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Psychologie

Den seelischen Boden verlieren

Dieter Bösser Menschen brauchen für ihre körperliche Existenz einen Boden, auf dem sie leben können. Sie benötigen aber auch für ihre Seele einen Boden, um ein gesundes Leben führen zu können.

Dazu gehört unter anderem, dass das Bedürfnis nach Sicherheit gestillt wird. In der Maslow’schen Bedürfnispyramide ist dieses Bedürfnis weit unten – in der Nähe der Basis – angesiedelt. Es hat also eine sehr wichtige Funktion für ein erfülltes Leben.

Schwere Schädigungen der Seele
Wenn die körperliche und/oder seelische Integrität eines Menschen verletzt wird, kommt es zu Traumatisierungen. Das geschieht zum Beispiel dann, wenn Menschen durch Naturkatastrophen selber lebensgefährlich bedroht worden sind oder dabei geliebte Menschen verloren haben.
Gemäss Befunden der Traumatherapie sind aber von Menschen verursachte Bedrohungen und Schädigungen wesentlich gravierender für die Opfer. Das gilt insbesondere für Terroranschläge, Kriegsereignisse, Geiselnahmen, sexuellen Missbrauch (besonders an Kindern) oder für Folter. Solche extremen Traumatisierungen stellen lebensbedrohliche Ereignisse dar, für die es kaum normale Bewältigungsstrategien gibt. Das schutzlose Ausgeliefertsein erschüttert das Selbst- und Weltverständnis der Opfer dauerhaft. Viele verlieren durch die Sinnlosigkeit des erfahrenen Leides den Boden unter ihren Füssen. Als Folge entstehen Posttraumatische Belastungsstörungen1, unter denen viele Opfer über Jahre hinweg leiden, etliche bis an das Ende ihres Lebens.
Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge erfahren in westlichen Ländern 7% bis 9% der Menschen im Verlauf ihres Lebens eine Traumatisierung. Weit über 50% von Vergewaltigungsopfern leiden danach unter einer
Belastungsstörung. Bei Folterüber-
lebenden reagieren nahezu 100% mit einer psychischen Erkrankung. Belastungsreaktionen können auch Angehörige und sogar helfende Personen betreffen, die sich für traumatisierte Menschen einsetzen.
Flüchtlinge haben ihren physischen Boden, ihr Zuhause verlassen oder gewaltsam verloren. Etliche haben auch im übertragenen Sinne den Boden unter ihren Füssen ganz oder teilweise verloren. Gemäss Schätzung leiden 40% der Flüchtlinge unter einer Belastungsstörung. Viele, die aus Kriegsregionen kommen, sind aufgrund ihrer Erfahrungen vor und während der Flucht traumatisiert. Darunter sind viele Kinder. Tragischerweise nehmen weltweit organisierte staatliche Verfolgung, systematische Folterungen sowie schwere Traumatisierungen der Zivilbevölkerung durch Kriege und Bürgerkriege zu.

Traumatisierten Menschen helfen
Schwer traumatisierte Menschen benötigen professionelle therapeutische Unterstützung, um das Erlittene mindestens ansatzweise zu verarbeiten. Daneben sind weitere Unterstützungsvarianten denkbar und notwendig, um traumatisierten Menschen zu helfen: Wertschätzung, authentisches Mitleiden und Aushalten von Schmerz und Sinnlosigkeit sowie stellvertretende Hoffnung und Zuversicht. Dadurch kann ein wichtiger Beitrag geleistet werden, damit Menschen langsam, aber sicher wieder Boden unter die Füsse bekommen. Christen sind aufgefordert, für solche Menschen zu beten. Ob ein Gebet mit ihnen zusammen hilfreich ist, muss in der konkreten Situation entschieden werden.
Der persönliche Kontakt zu traumatisierten Menschen lädt zum Teilen ein: Ich nehme Anteil an ihrem Leiden und versuche Anteil an dem Boden zu geben, auf dem ich selbst stehe. Dabei entscheidet die traumatisierte Person, inwieweit sie Anteil an ihrem Leiden gibt. Viele können nicht über das Erlittene sprechen, das ist zu respektieren. Hier ist viel Sensibilität und zugleich Stabilität gefragt.
Es deutet vieles darauf hin, dass die Menschen im vergleichsweise reichen und sicheren Europa in bisher nicht gekanntem Ausmass herausgefordert sind, zu teilen. Das bezieht sich auf materielle Dinge, es beinhaltet aber auch das Anteilnehmen und Anteilgeben gegenüber traumatisierten Menschen.

1  Merkmale (nach Sommer/Fuchs) sind u.a. das wiederholte Erleben des Traumas durch sich aufdrängende Erinnerungen in Flashbacks oder Träumen; das andauernde Gefühl emotionaler Stumpfheit, Gleichgültigkeit, sozialer Rückzug; das Vermeiden von Aktivitäten oder Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen können; sowie gesteigerte Schreckhaftigkeit, Schlaflosigkeit, Angst, Depressionen oder Selbstmordgedanken.

 

Dieter Bösser, MTh und MSc UZH, ist als Theologe und Psychologe unterwegs in unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftliche Konzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren. Er ist zudem Leiter der VBG-Arbeit unter Berufstätigen.

dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net

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