Recht

«Todsünden» in Recht und Religion

Simone Wyss und Markus Müller In unseren Kolumnen haben wir in den vergangenen drei Jahren stets versucht, ein Thema aus dem grossen Schnittbereich von Recht und Religion aufzugreifen. Für unseren (vorerst) letzten Beitrag möchten wir nun einen Schritt zurücktreten und einen grundsätzlichen Blick auf die beiden Ordnungs- und Regelsysteme Recht und Religion werfen. 

 

Haben diese während langer Jahre ein weitgehend spannungs- und konfliktarmes Nebeneinander gelebt, führt die zunehmende religiös-kulturelle Durchmischung heute zu heiklen Konflikten zwischen staatlicher und religiöser Regelordnung. Die kontroversen Diskussionen über Kruzifixe in Schulen und Gerichtsgebäuden, über Kopftücher im öffentlichen Raum oder über das öffentliche Verteilen heiliger Schriften (um nur einige Beispiele zu nennen) illustrieren diese Entwicklung. 

 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Vor diesem Hintergrund muss interessieren, wie sich staatliche und religiöse Normen zu einander verhalten, wo ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen. Ein wesentlicher Unterschied liegt gewiss in ihrem Geltungsgrund: Während staatliches Recht das ist, was die Mehrheit in einem rechtlich geordneten Verfahren zur Norm erhebt, ist das religiöse Recht – jedenfalls nach dem Verständnis der meisten Gläubigen – gottgegeben und gottgewollt. Ähnlicher sind sich die beiden Regelordnungen jedoch in ihrer Zweckrichtung. Beide wollen sie Ordnung schaffen und Stabilität herstellen. Das staatliche Recht tut dies in erster Linie auf gesellschaftlicher Ebene, wo es ein konfliktfreies Zusammenleben (Rechtsfrieden) anstrebt. Das religiöse Recht auf individueller Ebene, wo es den Einzelnen auf seinem Weg zum Heil und zur persönlichen Sinnfindung (Seelenfrieden) unterstützen will. 

 

Ohne Menschenliebe geht es weder im staatlichen Recht …

Sowohl staatliche als auch religiöse Regeln können ihre anspruchsvollen Ziele freilich nur erreichen, wenn sie auf (Menschen-)Liebe bauen. Dies ist für das staatliche Recht eine in dieser Formulierung zumindest unübliche Forderung. Gustav Radbruch (1878–1949), einer der einflussreichsten Rechtsphilosophen des 20. Jahrhunderts, hat sie jedoch schon von geraumer Zeit gestellt:

«Das Recht aber, indem es die lebendige Menschenseele immer nur als die nebensächliche Quelle ihrer rechtlich allein erheblichen Taten gleichsam mit einem Seitenblicke streift, lenkt ab von dem Einen, das not tut. Es ist das Wesen und die Todsünde des Rechts und seiner Vertreter, ‹zu glauben, es gäbe Verhältnisse, in denen man mit einem Menschen ohne Liebe verkehren könne; aber solche Verhältnisse gibt es nicht›»1

Sämtliche Regeln des staatlichen Rechts sind folglich an der «Liebe zum Menschen» zu messen. Andernfalls verfehlen sie nicht nur ihr Ordnungsziel, sondern wirken langfristig sogar kontraproduktiv. 

 

… noch im religiösen Recht

Man möchte meinen, diese Orientierung an der Liebe sei für religiöse Regeln eine Selbstverständlichkeit. Betrachtet man allerdings die Regeln und Heilslehren verschiedener Glaubensrichtungen, auch der eigenen!, vermisst man häufig genau diesen Geist der Liebe, der Toleranz, der Menschlichkeit, der Barmherzigkeit. Regeln, die direkt oder indirekt dazu anleiten, Andersglaubende, Andersdenkende, Anderslebende, Andersfühlende auszugrenzen, zu verurteilen oder umzuerziehen, finden sich bei näherem Hinsehen zuhauf. Zur Illustration eignen sich die Regeln der römisch-katholischen Amtskirche im Umgang mit Homosexuellen, Geschiedenen und Frauen2, aber auch gleiche oder ähnliche (geschriebene und ungeschriebene) Vorschriften reformierter und freikirchlicher Gemeinschaften. Dadurch werden negative Gottesbilder (zum Beispiel der Buchhaltergott, Leistungsgott, Moralapostelgott) geprägt. Diese sind auf dem Weg zum Seelenheil nicht nur keine Hilfe, sie wirken vielmehr hinderlich bei der Gottessuche. Damit verfehlen solche religiösen Regeln ihr Ziel grundlegend. 

Oder in freier Anlehnung an das bereits zitierte Diktum von Radbruch: «Es ist die Todsünde der Religionen und ihrer Vertreter, ‹zu glauben, es gäbe Verhältnisse, in denen man mit einem Menschen ohne Liebe verkehren könne; aber solche Verhältnisse gibt es nicht›.»

 

1  Einführung in die Rechtswissenschaft, 1929, S. 17.

2  Nach unserem Verständnis vertritt aber 

gerade Papst Franziskus zu diesen Fragen eine grundlegend andere Haltung.

 

Dr. iur. Simone Wyss ist als Juristin tätig …      


... und Prof. Dr. iur. Markus Müller ist Ordinarius für öffentliches Recht.

 

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