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Theater

Nichts für religiöse Hinterwäldler

Adrian Furrer Ist das deutsche Gegenwartstheater beim alten Gegensatz «Religion oder Vernunft» stehen geblieben? Unser Kolumnist glaubt, dass viele aktuelle Regisseure unterdessen weitergekommen sind.

«Das ist symptomatisch für den Umgang des deutschen Gegenwartsthea-
ters mit Religion, bis heute», schrieb der vielbeachtete Kulturjournalist Dirk Pilz am 7.11.15 in der NZZ. Er meinte damit ein Projekt an der Berliner Volksbühne des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl, dessen theatraler Versuch zu ergründen, was es bedeutet zu beten, nach Ansicht von Pilz in einem Fiasko endete: «Die Religion stand als bedauernswerter Tropf auf der Bühne, verkleinert auf blosse Äusserlichkeiten, verhunzt zum Spottanlass. Als entstammten Gläubige einem Hinterwäldler-Land, in dem sie ihren vormodernen Riten und vernunftfeindlichen Vorlieben nachgehen.» Das Theater sei noch immer in einem schroffen Dualismus Religion contra Rationalität gefangen und hänge einer simplen Säkularisierungsthese an – die sowohl empirisch als auch religionswissenschaftlich längst als unhaltbar gelte – wonach Aufklärung zu schwindender Religiosität führe.

Respektvolle Inszenierungen ...
Der ansonsten durchaus lesenswerte Artikel von Dirk Pilz hat zwei grosse Schwächen. Die erste Schwäche ist das Alter seines Referenzbeispiels: Die genannte Inszenierung ist unterdessen elf Jahre alt. Und auch wenn der von Pilz monierte oberflächliche und unreflektierte Umgang mit Religion und Glauben in Theaterinszenierungen nach wie vor immer wieder auftaucht, gab es in den letzten Jahren auch die starke Tendenz eines grossen Respekts vor religiösen und biblischen Themen am Theater.
Ein Beispiel nennt Pilz selber, die grossangelegte, wortgetreue Genesis-Umsetzung am Zürcher Schauspielhaus von Stefan Bachmann1. Aber auch andere führende Theater haben Themen des Glaubens einen gewichtigen Platz in ihrem Spielplan eingeräumt. Die von Pilz kritisierten Kammerspiele München wurden mit einer eindrücklichen Bearbeitung von Joseph Roths «Hiob» zum Theatertreffen eingeladen, und am Hamburger Thaliatheater inszenierte Schauspieldirektor Luk Perceval eine Fassung von Dostojewskijs «Gebrüder Karamasow», die den glaubensgesättigten Positionen des Aljoscha Karamasow einen weiten, fast schon missionarischen Raum zur Verfügung stellte.

... insbesondere auch in Zürich
Die zweite Schwäche des Textes von Dirk Pilz ist sein Erscheinungsort: Zürich. Hier wurde die laufende Theatersaison u.a. mit drei Inszenierungen eröffnet, die explizit von religiösen Themen handeln. Schillers «Die Jungfrau von Orléans» und «Die 10 Gebote» nach dem Filmzyklus «Dekalog» von Krzysztof Kieslowski am Schauspielhaus und das Projekt «Like A Prayer» am Theaterhaus Gessnerallee.
Während Altmeister Stephan Kimmig als Spezialist für starke Frauen-
figuren in «Die Jungfrau von Orléans» eine erstaunlich zurückhaltende (leider auch etwas dünne) Interpretation des Jeanne d'Arc-Stoffes zeigt, dabei aber die irritierende Glaubensüberzeugtheit der Johanna nie denunziert, geht die hoch dekorierte – von Dirk Pilz für eine ihrer letzten Arbeiten ebenfalls kritisierte – Karin Henkel bei «Die 10 Gebote» einen andern Weg. Mit ungeheurem Einfallsreichtum verhandelt sie die verschlungenen Fragen um Schuld und Busse, Strafe und Vergebung in einer hochkomplexen Diskursszenerie. In der aufwendig umgestalteten Schiffbauhalle des Schauspielhauses schicken Karin Henkel und ihr Bühnenbildner Stéphane Laimé die Zuschauer durch immer wieder wechselnde Räume auf eine lange Reise in Abgründe und Verstrickungen. Ein grosser, intensiver Theaterabend, der das ernsthafte Fragen nach Gott und Sinn nicht scheut.

Bedeutsamer Glaube

Doch die wohl überraschendste Aufführung fand auf der avantgardistischsten Zürcher Bühne statt. Im Theaterhaus Gessnerallee zeigte Corinne Maier ihre Arbeit «Like A Prayer». Angeregt und herausgefordert durch die für sie verstörende Erfahrung einer ihrer besten Freundinnen, die in Mexiko zu einem Glauben fand, für den Wunder und Dämonen keine Fremdwörter sind, begann die junge Regisseurin nach der Relevanz des Glaubens zu fragen und besuchte zusammen mit einem Kamerateam und zwei Performern das Minoritinnenkloster St. Joseph im Muothatal. In bester Manier des Dokumentartheaters präsentierte sie nun das Ergebnis ihrer behutsamen (und humorvollen) Recherche. Wie es ihr und den beiden Spielern dabei gelang, die Befremdung des Publikums ob der «Weltfremdheit» und «Naivität» der Nonnen in einen Respekt für deren tiefen Glauben und die sehr wohl welthaltige Gebetsüberzeugung zu verwandeln, ist vielleicht selbst ein kleines Wunder, ein Theaterwunder. Und die Art und Weise wie die Schauspielerin Julia Bihl auf der Bühne über ihren eigenen Glauben erzählte, hätte wohl sogar Dirk Pilz davon überzeugt, dass das Theater seine Fähigkeit zum Dialog mit religiösen Fragen noch nicht ganz verspielt hat.

1  siehe Magazin INSIST 1/13

 

Adrian Furrer ist Schauspieler und Regisseur und wohnt in Henggart ZH

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch  

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