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Gesellschaft

Knapper Raum

Alex Nussbaumer Vor einigen Jahren starb ein Onkel meiner Frau kinderlos. Er hinterliess einen kleinen Bauernhof, zwei Alphütten und etwas Landwirtschaftsland. Es dauerte Jahre (!), bis das Erbe aufgeteilt war. Dies, ohne dass wir uns darum gestritten hätten.

Beim «Boden» geht es um viel: um Geld, um die Produktionsgrundlage des Menschen, um Heimat, um die eigene Familiengeschichte, um Lebenserinnerungen – und damit um Emotionen. Weil keiner der Erben des Onkels Landwirt ist, mussten wir uns zeitaufwendig durch teure Spe-
zialisten beraten lassen.

Das gehört mir
Unterdessen ist die Sache gütlich abgeschlossen, und wir sind glückliche Besitzer einer Alphütte mit dem zugehörigen Boden und mit ein paar zusätzlichen Quadratmetern Landwirtschaftsland an steiler Hanglage.
Es ist das erste Stück abgrenzbarer Boden, das wir unser Eigen nennen dürfen. Seit meiner Pensionierung als Pfarrer wohnen wir in einer Eigentumswohnung. Und da gehört ja das Land allen Wohnungsbesitzern gemeinsam. Seit dieser Erbschaft sind wir somit Nachfahren jenes Urmenschen, der zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit vier Pföstchen in die Erde gerammt und behauptet hatte: «Das gehört jetzt mir!»
Nun gut, unsere «vier Pföstchen» befinden sich auf einer Bündner Alp. Dort ist das Gerangel um Bodenbesitz lange nicht so intensiv wie im dicht besiedelten Mittelland.

Auf Kosten der andern Geld anhäufen1
Jeder Mensch braucht Raum, um sich wirtschaftlich, sozial und kulturell entfalten zu können. Das knappe Gut Boden ist in der Schweiz aber sehr ungleich verteilt.
Es befindet sich zu einem grossen Teil in der Hand einer schmalen Schicht von Privilegierten. Man denke etwa an die beiden Ufer des Zürichsees. Für Bauland werden dort immer höhere Preise bezahlt. Die Kapitalkosten müssen durch hohe Nutzungsentgelte refinanziert werden. Aufgrund ihrer privilegierten Stellung als Besitzer eines raren Gutes an einem gefragten Ort ist es den Land- und Immobilienbesitzern möglich, für Bauland oder Liegenschaften einen massiv überhöhten Preis einzufordern. Eine kleine Gruppe kann so dank hohen Renditen ohne echte Gegenleistung Kapital anhäufen.
Erschwerend kommt dazu, dass die weniger gut Betuchten buchstäblich an den Rand gedrängt werden. Es wird immer schwieriger, in solchen Gegenden weniger renditeträchtige Liegenschaftsnutzungen – etwa Räu-me für eine Theatergruppe oder ein Künstleratelier – zu verwirklichen. Damit werden «unproduktive» Lebensentwürfe und menschliche Tätigkeiten unterschiedlichster Art aus ökonomischen Gründen erschwert oder verunmöglicht. Von diesen Entwicklungen sind viele Manifestationen einer offenen, vielfältigen, kulturell reichen und demokratischen Zivilgesellschaft betroffen.
Angesichts dieser Situation kommt einer kleinen Gruppe von Liegenschaftseigentümern eine besondere Bedeutung zu: den gemeinnützigen Körperschaften. Neben besonders verantwortungsvoll und nachhaltig handelnden Privatpersonen sind diese Eigentümer der wichtigste Garant dafür, dass auch in Zukunft nicht alle Immobilien der Spirale von Spekulation und Renditemaximie-rung unterworfen werden.

Umnutzung als Chance
Weil ihre ursprüngliche Nutzung schwindet, müssen in naher Zukunft viele kirchliche Gebäude umgenutzt werden. Die Eigentümer von kirchlichen Liegenschaften könnten und sollten im oben erwähnten gemeinnützigen Sinne vorangehen.
Kürzlich fragte ich den Verwalter
einer grossen Zahl von kirchlichen Immobilien nach ihrer zukünftigen Verwendung, wenn sie nicht mehr direkt für kirchliche Zwecke gebraucht werden. Ich erfuhr, dass man zwischen «Objektförderung» und «Subjektförderung» unterscheidet. Im ersten Fall werden die Objekte zulasten der Rendite gemeinnützig – zum Beispiel für Wohnbaugenossenschaften – zur Verfügung gestellt. Die übrigen Objekte werden marktnah verwendet. Es wird jeweils eine mittlere Rendite angestrebt. Mit dem Gewinn wird ein Fonds eröffnet, aus dem Einzelnen, etwa Flüchtlingen, geholfen werden kann. Die zweite Option ist viel personalintensiver. Aber die Kirchen sind ja ohnehin nahe bei den Menschen und sollten diese Kapazitäten aufbringen können.
Im gegenwärtigen kirchlichen Umbruch ist noch nicht entschieden, in welchem «Verhältnis» die beiden Arten der Förderung stehen werden. So oder so. Das kirchliche Motto muss heissen: «Das eine tun und das andere nicht lassen.» Das wäre ein sinnvoller Umgang mit knappem Boden.

1  Einige Gedanken aus diesem Abschnitt stammen von der Website www.grundwert.ch

 

Alex Nussbaumer ist Pfarrer der Reformierten Landeskirche

alex.nussbaumer@zh.ref.ch

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