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Religionen

Zeugnis «ablegen»?

Georg Schmid Die verschiedenen Religionen stehen heute in einer Art Wettbewerb zueinander. Gleichzeitig nimmt in unseren Breitengraden die Zahl der Konfessions- und Religionslosen zu. Müssten Christen in dieser Zeit wieder lernen, «Zeugnis zu geben» über ihren Glauben?

Im Prinzip ja, sagt unser Kolumnist. Allerdings ist entscheidend, wie sie das tun.

Der Fünfliber und der Glaube
Ich erinnere mich noch, wie wenn es gestern gewesen wäre. Ein evangelisches Missionswerk hatte uns junge Leute zu einem Weekend eingeladen. Bibelbetrachtungen, aufmunternde Gesänge und Zeugnisse anderer junger Christen füllten das Programm.
In einer Pause umringten wir einen Mitarbeiter des Werks. Er hatte von seinen Erfahrungen mit Jesus gesprochen. Nun bestürmte ich ihn mit Fragen. Doch Geduld war offenbar nicht seine Stärke. Er hörte sich meine Fragen kurz an. Dann klaubte er einen Fünfliber aus seinem Portemonnaie, legte ihn auf seine flache rechte Hand, streckte ihn mir entgegen und sagte: «Nimm diesen Fünf-
liber oder lass ihn liegen. Mit dem Glauben verhält es sich ebenso.»
Ich war damals Gymnasiast, entsprechend diskussionsfreudig und selten um eine Antwort verlegen. Aber dieser Fünfliber vor meinen Augen machte mich sprachlos. Betreten verzog ich mich in die nächste im Programm vorgegebene Zeugnisrunde.

Das Reich Gottes ist mehr
Seither rumort es in mir immer noch leise, wenn jemand Zeugnis «ablegt». Ich sehe dann einen Fünfliber vor mir liegen: annehmen oder liegen lassen. Vogel friss oder stirb.
Jesus hat – wenn ich richtig sehe – nirgends mit dieser Verkäufermentalität Zeugnis «abgelegt». Oft spricht er in Gleichnissen, die jeden auf seine eigene Weise berühren. Oder er antwortet auf konkrete Fragen, die ihm gestellt werden. Manchmal stellt er selber seinen Zuhörern Fragen.
Das Reich Gottes, das Jesus anbrechen sieht und das er immer wieder bezeugt, liegt in seinem Zeugnis nie einfach vor uns, wie ein Fünfliber in der Hand eines Jugendwerkmitarbeiters. Es liegt in uns oder es umgibt uns. Oder es wartet auf uns im Mitmenschen, der uns braucht, oder in einem Talent, das uns gegeben wurde, und das wir für dieses Reich nun einsetzen.

Vom Meister berührt zum Zeugen werden

Wer vom Beispiel Jesu geleitet Zeuge dieses Reiches sein will, hilft seinem Gegenüber, dieses Reich zu entdecken. Eine Verkäufermentalität führt weit ab vom Weg des Meisters. Sie raubt diesem Reich seine Tiefe, seine Kraft und sein Geheimnis. In der Nachfolge Jesu ist unser Zeugnis eingebunden in unser Leben und in unsere Beziehung zu den Menschen, die uns umgeben.
Je besser wir dieses Reich kennen lernen, desto schwieriger wird es für uns, einfach «Zeugnis abzulegen». Von Gottes Reich berührt versuchen wir vielmehr, Zeuge zu sein oder – noch ehrlicher – Zeuge zu werden.

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@STOP-SPAM.swissonline.ch 

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