Kirchen

Kirche im Wind

Peter Schmid  Hurtig flattert sie im Wind, die Fahne des norwegischen Postschiffes, das uns über den Polarkreis fährt. Während das Schiff Insel um Insel hinter sich lässt, bleibt die Fahne dem Betrachter vor Augen. Mit einem Mal ist mir, als würde die Fahne das Wirken und Ergehen der Kirche von Jesus Christus versinnbildlichen. Der Kirche, von der man mit Recht erwartet, dass sie Flagge zeigt. 

 

Das skandinavische Kreuz weist zurück zu den Ursprüngen. Es zeigt an, dass Christus vor Jahrhunderten ins Leben eines Volkes trat, dessen Rabauken zuvor als Wikinger Europas Küsten verheert hatten. Die beiden Achsen des Kreuzes gliedern die Fläche in oben und unten, rechts und links. Mit Christus gewann die Welt Ordnung. Die Farben drücken Treue, Reinheit und Hingabe aus. 

 

Das Kreuz im Grossen und im Kleinen

Im Zentrum des Ganzen steht die Krone: Die Post handelt im Namen des Königs. Und die Kirche bezeugt: Christus ist «Top of the World». Ihm gehört alle Autorität, ihm gebührt die höchste Ehre; denn er, Gottessohn und Menschensohn, ist von der Horizontalen, in der er Gottes Werk vollendet hat, aufgestiegen in den Himmel. Der Kreuzstruktur des Gesamten entspricht das kleine goldene Kreuz auf der Krone, das dem Reichsapfel aufgesetzt wurde: Ein christlich geprägtes Land ist darauf angewiesen, dass die Mächtigen sich vor dem Gekreuzigten und Auferstandenen verantworten.

Die Stange gibt der Flagge Halt – so wie auch die Kirche für ihre Festigkeit einer Struktur bedarf. Allerdings wickelt der raue Wind die Fahne immer wieder um die Stange herum, bis das Kreuz nicht mehr zu sehen ist. Ist das nicht auch bei der Kirche so? Wickelt sie sich um ihre Struktur, nimmt man zwar die Farben noch wahr, doch ihre Hauptbotschaft wird unkenntlich.

 

Richtig in Bewegung bleiben

Wenn das Schiff anlegt und kein Wind weht, hängt die Fahne schlaff. Eine unbewegliche Kirche sagt über Christus und Gottes Reich nicht das aus, was sie sollte. Die Nähe zum Staat hat den grossen Kirchen Europas ein institutionelles Selbstverständnis gegeben, das ihre Bewegung gebremst und gehindert hat. Der Blick auf die 500 Jahre seit der Reformation stimmt dankbar, ist zugleich aber ernüchternd.

Was für Winde wehen heute? Jesus spricht vom Wehen des Geistes mit einem Wort, das auch Wind bedeutet1. Er weht da, wo er will. Der Apostel Paulus kennt aber auch «jeglichen Wind der Lehre im betrügerischen Würfelspiel der Menschen». Durch diese Winde ist das Schiff Gemeinde hohen Wellen ausgesetzt und wird hin und her geworfen2. Nicht jede aufgeblähte Fahne zeugt deshalb vom Wirken des Geistes. 

 

Unterscheiden 

Wer sich in der Kirche engagiert und Verantwortung trägt, muss deshalb unterscheiden lernen: Bläst der Geist Gottes oder der Zeitgeist? Justin Welby, der Erzbischof von Canterbury, sagte im Juni in Freiburg, er mühe sich täglich ab, das Rufen des Geistes zu vernehmen, um die Kirche «zu modernisieren, zu erneuern und zu reformieren» – und dabei Gottes Reden von bloss kulturellem Wandel, von Gewohntem und «Kompromissen mit der sündigen Natur» zu unterscheiden3.

Im Jubiläum wird uns der geistliche Schatz bewusst, den die Reformation gehoben hat4. Doch in den ersten Jahrhunderten dienten die Staatskirchen einem nicht-demokratischen Staat. Sie liessen unabhängige Freikirchen wie die Täufer nicht zu. Beim späteren Durchbruch zum Verfassungsstaat, zu Demokratie und Freiheit schlug das Pendel so weit in die andere Richtung aus, dass der durchschnittliche Reformierte heute im Ergebnis kaum noch reformatorische Fundamente kennt. 

Nach 500 Jahren und manchen Schritten der Öffnung und Versöhnung sollte uns der Mut der Reformatoren inspirieren, die Kirche weiter zu gestalten. Wir brauchen ein Zueinander von selbstbewusst-demütigen Denominationen, die sich ergänzen. Der ökumenische Gedenk- und Feiertag in Zug am 1. April5 hat dafür einen feinen Markstein gesetzt. 

 

1  Joh 3,8: griechisch pneuma, hebräisch ruach

2  Eph 4,14: griechisch nicht pneuma, sondern anemos!

3  Vgl. www.lkf.ch/berichte/studientage-2017  

4  Vgl. Peter Opitz, www.evangelisch-zuerich.ch/zwingli-erneuerung; Matthias Zeindler,
www.lkf.ch/reformation-gnaediger-gott  

www.lkf.ch/berichte/gemeinsam-zur-mitte-zug  

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW. peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch

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