Wahrheit aus psychologischer Sicht

Wahrheit als Bedrohung oder Befreiung

Dieter Bösser 

 

«Die Menschen wollen die Wahrheit nicht, Matt. Viel zu chaotisch, das bringt sie um den Schlaf.» 

Das sagt der CIA-Vizedirektor Whitford zu seinem Agenten Weston im Thriller «Safe House» (2012). Weston hatte einen Bericht über brisante Ereignisse vorgelegt, die sich kurz zuvor in Südafrika abgespielt hatten. Für Whitford sollte der Bericht darum an einigen Stellen abgeändert werden: Die Wahrheit sollte verfälscht werden. Whitford versuchte auf diese Weise, die CIA und auch sich selbst vor schwerwiegenden Konsequenzen zu schützen.

 

Wahrheit leugnen als Selbstschutz

Der Schutz des eigenen Selbst ist einer der stärksten Beweggründe für unser Handeln. Menschen schützen sich nicht nur vor Gefahren, die ihren Körper oder ihren materiellen Besitz betreffen. Sie schützen sich auch vor Angriffen auf ihr seelisches Selbst, ihr Selbstwertgefühl, ihre emotionale Harmonie und ihr Gedankengebäude. Als bedrohlich empfundene Tatsachen werden darum ignoriert, widerlegt oder so interpretiert, dass sie keine Bedrohung mehr darstellen.

Übergewichtige Menschen stehen nicht mehr auf die Waage, weil sie das zu hohe Körpergewicht nicht mehr sehen wollen. Real und wahr ist das Gewicht trotzdem. In einer Familie werden manchmal auch überaus deutliche Anzeichen für die Demenz eines Elternteils nicht zur Kenntnis genommen, weil man den Zerfall eines geliebten Menschen nicht wahrhaben will. Gegenwärtig erleben wir in verschiedenen Ländern, dass sich Machthaber wie Diktatoren verhalten und damit die Massen begeistern. Die massive Verletzung von demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätzen wird von der Staatengemeinschaft de facto verdrängt. 

 

Interessen beeinflussen das Erkennen

Auch im wissenschaftlichen Kontext lässt sich aufzeigen, dass das Erkennen von Wahrheit seine Tücken hat. Erkenntnis wird in einem nicht zu unterschätzenden Ausmass von persönlichen Interessen beeinflusst: Was will der Forscher nachweisen? Wenn die Automobil-Industrie eine eigene Studie zur Auswirkung der Verbrennungsmotoren auf den Klimawandel publiziert, dann gibt es über ihre Interessen kaum Zweifel. Daher muss kritisch gefragt werden: Was genau wurde untersucht? Welche Daten wurden erhoben und wie werden sie interpretiert? Welche Ergebnisse wurden publiziert und welche nicht? Wie überzeugend sind die Schlussfolgerungen? 

Hoch brisant ist gegenwärtig etwa die Frage, welche Unterschiede von Frau und Mann «sex differences» und welche «gender differences» sind. «Gender differences» sind gesellschaftlich bedingt und können verändert werden. Daher sind sie umstritten. «Sex differences» sind biologisch bedingt und daher weitgehend stabil. Diese Diskussion hat eine erhebliche politische Komponente. Dabei spielen verschiedene Interessen eine grosse Rolle, die auch wissenschaftliche Untersuchungen und deren Deutung beeinflussen. 

Im Zusammenhang mit empirischen Untersuchungen kursiert das Bonmot «Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast». Natürlich ist es unfair, jede statistische Information als gefälscht zu betrachten. Ein Wissenschaftler kann aber durchaus in Versuchung kommen, die erhobenen Daten zu manipulieren, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen. Solange über eine zulässige Transformation von Daten offen Rechenschaft abgelegt wird, ist das in vielen Fällen unproblematisch. Im Blick auf die Förderung der eigenen wissenschaftlichen Karriere wird aber einiges publiziert, das einer kritischen Überprüfung nicht standhält. Zu viele Ergebnisse lassen sich durch eine zweite Untersuchung nicht bestätigen. Wie wahr sind dann die Erkenntnisse der ersten Studie?

