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Literatur

Geschichten vom Ende der Geschichte

Alexander Arndt Ich gehöre zur Generation «Zonenkinder». Unsere Kindheit endete, als in Deutschland die Mauer fiel. Wir hatten das zweifelhafte Privileg, den real existierenden Sozialismus noch miterlebt zu haben, ohne jedoch den Druck eines auf Gängelung des Individuums basierenden Systems voll zu erfahren.

Die DDR existiert nicht mehr. 1989 begannen die Domino-Steine des Ostblocks zu fallen, bis von der eben noch unverbrüchlichen Ordnung nur eine fürchterliche Sackgasse der Geschichte übrig blieb. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama konstatierte das «Ende der Geschichte». Nach dem Scheitern des Kommunismus galt der liberal-demokratische Westen als beste aller möglichen Welten.

Der Homo Sovietikus

Die 2015 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete weissrussische Journalistin Swetlana Alexijewitsch hat für ihr jüngstes Werk «Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus»1 nach 1989 mehr als zwei Jahrzehnte lang Stimmen gesammelt. Das Ergebnis ist eine einzigartige Collage von Geschichten einer verlorenen Spezies. «Der Kommunismus hatte einen aberwitzigen Plan – den 'alten' Menschen umzumodeln, den alten Adam. Und das ist gelungen2 ...» Was sie zutage gefördert hat, ist die in tiefen Schichten der Erfahrung verankerte Identität des «Homo sovietikus» – der Menschen, die zutiefst von der Paranoia und den Heilsversprechen des sowjetischen Systems geprägt worden waren. Die Autorin zeigt, dass dieses System nicht einfach kollabierte oder sich in Luft auflöste. Es verweste und vergiftete die neue Freiheit für viele Menschen grundlegend, egal ob sie Dissidenten, Mitläufer oder Täter waren.

Leben ohne jede Idee
Die einzelnen Texte bilden einen häufig durch Leerstellen gebrochenen Erzählfluss. Ihre Fragmentierung entspricht traumatischen Erinnerungen, die, von keiner sinnstiftenden Deutung aufgefangen, nicht integriert werden können. Wenn die säkulare Geschichte «Sinngebung des Sinnlosen» (Theodor Lessing) ist, dann entliess das Scheitern der letzten «grossen Erzählung» – das auf die kommunistische Utopie ausgerichtete brutale Sozialexperiment UdSSR – seine Menschen in die sinnlose Leere des Hauens und Stechens ethnischer Säuberung in Bürgerkriegen oder in der sozialen Kälte eines mafiös entgrenzten Kapitalismus. Der Mensch, das zeigt die aktuelle Autobiografieforschung, ist ein narratives Wesen. Er braucht einen Sinnzusammenhang, in dem er sich verorten kann – oder er geht sich selbst verloren.

Berauscht von der Freiheit, aber nicht bereit?
Die individuellen Schicksale erschüttern und berühren. Zunächst ist absurd, dass Menschen, welche die stalinistischen Säuberungsprozesse, Folter und den Gulag überlebt haben, die gewonnene Freiheit nicht zu umarmen vermögen. Doch die Zeugnisse belegen eindrücklich, wieso sich diese für viele nicht entfalten konnte. Zu einfach wäre es, dies der Unreife der beschädigten Seelen anzulasten. In Abwesenheit eines bürgerlichen Rechtsstaates und einer humanisierenden Zivilgesellschaft verkommt die nominelle Freiheit des Marktes zu einer weiteren Ideologie. Ist es Ironie, dass ausgerechnet das Bonmot von Marx, alles wiederhole sich einmal als Tragödie, einmal als Farce, hier Recht behalten könnte? Die tragisch gescheiterte Idee des Kommunismus verhiess einen heroischen neuen Menschen. Das ideenlose Glücksversprechen der neuen Zeit wird aber zur Farce, wenn man sich von «100 Sorten Wurst» keine leisten kann. Aus der Geschichte entlassen fanden sich die um ihr Leben Betrogenen in einem sozialdarwinistischen Niemandsland wieder. «Alles, was wir haben, sind unsere Leiden3.»

Moralische Zeugen
So werden die Stimmen zu dem, was Avishai Margalit «moralische Zeugen» nennt. Durch das Vorzeigen ihrer leiblichen und seelischen Wunden bezeugen sie die Fortdauer ideologischer Gewalt und werfen die Frage nach dem Sinnzusammenhang der neuen Zeit auf. Nach welchen Werten lebt der Mensch unter dem dünnen Firnis des Konsums? Was bleibt, wenn Zivilgesellschaft und materielle Sicherheit scheitern? Die aktuelle Flüchtlingskrise trägt diese Fragen bis vor unsere Haustür. Putins Idee eines neuen starken Russlands stiess nicht umsonst in dieses Vakuum vom «Ende der Geschichte».
«Secondhand-Zeit» ist eine packend geschriebene, oft erschütternde Lektüre. Sie lässt «diese schreckliche Einsamkeit ... die Verlassenheit» erahnen, die Menschen ereilt, wenn alle Vision einer Welt, die eine bessere sein könnte, verloren gegangen ist.

1  Alexijewitsch, Swetlana. «Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus.» Suhrkamp Taschenbuch, 2015.
2  S. 9
3  S. 310

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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