Medizin

Wahrer sehen lernen

Albrecht Seiler «Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.» Diese Aussage soll bedeuten: «Das ist die Wahrheit.» Staatsanwälte und Richter wissen jedoch nur zu gut, dass das, was ein Mensch gesehen hat, von anderen Menschen durchaus ganz anders wahrgenommen werden kann. Wie ist das möglich?

 

Offensichtlich ist das Erkennen von Wahrheit schwieriger als uns lieb ist. Das beginnt bereits beim Sehen.

 

Täuschendes Hirn

Das menschliche Auge enthält über 100 Millionen lichtempfindliche Nervenzellen, die elektrische Signale erzeugen. Über die Sehnerven gelangen diese Nervenimpulse zunächst zum Chiasma opticum. Dort kreuzen viele dieser Fasern zur gegenüberliegenden Seite, also von der linken Netzhaut zum rechten Sehstrang und umgekehrt. Ziel der Signale ist das Sehzentrum im Hinterkopf. Zwar reagiert das Gehirn automatisiert innerhalb von ca. 200 Millisekunden auf Aktionspotenziale der Sinnesorgane. Aber es dauert etwa eine halbe Sekunde, bis aus den Impulsen der Sehzellen des Auges ein Bild erarbeitet worden ist und wir etwas bewusst sehen können. 

Um «Bilder« zu erzeugen, werden die vom visuellen Zentrum aufgenommenen Nervensignale an andere Rindenfelder geschickt. Diese analysieren das Signalmuster und erzeugen daraus Form, Farbe, Tiefe und Bewegung. Gleichzeitig erreichen die Informationen auch Areale, die für Emotionen oder das Gedächtnis zuständig sind. So ist das Objekterkennungsareal im Gyrus fusiformis im Schläfenbereich wesentlich an der Erkennung menschlicher Gesichter beteiligt. Aus den verschiedenen Gehirnzentren gelangt dann eine Vielzahl an Impulsen zurück zum Sehzentrum. Daraus entsteht ein Gesamtbild.

Zum Sehzentrum führen unzählige Nervenfasern, doch kommt davon nur ein sehr kleiner Teil direkt von der Netzhaut des Auges, wie neuroanatomische Untersuchungen zeigen. Den grössten Teil an Informationen erhalten die visuellen Regionen aus dem Gehirn selbst. Unser «Sehen» wird also im Gehirn produziert und konstruiert unsere «bewusste» Wahrnehmung. Dazu verwendet es den grossen Schatz gespeicherter Informationen und präsentiert uns ein subjektiv erzeugtes Bild von der Welt. Ebenso wenig wie die visuelle Wahrnehmung des Menschen «objektiv» ist, sind es auch die anderen Sinneswahrnehmungen.

Laut dieser Erkenntnis können wir uns nicht ganz sicher sein, dass wir tatsächlich sehen, was wir zu sehen meinen. Optische Täuschungen machen rasch klar, wie sich Sehfunktionen täuschen lassen. Wenn wir uns also nur auf unsere eigenen Sinne verlassen, können unser Handeln oder unsere Entscheidungen unter Umständen fehlgeleitet werden. 

 

Der 360-Grad-Blick

Was heisst das nun für meinen Alltag und für mein Leben? 

l Bei der Konstruktion von Bildern und anderen Sinneseindrücken verwendet das menschliche Gehirn eine riesige Menge gespeicherter Informationen. Dieser Schatz an gespeicherter Information wächst von Tag zu Tag. Er wird immer wieder angepasst und mit neuen Informationen abgeglichen. Somit kann ich dankbar darauf vertrauen, dass meine subjektive Wahrnehmung der Realität zumindest recht ähnlich ist oder nahe kommt. 

 

  • Mit dem Wissen um die Begrenztheit meiner Wahrnehmung möchte ich lernen, immer wieder inne zu halten und mir bewusst machen, wie relativ alles ist, was ich zu wissen glaube.
  • Wenn ich mich der Wahrheit weiter annähern will, habe ich die Möglichkeit der Aussenperspektive. Ich kann die Wahrnehmungen anderer Menschen einbeziehen. In Fachkreisen verwendet man dafür den Begriff «360-Grad-Blick»: Er führt unterschiedliche Sichtweisen zusammen.
  • Die Bibel als Gottes Wort gibt mir eine korrigierende oder erweiternde Perspektive. Sie hilft mir, mich der Wahrheit der Welt anzunähern. 

 

Literatur: Entdeckungsreise durch das Gehirn, Gehirn & Geist Spezial
Nr. 1/ 2011, Verlag
Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg

 

Dr. med. Albrecht Seiler ist Chefarzt der Klinik SGM Langenthal, einer christlichen Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

info@STOP-SPAM.klinik-sgm.ch 

To top