Praxis

Wahrheit in Beziehungen

Heiner Schubert Der Autor hat sich als junger Theologe vor über dreissig Jahren bewusst entschieden, einer evangelischen Kommunität beizutreten. Als Leitungsmitglied von «Don Camillo» weiss er, wovon er spricht, wenn es um gemeinschaftliches Leben geht. 

 

Gemeinschaftliches Leben erschöpft sich nicht im Teilen von Geld oder Zeit, es hat seine besondere Berufung und Bestimmung im Gestalten von Beziehungen. 

 

Die Beziehung zu Gott 

Aus geistlicher Sicht erfahre ich die Wahrheit über mich selbst nicht nur in Beziehungen, die ich zu meinen Mitmenschen unterhalte. Das «heilige Erschrecken» über die eigene Unfähigkeit, das Gute und Richtige zu tun und zu sagen, hat einen prominenten biblischen Bezug: Paulus. Im Kapitel 7 des Römerbriefes ruft er ernüchtert aus: «Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich (...) Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?» Es gibt also ein Erkennen über die
eigene Wahrheit, das aus der Beziehung zu Gott erwächst. 

 

Berufung zum Glauben und zur Gemeinschaft

Im gemeinsamen Leben kommt nun aber in besonderer Weise zur Geltung, dass wir als Menschen auf Ergänzung angelegt sind. Im Kleinen ist das die Bestimmung jeder Ehe: Als Ehepartner sind wir einander gegeben, um aneinander zu wachsen. Dass das nicht immer nur lustig ist, wissen Ehepaare aus teilweise leidvollen Erfahrungen. 

Leute, die in Gemeinschaft leben, sind keine Ehepartner. Sie haben sich aber auf eine Art von Beziehung eingelassen, die sich am besten mit dem englischen Wort «commitment» umschreiben lässt. Es ist nicht übersetzbar. Man könnte es französisch «Engagement» nennen, aber das trifft es nicht ganz. «Hingabe» kommt dem Englischen näher. 

In Gemeinschaften gibt es keine Freundschaft. Sogar die Beziehung leiblicher Geschwister, die gemeinsam in einer Kommunität leben, wandelt sich. Die spezielle gemeinschaftliche Beziehung ist anderer Art; nicht besser oder schlechter. Sie hat ihren Grund im gemeinsam geteilten Glauben und in der geteilten Berufung zum gemeinsamen Leben. Beide Berufungen – die zum Glauben und die zum gemeinsamen Leben – sind nicht verhandelbar, weil es Christus ist, der ruft. 

Gemeinsames Leben gelingt auf Dauer nur, wenn die Mitglieder einer Gemeinschaft zulassen, dass die Beziehungen sich in diesem Sinne entwickeln. Die Berufung und Beauftragung durch Christus geben jedem Mitglied eine unbedingte Würde. Wer diese Würde des anderen nicht akzeptieren kann oder will, wird über kurz oder lang den anderen aus der Gruppe hinaustreiben oder selbst den Bettel hinschmeissen. Soweit die Theorie. 

 

Förderung der Tragfähigkeit

Einige Aspekte des gemeinsamen Lebens will ich im Folgenden herausgreifen, sofern sie die Beziehungen betreffen. Das wichtigste zuerst: Beziehungen werden in dieser Form von Gemeinschaft tragfähig. Während im kommunitären Alltag die Beziehungen weitgehend der Normalität unterworfen sind – man ist mal der einen näher und dem anderen entfremdeter – beweisen die Beziehungen Festigkeit in Zeiten der Krise. Ohne gross darüber zu reden, rückt die Gemeinschaft zusammen, wenn ein Mitglied leidet. Es ist selbstverständlich, dass ihm Lasten abgenommen werden und es den nötigen Freiraum erhält, der die Genesung fördert. 

Auch Don Camillo kennt Fälle von Burnouts oder Scheidungen. In solchen Momenten trägt das Commitment. Es ist in der Tat so, dass im gemeinsamen Leben Sympathien und Antipathien auf Dauer unwesentlich werden. Gerade weil sie auf Dauer angelegt sind, können alltägliche Unstimmigkeiten den Beziehungen nicht dauerhaft schaden. Man grummelt vielleicht eine Zeit lang oder wagt den offenen Konflikt. Und das wars dann. 

 

Feiern 

Ein weiterer Aspekt betrifft das Feiern. Es ist zentral, dass eine Gemeinschaft nicht nur betet, wie wild arbeitet und sich über geistliche Fragen austauscht. Sie soll sich auch Zeit nehmen, die absichtslos geteilt wird – am Besten beim Feiern. Wenn Jesus sagt: «Lade nicht deine Freunde ein, wenn du ein Fest machst»1, so meint er zunächst natürlich, dass die Gastgeberin Mittellose einlädt oder unbekannte Fremde. Weil ich mir die Leute, die mit mir in der Gemeinschaft sind, aber nicht ausgesucht habe, kommt unser gemeinschaftliches Feiern der Anregung Jesu ziemlich nahe. 

