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Gesellschaft

Die Flüchtlingsfrage ganzheitlich angehen

Interview: Hanspeter Schmutz Um die Flüchtlingsfrage sinnvoll anzugehen, braucht es eine doppelte Entwicklung — eine Entwicklung im Ursprungs- wie auch im Zielland —, ein sorgfältiges Management der Bewegungen zwischen diesen beiden Polen und die Förderung entwicklungsorientierter Werte bei allen Beteiligten. Dazu eignen sich insbesondere christlich begründete Werte und die damit verbundene
Spiritualität.

Dieses ganzheitliche Entwicklungsmodell diskutieren im Folgenden Fachleute, die in diesen Gebieten Erfahrungen gesammelt haben: Peter Seeberger ist Leiter der Initiative «StopArmut» des SEA-Hilfswerke-Verbundes «Interaction», der Theologe und Sozialethiker Marcus Weiand leitet «Compax», ein Institut für Konflikttrans-
formation und Adrian Förster ist Geschäftsleiter von «Tear Fund», einer christlichen Organisation, die sowohl Nothilfe wie auch langfristige Hilfe in den Ursprungsländern leistet.

Magazin INSIST: Wir brauchen eine gezielte Entwicklung der wenig entwickelten Länder, heisst der erste Teil meiner These. Peter Seeberger, könnte man von daher sagen: Wenn alle Länder in Frieden leben könnten und mehr oder weniger gleich gut entwickelt wären, hätten wir kein Flüchtlingsproblem mehr?

Peter Seeberger: Die Vorstellung einer Welt, in der alle Menschen in gut entwickelten Ländern leben und ihre Grundbedürfnisse decken können, ist ein wunderschönes Bild. Davon träumen wir alle. Wenn das Entwicklungs-
niveau in wenig entwickelten Ländern steigt, führt das aber in einer ersten Phase zu mehr Flüchtlingen. Studien haben gezeigt, dass zusätzliche Mittel die Migration erst ermöglichen. Die wirklich Armen haben gar keine Möglichkeit, das Land zu verlassen.

Es wäre aber zynisch, diese Länder deswegen bei ihrer Entwicklung nicht zu unterstützen.
PS: Richtig. Entwicklungszusammenarbeit ist sehr wichtig. Sie ist aber nicht das Heilmittel für alle Probleme. Auch wenn sich das Entwicklungsniveau verbessert, bleibt das Problem des Raubbaus an unserm Planeten. Das muss gestoppt werden. Die neu entwickelten Länder können ihrer Bevölkerung nur dann eine langfristig gute Perspektive bieten, wenn sie über nachhaltige Ressourcen für alle Einwohner verfügen. Das gilt auch bei uns. Entwicklung hängt nicht zuletzt auch zusammen mit unseren Handelsstrukturen. Sie müssen für alle Seiten gerecht ausgestaltet werden. Und da sind wir im Westen besonders gefordert.
Adrian Förster: Wir reden immer von wirtschaftlichen Gründen, die zur Flucht führen: Wer genügend Geld hat, der flieht. Es gibt aber auch einen emotionalen Aspekt. Ich habe beobachtet, dass niemand seine Heimat freiwillig verlässt. Es gibt eine Bindung an die dortige Kultur, an Land und Leute. Wer flieht, wird zur Flucht getrieben. Wenn wir die Fluchtursachen Krieg, Armut und Hunger beseitigen möchten, müssen wir uns darum bemühen, die Entwicklung vor Ort zu fördern.

Ich habe keinen grundsätzlichen Widerspruch gehört, dass eine Entwicklung vor Ort Sinn macht. Von daher müssten wir weiterfragen: Was können wir denn von der Schweiz aus tun, um eine die Entwicklung im Ursprungsland zu fördern?
PS: Da gibt es verschiedene Ebenen. Persönlich sind wir herausgefordert, einen bescheideneren Lebensstil zu führen, sodass die Ressourcen für alle reichen. Dass wir also nicht einfach das nehmen, was wir uns leisten
können. Wenn wir immer nehmen, was wir uns leisten können, können wir uns bald nicht mehr leisten, was wir uns heute nehmen. Wirtschaftlich braucht es einen Know-How-Transfer in den Weltsüden. Was wir wissen und können – auch im beruflichen und unternehmerischen Bereich – sollten wir diesen Ländern zugänglich machen. Dazu gehört auch eine nachhaltige Landwirtschaft, welche die Gesetze der Schöpfung respektiert. Entwicklungen sollten nicht nur die momentane Situation verändern, sondern nachhaltig wirken. Das Ziel ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern das Berücksichtigen von natürlichen Zyklen in der Produktion. In der Landwirtschaft sind etwa Brachzeiten für den Boden wichtig. Die Bibel kennt in diesem Zusammenhang das Jubeljahr. Diese Zusammenhänge müssen deutlich gemacht werden. Die Schweiz verbraucht zur Zeit drei Erden, um ihren Standard zu halten. Wenn sich die ganze Welt auf dieses Niveau entwickeln möchte, käme es zum Kollaps.