 

Das Bedürfnis nach gedanklicher Ordnung

Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach widerspruchsfreien Gedanken und Überzeugungen. Sie streben ein widerspruchsfreies Welt- und Menschenbild einerseits mit entsprechenden Erkenntnissen andererseits an. Bildlich ausgedrückt konstruieren sie ein gedankliches Ordnungssystem, eine Art Schubladensystem im Gehirn, in dem sie alle Fakten und Informationen ablegen können. Idealerweise kann alles ohne Zweifel oder Widersprüche einer Schublade zugeordnet werden. So entsteht ein inneres Ordnungssystem von Fakten und Erkenntnissen, ein umfassendes Welt- und Menschenbild. Was diesem inneren Ordnungssystem widerspricht, wird in der Regel spontan abgelehnt oder abgewertet. Widersprüchliche Informationen oder Erkenntnisse werden emotional als belastend erlebt. Daher erfolgt in vielen Fällen keine ernsthafte Aus-
einandersetzung mit als störend empfundenen Fakten. Das Bedürfnis, das eigene Ordnungssystem, das Welt- und Menschenbild zu schützen, ist so stark, dass es in der Regel nicht hinterfragt wird. Dieser Mechanismus lässt sich auch bei Christen und in christlichen Kirchen beobachten. Müsste man sich angesichts dramatisch sinkender Mitgliederzahlen nicht schwerwiegende inhaltliche Fragen stellen und lieb gewonnene Grundüberzeugungen hinterfragen? 

Das Bedürfnis, das innere Ordnungssystem zu schützen, verstärkt sich in Konfliktsituationen. Je mehr ein Konflikt eskaliert, umso mehr weicht die Wahrnehmung der beteiligten Personen von der Wirklichkeit ab. Konflikte werden in der Regel als Bedrohung empfunden. Um sich selbst zu schützen, werden die eigenen Anteile am Konflikt immer mehr verdrängt, der Gegner wird zunehmend zum allein schuldigen Feind. Es entsteht ein Schwarz-Weiss-Bild. Dadurch kommt eine negative Dynamik in Gang, die nur durch Unterstützung von aussen verändert werden kann, wenn überhaupt. Diese Dynamik betrifft nicht nur Wahrnehmung und Gedanken, sondern auch Gefühle und Handlungen der beteiligten Personen. Eine solche Abweichung von der Realität kann sehr tragische Konsequenzen haben und dazu führen, dass Konflikte unlösbar werden.

 

Postmoderne Beliebigkeit im Härtetest

Das Phänomen der selektiven Wahrnehmung der Welt bzw. der selbstwertschützenden Interpretation von Informationen und Fakten ist alt. Verschärft wurde es durch die Grundüberzeugung des Postmodernismus, dass es keine objektive Wahrheit bzw. Wirklichkeit gibt, sondern nur persönliche oder sozial konstruierte Wahrheiten. Damit ist die Wahrheit eine rein subjektive Angelegenheit. Es existieren folglich so viele Wahrheiten nebeneinander wie es Menschen gibt. «Wahrheit ist, womit deine Zeitgenossen dich davonkommen lassen» (Richard Rorty). 

Auf den ersten Blick ist es attraktiv, dass jeder auf seine persönliche Wahrheit pochen kann, ohne dass diese nachprüfbar wäre. Spätestens seit Donald Trump Präsident der USA geworden ist und über «fake news» oder alternative Fakten gesprochen wird, macht sich erhebliches Unbehagen breit. Auch mancher Anhänger des Postmodernismus sagt unterdessen: «So war das nicht gemeint!» Der Schriftsteller Karl-Heinz Otto schrieb dazu in der NZZ vom 19. April 2017 einen Artikel mit dem Titel «Die schöne postmoderne Beliebigkeit hat den Härtetest nicht bestanden». Darin führt er aus: «Plötzlich aber wachen wir auf, weil im Weissen Haus ein Mann sitzt, der es mit der Wahrheit nicht genau nimmt. Plötzlich wollen wir die gute alte Wahrheit zurück und ertragen es kaum, dass da einer seine eigene Sicht der Dinge als Wahrheit ausgibt. Plötzlich sind wir masslos aufgebracht, weil politische Kreise, die uns missfallen, Wahrheit ganz nach eigenem Gusto definieren. So wollten wir unsere postmoderne Wahrheitsauflösung nicht verstanden wissen.» 

