenden Basis auf Seiten des Journalismus sollten aber auch die Religionsgemeinschaften Angebote bereitstellen. Es braucht mehr Aufklärung, mehr Erklärung. Journalisten benötigen Ansprechpartner, von deren Fachwissen sie profitieren können.

Wyss: Religion lässt sich als Nebenthema gut an politische Themen andocken. Allerdings kann das sehr anspruchsvoll sein. Mein Wunsch an die Religionsgemeinschaften ist, dass sie ihr Fachwissen im Dialog mit Medienschaffenden auch weitergeben.

 

www.republik.ch 

 

Prof. Dr. Vinzenz Wyss (51) ist seit 2003 Professor für Journalistik am Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Seine Forschungsbereiche sind Journalismus- und Redaktionsforschung, Medienethik, Medienkritik, Journalistische Qualität und Qualitätsmanagement. 

 

Dr. Carmen Koch (36) arbeitet als Koordinatorin für Forschung und Beratung, Dozentin sowie Projektleiterin am IAM an der ZHAW in Winterthur. Sie hat ihre Doktorarbeit zum Thema «Religion und Medien» im Rahmen des Nationalfonds-Projekts «Religion, Staat & Gesellschaft» verfasst.

 

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