Medien

Wenn die Wahrheit keinen interessiert ...

Fritz Imhof In der Zeitung Nordwestschweiz erfand der Komiker Peach Weber eine ulkige Verschwörungstheorie. Er sprach von einer «Invasion der Trottelfrisuren». Natürlich handelte es sich dabei um «Ausserirdische», auch wenn die Ähnlichkeit mit regierenden Staatsoberhäuptern betont wurde. Nachdem er die Verschwörungstheorie schön ausgeschmückt hatte, riet er den Leserinnen und Lesern: «Einfach mal global verbreiten, das wird klappen, denn die Wahrheit interessiert ja heute schon lange niemanden mehr.»

 

In den journalistischen Fachblättern wird seit dem Trump-Wahlkampf intensiv eine Debatte über den Qualitätsjournalismus und die Glaubwürdigkeit der Medien geführt. Sie hat auch die Ausbildungsstätten erreicht, wie unser Interview auf Seite 25 dokumentiert. Und sie hat zu neuen Initiativen engagierter Journalisten geführt. Ich denke etwa an die beiden Macher von «Die Republik», die unabhängig von Konzernen und Inserenten guten Journalismus versprechen und ihn kostengünstig online verbreiten wollen. Man darf gespannt sein, ob das gelingt, denn vergleichbare Projekte sind schon gescheitert. 

 

Die neue Medienwelt

Die Zeiten, in denen man sich über ein nationales Radio und Fernsehen und mithilfe einer (über)regionalen Tageszeitung informierte – und sich dabei gut informiert fühlte –, scheinen für viele vorbei zu sein. Immer mehr Leute informieren sich über Spartenangebote, namentlich in den sozialen Medien. Sie glauben den Informationen von Leuten, die sie kennen und denen sie vertrauen. Sie wollen gar keinen objektiven und qualitätsorientierten Journalismus mehr. Deshalb entlassen grosse Medienhäuser laufend Journalisten, mit der Folge, dass diese Zeitungen immer weniger gut recherchierte Texte anbieten können. Auch die Werbewirtschaft glaubt immer weniger an den Nutzen von Inseraten in der Tagespresse und verstärkt so die Abwanderung der Leser in soziale Netzwerke. 

Staatlich gestützte Medien wie die SRG versuchen, dem Trend entgegenzusteuern. Sie nehmen ihren
Informationsauftrag wahr. Sie produzieren dabei aber nicht nur Infor-
mationssendungen, sondern auch Sendungen, die gute Einschaltquoten generieren. Denn auch sie fürchten, ins Abseits zu geraten, wenn sie quasi zu einem Spartensender für Bürger werden, die weiterhin gut informiert sein wollen. Sie stossen mit ihrem Mix aber gerade jene vor den Kopf, die gute Information nicht mit
seichter Unterhaltung verbinden möchten. 

 

Roger de Weck und seine Ideen

Roger de Weck, Generaldirektor der SRG, deutete diese Spannung in einem Referat am Medientag der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) an, sah aber keine Möglichkeit, vom dreifachen Auftrag «informieren – bilden – unterhalten» abzurücken. Er setzte sich in Zürich vor christlichen Medienschaffenden für einen Schulterschluss mit privaten Medien ein, die den Informationsauftrag mit der SRG teilen wollen: «Wir müssen einander stärken, zum Beispiel mit digitalen Infrastrukturen», so de Weck. Die Privilegien der SRG verpflichte diese zur Partnerschaft mit privaten Medien. Es brauche aber auch neue Formen der Finanzierung von Medien. 

Er ermunterte die christlichen Medienschaffenden, selbst ein gutes Angebot zu machen und mit ihren Inhalten überzeugend zu sein. Er ahnte wohl, dass auch für sie die Finanzfrage ein permanentes Damoklesschwert ist und sich der Verzicht auf populistische Elemente meistens nicht auszahlt. 

 

Frommer Populismus

Dass es auch in christlichen Medienkreisen eine Versuchung zum Populismus gibt, dokumentieren einzelne Reaktionen auf die Absage des «Marsch fürs Läbe» am Bettag im Flüeli Ranft1

Fazit: Auch wenn ein scheinbar heisses, emotionales Projekt betroffen ist, sollten christliche Medienschaffende die Freiheit haben, die nötigen Fragen zu stellen. Auch dann, wenn das besonders schwierig ist, weil sich die Veranstalter und Interessierten in einer Märtyrerrolle sehen.

 

1  idea spektrum 36/17

 

Fritz Imhof ist freischaffender Redaktor und Publizist und Mitglied der Redak- tionskommission des Magazins INSIST. fritz.imhof@STOP-SPAM.gmx.ch 

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