Philosophie

Die Vergöttlichung des Menschen 

Alexander Arndt Der Mensch ist in Gefahr, auf dem Weg vom Homo Sapiens zum Homo Deus den Verstand zu verlieren.

 

Kurz vor seinem Tod auf der Flucht vor den Nazis skizzierte der Philosoph Walter Benjamin den «Engel der Geschichte»: «... das Antlitz der Vergangenheit zugewendet [...] sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft [...] aber ein Sturm weht vom Paradiese her [...], treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt»1.

Der Engel vermag das vergangene Leid nicht zu korrigieren, weil der unablässige Fortschritt ihn in die andere Richtung reisst, in das vermeintliche Paradies der technologischen Utopie, auf deren Weg sich die Katastrophen aber nur weiter türmen. 

 

Die Selbsterhöhung des Menschen

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari versucht sich in den Bänden «Sapiens» (2014) und «Homo Deus» (2017) an einer Universalgeschichte von Vergangenheit und Zukunft2. Unterhaltsam und gleichzeitig gut lesbar sammelt Harari Fächergrenzen sprengend Material für die ironisch-verstörende Irreverenz3 gegenüber der selbstherrlichen Spezies namens Mensch. Die beiden Werke skizzieren den Zeitgeist.

Harari argumentiert in seiner Untersuchung evolutionstheoretisch. Der Mensch habe sich als Spezies durch seine kognitive Fähigkeit zur Sinnstiftung aus dem unmittelbaren Naturzwang erhoben und sich die Welt untertan gemacht. Unabhängig von einem metaphysischen Wahrheitsgehalt hätten die jeweiligen Narrative4 den Menschen ermöglicht, sich in immer grösseren Gruppen und mit einem immer besseren Verständnis der Welt zu behaupten. Die alten «imaginierten Ordnungen» seien zwangsläufig entthront worden – zugunsten einer Verherrlichung des Menschen. In dieser Logik des «liberalen Humanismus» sei aber gleichzeitig das Moment der Abschaffung des «Homo Sapiens» enthalten.

 

Entfesselung der Vernunft und des Marktes

Harari entfaltet diese «Dialektik der Aufklärung» im Blick auf aktuelle gesellschaftliche und technologische Tendenzen. Angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse von Neurobiologie und Genforschung erodiere heute die aufgeklärte Idee des «autonomen Subjekts der Vernunft». 

Harari formuliert dies nicht normativ. Seine persönliche ethische Perspektive – das ergibt sich zwischen den Zeilen und in Interviews immer wieder – sieht im kreatürlichen Leiden und in kontemplativer Meditation ein spirituelles Refugium. Der Autor nimmt deskriptiv die Sachzwänge einer entfesselten instrumentellen Vernunft und einer amoralischen «unsichtbaren Hand» des Marktes in
Haftung. Sie machten in ihrer Wachstums- und Optimierungslogik diese Einsichten konsumfähig.

 

Das Ende der Gleichheit

Der Kern des ursprünglichen Humanismus sei das Erbe des christlichen Verständnisses von der Gleichheit aller Menschen vor Gott gewesen.Schon dieser Ansatz sei in der Realität kaum zu verwirklichen gewesen. Nun drohe mit dem privilegierten Zugriff kaufkräftiger Gruppen auf Technologien der Selbstoptimierung hin zur erhofften Überwindung von Krankheit, Alter und Tod, die ganz faktische «Vergötzung» eines Teils der Menschheit zum «Homo Deus». Eine Entwicklung, die Harari in einigen Projekten des Silicon Valley und der Quantified-Self-Bewegung bereits in Bewegung sieht.

Harari vermeidet dabei die Falle kulturpessimistischer Propheten, die dies entweder für zwangsläufig halten oder in Untergangspanik verfallen. Vielmehr möchte er mit Blick auf den historischen Verlauf darauf verweisen, dass die aktuellen technologischen Phantasmen – von der Künstlichen Intelligenz bis hin zur Unsterblichkeit – substanzielle Veränderungen mit ungeahnten Konsequenzen mit sich bringen werden.

 

Die Pforte öffnen

Hararis evolutionsbiologisch geprägte Sicht auf den Glauben reduziert diesen auf einen der vielen historisch kontingenten Sinnstiftungsprozesse. Zu fragen bleibt, wieso der christliche Dreiklang von «Glaube, Hoffnung, Liebe» finstere Momente immer wieder zu transzendieren vermochte und daher den von Harari beschriebenen Tendenzen auf noch ungesehene Art und Weise etwas entgegensetzen könnte.

Der Ohnmacht des Engels ist bei Benjamin das Innehalten im Kairós der messianischen «Jetztzeit» gegenübergestellt. Aller Bemühungen zum Trotz erscheint den Menschen die konkrete Zukunft ungeschrieben. Dennoch sei sie keine «leere Zeit», sondern «jede Sekunde die kleine Pforte, durch die der Messias treten» kann.

 

1  Walter Benjamin, Gesammelte Schriften,
Bd. I-2, 1980, S. 693

2  Yuval Noah Harari, Sapiens, A Brief History
of Humankind, 2014; Yuval Noah Harari, Homo Deus, A Brief History of Tomorrow, 2017

3  eine bewusste Verweigerung von Ehrerbietung

4  sinnstiftende Erzählungen


Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit.  Er ist in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs». alex.arndt@STOP-SPAM.gmx.net 

To top