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Pädagogik

Auf welchem Boden steht die Beratung von Schülerinnen und Schülern?

Beat Urs Spirgi Im Kanton Bern umfasst der Berufsauftrag von Lehrerinnen und Lehrern mehr als bloss das Unterrichten. Lehrpersonen sollen ihre Schülerinnen und Schüler auch beraten und begleiten. Doch welches ist der Boden, auf dem diese Beratung und Begleitung möglich wird?


Unser Autor zeigt im Folgenden einige Ansätze, die sich als fruchtbar erwiesen haben.

Die Beziehung als Grundlage
In einem meiner Seminare lernen die Studierenden den Klienten zentrierten Ansatz von Carl Rogers kennen1. Im Zentrum steht hier die Frage, welche Bedingungen es sind, die dazu führen, dass eine Person von sich aus über ihr Erleben spricht, sich dabei besser verstehen lernt und schliesslich dazu gelangt, ihre Einstellungen und ihr Verhalten zu ändern. Rogers merkte, dass es nicht seine Gelehrsamkeit war, die einen Klienten weiterbrachte, sondern ein Beziehungsangebot mit den drei Grundhaltungen Einfühlendes Verstehen, unbedingte Wertschätzung und Echtheit.
Weil ich überzeugt bin, dass sich diese drei Grundhaltungen in die schulische Beratung übernehmen lassen, erhalten die Studierenden im Seminar den Auftrag, diesen drei Aspekten in Beispielen aus dem Schulalltag nachzuspüren. Sie müssen Indikatoren bestimmen, die zeigen, dass ein Klienten zentriertes Gespräch im Gange ist.

Auf welcher Seite liegt das Problem?
Im Seminar geht es auch um die Klärung des Problembesitzes2: Ist dieser beim Lehrer oder beim Schüler? Wenn klar ist, dass er bei der Schülerin oder dem Schüler ist, muss die Lehrperson beratend vorgehen. Geklärt ist damit aber noch nicht, in welcher Weise eine Lehrperson beraten soll. Eher direktiv-vorschreibend oder eben eher Klienten zentriert?
Lehrerinnen und Lehrer neigen oft schnell dazu, mit Ratschlägen oder Ermahnungen helfen zu wollen. Sie meinen, ein Problem schon zu verstehen und die Lösung dazu bereits zu kennen. Oft wäre es aber für einen Schüler oder eine Schülerin hilfreicher, wenn die Lehrpersonen auf gut gemeinte Ratschläge verzichten würden. Denn diese können als «Strassensperren»3 wirken und dazu führen, dass die Schüler sich dieser Hilfestellung gegenüber verschliessen.
Nicht immer zeigt sich ein Schülerproblem offensichtlich, oft ist es verborgen. In diesem Fall gilt es, die Grundhaltungen von Rogers zu konkretisieren4. Mit einem Kommunikationsverhalten, das durch passives und aktives Zuhören geprägt ist.
Damit das gelingt, müssen Lehrpersonen in der Lage sein, zuzuhören, zu paraphrasieren und zu verbalisieren, also Gehörtes und vermutete Emotionen mit eigenen Worten zu spiegeln. Sie müssen weiter fähig sein, sich
selber zurückzunehmen und dem
Gegenüber mit ihrem ganzen Dasein zu zeigen: «Ich höre dir jetzt zu.
Du darfst ausreden. Ich werde dich nicht unterbrechen, sondern dich
unterstützen, damit du dich artikulieren kannst. Wir haben alle Zeit der Welt. Sprich dich aus. Ich glaube, du hast auch schon Ideen für die Lösung deines Problems. Ich helfe dir, sie zu finden.»

Sich selber bewegen
Für einen Menschen, der den Problembesitz auf seiner Seite weiss, ist es eine Wohltat, sich einem Gegenüber in dieser Weise öffnen zu können. Weshalb nur wollen Lehrpersonen diese Erfahrung nicht auch vermehrt ihren Schülerinnen und Schülern zukommen lassen?
Die Antwort darauf hat kürzlich eine Studentin gegeben: Bei diesem Paraphrasieren und Verbalisieren fühle sie sich vom Gegenüber nicht ernst genommen, meinte sie. Viel lieber möchte sie Ratschläge bekommen, wenn sie Probleme habe. Das Kontraproduktive daran ist: Ratschläge müssen nicht zwingend in die Problemlösung oder den Lebensvollzug integriert, sondern können auch ganz einfach zurückgewiesen werden, wenn jemand sie für nicht gut genug hält. Beratung – auch jene von Schülerinnen und Schülern – fordert hingegen immer dazu auf, sich selber auf den Weg zu machen.

1  Vgl. Weinberger, Sabina. «Klienten zentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe.» Weinheim/München, Juventa Verlag, 2013 (14., überarbeitete
Auflage), S. 19 — 39
2  Vgl. Gordon, Thomas. «Lehrer-Schüler-
Konferenz. Wie man Konflikte in der Schule löst.» München, Heyne, 2006 (18. Auflage),
S. 44ff.
3  Vgl. ebd., S. 52ff.
4  Vgl. ebd., S. 63ff.

 

Beat Urs Spirgi ist Pädagoge und Dozent für Erziehungs- und Sozial-wissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Bern

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