Müssen wir also unsern Standard senken?

PS: Genau. Entwicklung heisst nicht, dass wir alle auf ein höheres Niveau bringen. Allerdings müssen wir dieses Recht auch den Ländern im Weltsüden grundsätzlich zugestehen. Für uns heisst Entwicklung, dass wir bereit werden, unsere Bedürfnisse zurückzustecken, damit auch zukünftige Generationen noch genug zum Leben haben.


Marcus Weiand, es gibt wirtschaftliche und ökologische Fluchtgründe. Aber ein grosser Teil der Fluchtbewegungen wird durch Kriege ausgelöst. Die meisten Flüchtlinge verschieben sich innerhalb des Landes oder fliehen ins Nachbarland. Ein paar wenige kommen nach Europa und noch weniger in die Schweiz. Nehmen wir als Beispiel den Krieg in Syrien. Da geht es um einen Krieg zwischen einem Diktator und religiös vom Islam geprägten Gruppen; gleichzeitig herrscht ein Machtkampf zwischen den USA und Russland sowie weiteren Regionalmächten. Ausser den Islamisten wollen wahrscheinlich alle Parteien diesen Krieg mittelfristig zu einem Ende bringen. Die Friedensbemühungen scheitern aber immer wieder. Trotzdem möchte ich mal positiv fragen: Sehen Sie Dinge, welche die Beteiligten richtig machen?
Marcus Weiand: Vorerst ist diese komplizierte Situation mal eine Überforderung. Hier fällen Leute politische Entscheide, die zum Tod und zur Flucht von vielen Menschen führen. John Paul Lederach, ein überzeugter Christ und internationaler Konfliktexperte, hat festgestellt, dass er bei Schlichtungsversuchen immer wieder Menschen gegenübersitzt, die überhaupt kein Bedauern für das Leid zeigen, das sie mit verursacht haben. Darum ist das Aufbauen von Beziehungen wichtig. Kriege wurden oft beendet, weil sich führende Personen plötzlich getroffen und miteinander gesprochen haben. Das wird auch im Syrienkonflikt immer wieder versucht. In solche Begegnungen und Gespräche wird viel Mühe investiert. Und das bringt auch hie und da Erfolge. Meine Sorge ist aber, dass wir zu wenig kreativ sind wenn es darum geht, den Frieden zu fördern, ohne dabei auf Gewalt und Waffen zurückzugreifen.

Es gibt ja zum Glück auch positive Beispiele. Ich denke an den Bürgerkrieg in Liberia. Nach mehreren Jahren kam es dort zu einem Aufstand der Frauen. Sie taten öffentlich kund, dass sie nicht mehr mitmachen wollten und drohten sogar mit einem Sexstreik. Dieser Aufstand führte zu einem Ende des Bürgerkrieges. Könnte nicht die Zivilbevölkerung in einem Krieg aufstehen und sagen: «Jetzt haben wir genug!»

MW: Die Zivilbevölkerung ist sehr wichtig. Sie muss unbedingt unterstützt werden. Da wird auch von der Schweiz aus sehr viel getan. Es gibt Schulungen für Menschen in Krisengebieten. Sie helfen ihnen dabei, ihre Meinung kundzutun und die Dinge positiv zu beeinflussen. Wir müssen uns aber auch fragen, wie eine langfristige Entwicklung aussehen soll. In heissen Konflikten kann man sich oft nur noch um die Opfer kümmern. Wir sollten darüber hinaus sorgfältig beobachten, wo langfristig Krisen drohen. Und dort dann frühzeitig eingreifen. In einer frühen Phase können die Menschen vor Ort noch Veränderungen bewirken.