Wahrheit darf nicht zum Spielball von Rhetorik, Macht oder von gezielt geschürten Emotionen werden. Diese Ausführungen machen deutlich, dass es nicht möglich ist, ohne die Grundannahme von objektiver Wahrheit bzw. objektiver Wirklichkeit zu leben. Wahr sind Informationen und Erkenntnisse, die mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Die Wirklichkeit unvoreingenommen zu erkennen, ist eine grosse Herausforderung. Daher sollte der bedingungslose Wille vorhanden sein, die Wirklichkeit so zu erkennen, wie sie ist. Dazu muss man sich bewusst machen, welche Grundhaltungen zu Verzerrungen des Erkennens und Interpretierens führen. 

 

Wahrheiten verleugnen als Risikofaktor

Auch auf einer kollektiven Ebene ist es möglich, sich etwas vorzumachen und kritische Aspekte der Wirklichkeit auszublenden. Es gibt eine Reihe von einst erfolgreichen Unternehmen, die Veränderungen im Markt falsch einschätzten und plötzlich in ihrer Existenz bedroht waren. Langjähriger Erfolg kann die Wahrnehmung der Wirklichkeit und folglich unternehmerische Entscheidungen massiv beeinträchtigen. Der Niedergang der Swissair ist ein tragisches Beispiel dafür. 

Manchmal wird innerhalb der Organisation auf kritische Sachverhalte oder Missstände hingewiesen. Mitarbeiter wenden sich an ihre Vorgesetzten, bringen sich in interne Diskussionen ein und versuchen, notwendige Korrekturen umzusetzen. Besonders wenn ihre Kritik als unangenehm oder bedrohlich wahrgenommen wird, besteht die Gefahr, dass sie unterdrückt oder lächerlich gemacht wird. Manch einer wendet sich dann in seiner Ausweglosigkeit an die Öffentlichkeit, beispielsweise an einen Journalisten, der die kritischen Informationen publik macht. Das nennt man Whistle-blowing. Der Whistle-blower ist eigentlich ein Verräter: Er «verpfeift» seine Organisation, um von aussen Druck aufzubauen und so nötige Veränderungen zu bewirken. Juristisch ist dieses Vorgehen hierzulande sehr umstritten. Das Bedürfnis zur Aufrechterhaltung von bestehenden Zuständen und nach emotionaler Ruhe ist zu stark, um auf berechtigte Kritik einzugehen und nötige Korrekturen einzuleiten. Wir wissen nicht, wie viele Autoingenieure intern schon vor Jahren auf die Manipulation von Abgaswerten bei Dieselautos hingewiesen und vor den Konsequenzen gewarnt haben.

 

Was beeinflusst mein Erkennen?

Wer die Wahrheit erkennen will, braucht die innere Bereitschaft, sich von neuen Informationen und Fakten beunruhigen zu lassen. Emotionales Unbehagen genügt nicht, um beunruhigende Fakten abzulehnen. Wenn neue Informationen nicht ins innere Schubladensystem eingeordnet werden können, muss dieses unter Umständen angepasst werden, statt dass man das Störende – bildlich gesprochen – in den Abfalleimer wirft. Solche Anpassungen sind aufwändig, die meisten Menschen scheuen davor zurück.

