Bildende Kunst

Die Wahrheit in der Kunst  

Patrik Alvarez Kunst und Kirche sind ein Wortpaar mit reicher Tradition in der Geschichte der westlichen Kultur. Das berühmteste Beispiel der künstlerischen Darstellung von biblischen Inhalten ist wahrscheinlich das Meisterwerk von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom. 

 

Bilder waren in der Geschichte oft mehr als Kunst, sie dienten – gerade durch ihre Symbolkraft – auch der Vermittlung von Wahrheit und Glaubensunterweisung. Nach der Renaissance entwickelten sich diese beiden Formen der kulturellen Prägung laufend auseinander und die Kunst wurde säkularisiert. Wie sieht es heute aus? Ist die Religion überhaupt noch ein Thema in der Kunst von heute?

 

Der schwarze Christus

Vor kurzem wurde in der Dresdner Annenkirche ein Altarbild der südafrikanischen Malerin Marlene Dumas eingeweiht. Ein überdimensionaler Lebensbaum (7,80 x 3,60 m) mit fünf Medaillons und einem Regenbogen als Symbol der Hoffnung füllt neu die leere Fläche über der Kanzel in diesem Gotteshaus. Die fünf Medaillons zeigen einen schwarzen Christus, eine Pietà, ein weisses Kreuz vor blauem Grund, einen Sternenhimmel und ein überfülltes Flüchtlingsboot als Schiff des Lebens. 

Das zeitgenössische Kunstwerk in der Annenkirche wurde heftig kritisiert. Unter anderem wegen der Abbildung eines schwarzen Christus. Die Enttäuschung der Kirchenbesucher mag legitim sein. Denn obwohl die Gemeinde während des Entstehungsprozesses mit der Künstlerin im Gespräch war, hätten sich die meisten Gläubigen andere Motive der Hoffnung und des Gegenwartsbezuges gewünscht. Dieser Konflikt wirft die brisante Frage auf, was die Bilder von Dumas mit der Kirche und ihren Symbolwerten zu tun haben.

 

Was Bilder sagen können

Wenn wir uns die Frage nach der Rolle des Bildes im Kontext der Religion stellen, könnten wir in der Position von Kardinal Karl Lehmann eine Antwort finden. Er schreibt den Bildern die althergebrachte pädagogische Funktion zu, «die Präsenz des Sakralen und Transzendentalen abzubilden1». 

Anderseits gibt es die Macht des Bildes, die laut Bildwissenschaftler Gottfried Boehm aus dem il fait voir2 besteht. Gemäss Silvia Henke erzeugte die progressive und ständige Säkularisierung der Gesellschaft «ein gesellschaftliches Szenario, in welchem religiöse und säkulare Werte gemeinsam in Erscheinung treten können3.» 

Die zeitgenössische Kunst distanziert sich von der einfachen Wahrheit des Bildes durch die Brille des Glaubens – und ist doch voll von religiösen Bildern4. Diese werden aber «in Form von Kultur und einem damit einhergehenden pluralisierten Individualismus»5 gelebt. Sprich: Für jeden bedeuten die Dinge etwas Anderes, es gibt keine eindeutigen Konventionen bei der Erklärung von Bildern.

 

Bilder bleiben Symbole

Bilder wirken aber nach wie vor als Symbole. Sie vertreten eine «dahinter liegende» Wahrheit. Ganz ähnlich wie bei einer spezifischen Form des Redens von Jesus in den Evangelien: den Gleichnissen. Die Herausforderung im genannten Werk von Dumas steckt also darin, dass die Bilder keine einfachen Abbildungen der einen Wahrheit sind – und trotzdem Teil der Wahrheit sein können. Fazit: Kein künstlerisches Bild kann die ganze Wahrheit zeigen. Bilder können aber einen Teil davon symbolisieren.

 

1  Lehmann, Karl Kardinal: Das Bild zwischen Glauben und Sehen. In: Boehm, Gottfried, Bredekamp, Horst (Hrsg.): Ikonologie der Gegenwart. München: Wilhelm Fink 2009, S. 88

2  Boehm, Gottfried: Jenseit der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bildern. In: Maar, Christa (Hrsg.): Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder. Köln: DuMont 2004, S. 31

3  Henke, Silvia, Spalinger, Nika, Zürcher, Isabel (Hrsg.): Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen. Ein kritischer Reader. Bielefeld: Transcript 2012, S. 11

4  Rauchenberger, Johannes: Wie inspiriert eigentlich christliche Bildlichkeit die Kunst der Gegenwart? In: Henke, Silvia, Spalinger, Nika, Zürcher, Isabel (Hrsg.): Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen. Ein kritischer Reader. Bielefeld: Transcript 2012, S. 21-42

5  Henke, Silvia (wie Anmerkung 3), S. 11


Patrik Alvarez ist freischaffender Künstler und Kunstvermittler. Er wohnt und  arbeitet in Basel. pato_alva@STOP-SPAM.hotmail.com 

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