Naturwissenschaften

Zwillinge im Dialog

Konrad Zehnder «Wissen» und «Glauben» sind Zwillinge, die im menschlichen Gehirn wohnen. Von klein auf beisammen, entdecken sie die Welt, jeder auf seine Weise. Das macht anfangs sogar Spass. Doch älter und reifer geworden, stören sie sich an ihrem gegensätzlichen Charakter, und sie bekommen Mühe damit, neben- und miteinander die Welt zu entdecken. 

 

«Wissen» sammelt fleissig Fakten und ordnet sie immer wieder neu. Dieser Zwilling glaubt an ein grosses Ziel: die Welt vollständig abbilden und dadurch auch begreifen zu können. «Glauben» wundert sich über diesen Sammeltrieb. Dieser Zwilling sieht die Welt von innen und weiss, dass menschliches «Dasein» mehr ist als eine Faktensammlung. Sollen sich die beiden genervt voneinander abwenden und jeder nach seiner eigenen Wahrheit suchen? Oder können sie ihre beschränkten Sichtweisen anerkennen und sich im Gespräch ergänzend, suchend und fragend gemeinsam auf den Weg machen?

Seit ich vor sieben Jahren mit Kolumnenschreiben begann, war es mein Anliegen, die Naturwissenschaften als begrenzte Kraft und bewussten Glauben als ihren verlässlichen Partner zu sehen. Beide ergänzen sich. 

 

Ganz sehen und verstehen

In diesem klassischen Spannungsfeld stehe ich damit in der Tradition des sogenannten Dialogmodells1. Weil jedes Wissen und jedes Denken begrenzt ist, ergeben sich automatisch unterschiedliche Perspektiven. Und wo unterschiedliche Perspektiven sind, kommt es zu Spannungen. Dies gilt innerhalb von Glaubensrichtungen und Wissensgebieten, aber auch im Verhältnis zwischen Glauben und Wissen. Wenn wir uns der Grenzen bewusst sind und zugleich mit dem tiefen Wunsch leben, «ganz» zu sehen und zu verstehen, suchen wir wie selbstverständlich den Dialog. 

 

Die Sackgasse verlassen

Als ich als Naturwissenschaftler zum ersten Mal von einem Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Glauben hörte, war ich erstaunt und fragte: «Wo ist das Problem?» Mit der Zeit wurde mir klar, dass Überzeugungen wichtiger sind als Fakten. Überzeugungen werden dann zum Problem, wenn sie uneingeschränkt für richtig gehalten und wenn Fakten zurechtgebogen oder zurückgewiesen werden, um den eigenen Standpunkt zu retten. Wer naturwissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, weil sie das Wunder der Schöpfung gefährden oder entkräften könnten, stellt sich die Wissenschaft zu gross und die Schöpfung zu klein vor. Wenn wir die Schöpfung nicht kleiner und gleichzeitig Gott grösser denken, können wir dieses Problem entschärfen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien sind keine Dogmen, sondern provisorisches Wissen: Arbeitshypothesen, die korrigiert, ergänzt und erweitert werden müssen. Wer dem Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Glauben einen Konflikt anhängt, ist auf einem Auge blind. Er macht es sich zu einfach und bezahlt dies mit Abschottung. Von dieser Sackgasse möchte ich mich verabschieden.

Das Problem ist: An sich wertneutrale Erkenntnisse werden in der Umsetzung oft für den kurzfristigen Eigennutz eingesetzt. Hier sind Sorgen angebracht. Wissenschaft und Wissen genügen nicht, um das Richtige zu tun. Das Wissen bedarf der Ergänzung durch den Glauben und das Wollen. Nur so kann dem Dasein Orientierung und Selbstbeschränkung gegeben werden. 

Wie unnötige Konflikte geschürt werden und was es braucht, um sie zu entspannen, zeigt die Klimaforscherin Katharine Hayhoe. Sie hat zusammen mit ihrem Mann, einem evangelikalen Pastor, ein Buch geschrieben, um in den USA evangelikal indoktrinierte Klimaskeptiker zum Nachdenken, Umdenken und Handeln zu bewegen2

 

Wissen und Weisheit verbinden

Kurz und gut: Ich nehme mir vor, dranzubleiben, Erkenntnisse zu hinterfragen und mich auch unbequemen Fakten zu stellen. Dies ist zwar nicht einfach, aber notwendig, um im Dialog zu bleiben mit den Erkenntnissen dieser Welt und der Weisheit unseres Schöpfers.

 

1  Dies im Unterschied zum Konflikt- oder 

Konfrontationsmodell, bei dem es um den 

Ausschluss der anderen Position bzw. um Sieg oder Niederlage geht; aber auch im Unterschied zum Kontrast- oder Koexistenzmodell, wo die Abgrenzung und Trennung in voneinander 

getrennte Domänen im Vordergrund stehen 

(vgl. de.wikipedia.org/wiki/Naturwissenschaft_und_Religion)

2  «Mein Mann dachte, nur Atheisten glaubten 

an den Klimawandel.» Der Bund, 12.4.2017. Der Buchtitel dazu heisst: «A climate for change – global warming facts for faith-based decisions.»

 

Dr. Konrad Zehnder ist  Geologe.  ko.zehnder@STOP-SPAM.bluewin.ch 

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