Anpassungen gelingen eher, wenn man sich bewusst wird, was im eigenen Inneren abläuft und sich Fragen stellt wie:

• Welche Grundannahmen und Interessen beeinflussen mein Erkennen?

• Welche Emotionen beeinflussen meine Bewertung von neuen Informationen?

• Durch welche Fakten fühle ich mich bedroht? Warum?

• Welche Menschen prägen mein inneres Ordnungssystem und die Art, wie ich die Welt interpretiere?

• Welche Erkenntnisse blende ich systematisch aus?

«Alle Erkenntnis ist Stückwerk.» Diese Aussage aus 1. Korinther 13,9 gilt für alle Menschen. Sie hat etwas sehr Beunruhigendes! Auch durch solide Bildung und das Aneignen von viel Wissen lässt sich diese Einschränkung nicht vollständig beseitigen. Jeder Erkenntnis haftet etwas Vorläufiges an. Sie kann sich im Laufe der Zeit als unvollständig oder sogar falsch erweisen. Manche Irrtümer erkennen wir zeitlebens nicht. Dessen sind sich die wenigsten Menschen in der ganzen Tragweite bewusst. 

Viele schützen sich, indem sie von einer absoluten Sicherheit ihrer Erkenntnis ausgehen. Wer nämlich bereit ist, sich innerlich durch neue Fakten und Informationen beunruhigen zu lassen, braucht auf der anderen Seite ein ausreichendes Mass an Gewissheit und innerer Stabilität. Sonst führt jede irritierende Information zu einer Verunsicherung, die Menschen unfähig macht, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. 

 

Die Wahrheit wird euch frei machen

Absolut sichere Erkenntnis der Wahrheit kann sich der Mensch nicht aus eigenen Ressourcen verschaffen. Jesus Christus sagt in Johannes 8,32: «Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch freimachen.» Gott will, dass die Menschen zunehmend Wahrheit erkennen. Damit ist in erster Linie Wahrheit in geistlicher Hinsicht gemeint. Erkenntnis in geistlicher Hinsicht wirkt sich aber auf das ganze Leben aus. Die Wahrheit führt Christen in eine grösser werdende Freiheit von verschiedenen Abhängigkeiten. Diese Entwicklung stellt sich aber nicht automatisch ein. Die oben skizzierten seelischen Prozesse, welche die Erkenntnis von Wahrheit beeinträchtigen, können auch Christen im Erkennen von Wahrheit behindern. Daher stellt sich auch für sie die entscheidende Frage: «Willst du die Wahrheit erkennen, auch wenn sie für dich unangenehm ist und sie dein Gedankengebäude, deine Überzeugungen oder deinen Lebensstil infrage stellt?»

Wer im Vertrauen darauf lebt, dass er durch eine lebendige Beziehung mit dem wahren Gott in seinem Leben gehalten wird, der kann mit vorläufigen Erkenntnissen leben. Sogar das Eingestehen von Irrtümern wird möglich, ohne dass der Boden unter den Füssen verloren geht. Die Verankerung in Christus ist eine Realität. Auch wenn man sie nicht immer wahrnimmt, ist sie trotzdem wirksam und erweist sich manchmal erst im Nachhinein als real. 

Der Geigenbauer und Schriftsteller Martin Schleske schreibt, dass man nur erkennen kann, was man liebt. Liebe als zentraler Faktor im Erkennen gilt vor allem beim Erkennen von Personen, aber nicht ausschliesslich. Es geht hier um ein Erkennen mit dem Herzen, das viel umfassender und ganzheitlicher ist als ein rein verstandesmässiges Erkennen. 

Verwurzelt in einer lebendigen und liebenden Beziehung zu Jesus Christus kann ich mich der Herausforderung stellen, in der Welt um mich herum das als wahr zu erkennen, was real ist. Offene Fragen und gedankliche Ungereimtheiten lassen sich auf diese Weise gut ertragen. 

 

Dieter Bösser, MTh und MSc UZH, ist als Theologe und Psychologe unterwegs in unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftliche Konzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren.

 

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