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Wie weiter nach den Anschlägen von Paris?

Hanspeter Schmutz Was 9/11 für die USA war, ist der 13. November 2015 für Europa: der Einsturz bisheriger Gewissheiten. Die öffentliche und die politische Diskussion wirkt in der Aufarbeitung der Terrorakte von Paris aber erstaunlich hilflos. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die meisten Kommentatoren einen weiten Bogen um die spirituelle Dimension des Geschehens machen. Diese Haltung mag politisch korrekt sein. Aber sie verkennt die Realität der islamistischen Herausforderung.

Der Begriff war in den letzten Jahren höchstens in einschlägigen evangelikalen Kreisen oder bei den Zeugen Jehovas gebräuchlich. Nun hat ihn u.a. der Islamforscher Reinhard Schulze von der Uni Bern anlässlich der Verarbeitung der Terrorattacken vom 13. November 2015 in Paris in die öffentliche Diskussion gebracht: die Apokalypse. Er erwischt damit nicht nur die Politiker, sondern auch die Christen auf dem falschen Fuss.

Apocalypse Now
Mit diesem schillernden Begriff verweist der Professor auf einen Aspekt, der in der Diskussion gerne übergangen wird. Im Vordergrund der Debatte stehen verbesserte Sicherheitsmassnahmen und ein koordiniertes Vorgehen beim Zerstören des IS, wo auch immer er auftritt. Das sind säkulare Massnahmen für ein säkular verstandenes Problem. Dass es hier auch – aus Sicht der Islamisten vor allem – um religiöse Fragen geht, wird in der Analyse sträflich übergangen. Es fehlen die Worte. Und das Verständnis. Lösungsvorschläge, die das apokalyptische Sendungsbewusstsein der Islamisten verkennen, greifen aber ins Leere.
Um es klar zu sagen: Paris ist in den Augen der Islamisten ein Sündenpfuhl, der auch aus der Sicht von Allah dem Untergang geweiht ist. Am 13. November wurde nicht nur aus soziologischen und psychologischen Gründen, sondern auch im Namen Allahs und im scheinbaren Kampf für das Gute gemordet. Das darf politisch nicht unterschätzt werden.
Aber – Hand aufs Herz – sind wenigstens die Christen auf eine Diskussion rund um die Apokalypse vorbereitet? Immerhin trägt das letzte Buch der Bibel diesen Namen. Hier werden die letzten Ereignisse der Weltgeschichte offenbart und beschrieben. Laut dem Islamkenner Andreas Maurer ist «das Endziel des Islam, dass die ganze Welt sich dem Islam unterwerfen soll. Demnach soll jedes Land der Erde ein islamischer Religionsstaat auf der Grundlage der Scharia – dem religiösen Gesetz – werden». Laut Maurer «können Muslime erst ‚Frieden’ finden, wenn dieses Endziel erreicht ist1». Ob und wie weit dieses Endziel durch Gewalt erreicht werden soll, ist unter Muslimen umstritten. Es gibt im Koran Hinweise und Auslegungsmöglichkeiten zu beidem: Gewalt und Gewaltlosigkeit.
Aber – und das interessiert an dieser Stelle – wie ist das bei den Christen? Wollen nicht auch sie mit ihrer Botschaft die ganze Welt erreichen und zum Glauben führen? Die biblische Antwort darauf ist ein eindeutiges Ja. Aus dem Alten Testament, das für Mohammed bekanntlich eine wichtige Inspirationsquelle war, könnte man dafür sogar gewalttätige Mittel im Sinne eines «Kreuzzuges» oder zumindest als «Gerechten Krieg» ableiten. Spätestens mit Jesus Christus – dem Friedensfürsten – ist diese Möglichkeit aber nicht mehr gegeben. Dass die Ausbreitung des Christentums nicht immer gewaltlos geschehen ist, hatte verheerende Folgen. Der Glaube an den Friedens-
fürsten lässt sich nicht erzwingen, weder durch kriegerische noch durch strukturelle Macht2.

Eine heilsame Botschaft
So weit, so gut: Aber was haben denn die gewalttätigen Ereignisse zu bedeuten, die in der biblischen Apokalypse beschrieben werden? Da gibt es Kriege und handfeste Kämpfe zwischen Gut und Böse. Und auch hier werden die «Heiligen» – trotz vor-übergehenden Niederlagen – den Sieg über alle Mächte der Finsternis erringen. Letztlich wird Christus den Antichristen besiegen und eine neue Erde schaffen.
Nun, das sind alte Texte, die uns in der Sonntagsschule das wohlige Gruseln lehrten. Seither haben sie Staub angesetzt. Die aktuelle Diskussion rund um die islamistische Variante der Apokalypse verlangt aber nach einer Aufarbeitung und aktuellen Deutung der christlichen Apokalypse. Das Gespräch und die Auseinandersetzung mit dem Islam darf dieses Kapitel der christlichen Heilsgeschichte nicht länger ausser Acht lassen. Sonst verpassen die Christen auch diese Möglichkeit zu erklären, warum das Evangelium von Jesus Christus eine heilsame und befreiende Botschaft ist. Für Paris. Und für die ganze Welt.
Kurz: Rein säkulare Lösungen bringen uns nur in die nächste Sackgasse. Es wird Zeit, dass sich die Politiker der westlichen Welt Gedanken über ihr christliches Erbe machen und fragen, was dies im Horizont der Apokalypse bedeuten könnte. Wie wäre es, wenn sich die bibelfesten Christen in diese Diskussion einschalten könnten?

1  Maurer, Andreas. «Basiswissen Islam — und
wie Christen Muslimen begegnen können.»
Holzgerlingen, Hänssler-Verlag, 2002. S. 50
2  siehe im Magazin INSIST 4/15 über «Das Böse» den Beitrag «Die Christen und die ‚bösen’ Strukturen», S. 23—26

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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