 

Rohstoff zur Veränderung

Eine besondere Herausforderung bedeutet der Umgang mit Konflikten. Konflikte entzünden sich an allen möglichen Ursachen. Gemeinsames Leben begünstigt sie. Unterschiedliche Sichtweisen sind noch die einfachste Form. Schwieriger wird es bei Machtfragen oder als Sachfrage getarnten Machtspielen. Besonders problematisch sind persönliche Unverträglichkeiten, die tausend Gründe haben können, und die definitionsgemäss nie objektiv sind. Dabei ist zunächst wesentlich, dass ich Konflikte nicht als Unfälle ansehe, sondern als Chancen. Sie sind Rohstoff der Veränderung, weil sie etwas sichtbar machen, das nicht in Ordnung ist. Entscheidend ist die Bereitschaft der beteiligten Partei, hinzusehen und nicht vor Selbstkritik zurückzuschrecken. Das ist nicht allen im selben Mass gegeben, weshalb es bei schweren Konflikten Hilfe von aussen braucht. Sonst «verliert» automatisch die Person, die eher bereit ist, das eigene Handeln und Denken in Frage zu stellen. 

Der überwiegende Teil der Konflikte kann so beigelegt werden. Wir haben die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass es Grenzen der Verständigung gibt. Das kann viele Gründe haben. Manchmal fehlt schlicht die Hoffnung, dass eine Beziehung sich so entwickeln kann, dass gemeinsames Leben länger möglich ist. So ist es im Laufe unserer Geschichte auch zu schmerzhaften Trennungen gekommen.

Im Konfliktfall sind zwei Dinge wichtig: Ich kann – erstens – etwas Neues über mich lernen. Ich kann – zweitens – den anderen besser verstehen. Beides muss ich wollen. Von C. G. Jung stammt das überzeugende Konzept des Schattens. Es besagt kurz gefasst, dass ich im anderen mich selbst bzw. meinen Schatten bekämpfe. Ich rege mich über Aspekte seiner Persönlichkeit auf, die ich bei mir verdrängt oder vergraben habe. Aspekte, die auszuleben mir nicht gestattet wurde. Dieses Konzept von Jung funktioniert aber nur, wenn keine Persönlichkeitsstörungen vorliegen. 

 

Die Wahrheit in Liebe sagen

Insofern komme ich der Wahrheit über mich selbst gerade durch Konflikte näher. Trotzdem ist es falsch, den Streit zu suchen. Es gibt eine Art zu provozieren, die den anderen in die Enge treibt und erniedrigt. Darum hat uns das Wort von der «Wahrheit in Liebe» geprägt. Auch wenn ich meine, etwas von der Wahrheit des anderen zu sehen, ist es nicht immer angebracht, das auch zu sagen. Umgekehrt ist es meine Pflicht, die eigene Harmoniesucht zu überwinden, wenn ich zum Beispiel wahrnehme, dass die andere sich verrennt. Heikle Dinge respektvoll anzusprechen kann gelernt werden. Es gibt ein paar kommunikative Grundregeln, die man beherrschen sollte, wenn man gemeinsam leben will2

 

Christus als Brücke zum Gegenüber

Wer gemeinsam leben will – nicht nur in Kommunitäten – will lernen, im anderen Christus zu sehen. Er will einüben, von Christus her auf die andere zuzugehen. Nur so sieht er seine Wahrheit. Nur so kommt er seiner eigenen Wahrheit auf die Spur. Das ist eine Art Spiel, ein Training, ähnlich dem eines Sportlers oder einer Musikerin. Es ist weder ein überhöhter Anspruch noch ein frömmlerisch verbrämtes Ideal. Es ist Arbeit, es verlangt Disziplin und Geduld mit sich selbst. Es ist die unbedingte Einladung, den anderen als das sehen zu lernen, was er ist: Ein eigenständiger, unverwechselbarer Mensch und nicht die Summe meiner eigenen guten oder schlechten Erfahrungen mit Menschen. 

Der andere ist Gottes Ebenbild, als das er geschaffen wurde und das in Christus seinen vollendeten Ausdruck fand. Als solches ist er von mir grundsätzlich verschieden. Die Brücke zu diesem Fremden ist Christus. Wer auf dieser Brücke die Beziehung wagt, findet einen Mit-Menschen. Und er findet sich selbst.

 

1  Lk 14,13 2  Eine Grundregel heisst zum Beispiel, dass «Ich-Botschaften» formuliert werden, um zu betonen, dass die Meinung, die ich äussere, subjektiv ist. Generell gilt es, Verallgemeinerungen zu vermeiden.  Empfehlenswerte Literatur dazu: Schulz von Thun, Miteinander reden 1,  rororo oder Paul Watzlawik, Anleitung zum Unglücklichsein, Piper

 

Heiner Schubert lebt seit 1985 in der evangelischen Kommunität «Don Camillo». Er ist Pfarrer und Teil der Gemeinschaftsleitung von Montmirail. 

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