AF: Ich kann dem nur beipflichten. Tear Fund Schweiz arbeitet zum Beispiel im Südsudan, wo die Situation politisch total verfahren ist, mit lokalen Partnern zusammen. Sie organisieren Friedensseminare, in denen sich Familien-Clans treffen, die einander das Vieh gestohlen haben und dem Gesetz der Blutrache gefolgt sind. Sie reden miteinander, trinken etwas zusammen, lernen einander besser kennen und erarbeiten gemeinsam Lösungen. Diese Gespräche werden jeweils moderiert von unsern lokalen Partnern. Für mich war es genial, solche Gespräche mitzuerleben: Da trafen sich 100 Leute unter einem Baum, viele kamen mit Kalaschnikows – und am Schluss schüttelten die Leute einander die Hände. Solche Prozesse können ganz klein vor Ort und mitten in der Zivilgesellschaft beginnen.

Wie sieht denn ein nachhaltiges Entwicklungsprojekt aus?
AF: Ich habe selber zehn Jahre in Afrika gearbeitet. Es sind nicht diejenigen Projekte erfolgreich, bei denen viel in Material investiert wird, sondern jene, bei denen in Menschen investiert wird. Bildung erhöht die Chancen für eine persönliche Entwicklung. Ein schönes Beispiel sind die Spar- und Leihgruppen, die wir in Malawi und Sambia aufgebaut haben. Hier tun sich Frauen genossenschaftlich zusammen, sparen gemeinsam und bilden zusammen eine kleine Bank. Daraus entnehmen sie Kapital für ihre Kleinunternehmen. Schon im ersten Jahr können so Investitionen getätigt werden. Einzelne Frauen haben in ihrem Nachbardorf dann gleich noch eine weitere Spar- und Leihgruppe gegründet. Diese Projekte entsprechen einem Bedürfnis, sie sind gut angepasst an lokale Verhältnisse und multiplizieren sich selbst. Nach dem Anschieben des Projektes braucht es von uns her keine weiteren Investitionen mehr.

PS: Ich bin auch überzeugt, dass Bildung ein entscheidender Faktor ist. Gebildete Menschen lassen sich weniger von Kriegstreibern beeinflussen. Auf einem höheren Bildungsniveau können die Menschen besser reflektieren, kommunizieren und sich untereinander vernetzen; gleichzeitig haben sie besseren Zugang zu andern, weniger einseitigen Informationsquellen.

AF: Entwicklung wird vor allem durch Korruption, Vetterliwirtschaft und Misstrauen blockiert. Deshalb ist die Integrität der beteiligten Menschen entscheidend. Es braucht den Willen, dem andern zu dienen, ihn zu fördern, sich für ihn zu verschenken. Und da sind die Christen mit ihrer Ethik der bedingungslosen Nächstenliebe in einer besonders guten Ausgangslage.

Es braucht nicht nur eine Entwicklung im Ursprungsland, sondern auch eine Entwicklung im Zielland — für die wenigen Flüchtlinge, die bei uns ankommen, aber auch für das Zielland selbst. Das ist der zweite Teil meiner These. Dazu einige Fakten: In der Schweiz gibt es in einzelnen Branchen zu wenig Fachleute — etwa im Bereich Gesundheit, in der Landwirtschaft oder in der Gastronomie. Das Durchschnittsalter der Schweizer Bevölkerung steigt von Jahr zu Jahr. Auf dem Arbeitsmarkt und zur Sicherung der Altersversorgung fehlen uns die jungen Leute. Viele Flüchtlinge sind jung, darunter gibt es viele unbegleitete minderjährige Asylbewerber (UMAs). Nicht wenige Flüchtlinge sind hoch qualifiziert, haben aber die «falsche» Ausbildung oder können ihre Abschlüsse zu wenig belegen. Man müsste diese Menschen eigentlich sofort beschäftigen und in ihre Ausbildung investieren. So könnte man nicht nur die Flüchtlinge, sondern gleichzeitig auch unser Land entwickeln. Stimmt das so?

AF: Es wäre mein Traum, dass junge Asylsuchende vom ersten Moment an irgendwie in die Berufsbildung integriert werden könnten, egal ob sie drei Monate oder drei Jahre in der Schweiz bleiben. Sie würden auf jeden Fall profitieren, unabhängig davon, ob sie langfristig bleiben – oder wieder in ihr Land zurückkehren.

PS: Ich glaube auch, dass man nicht ein, zwei Jahre warten darf bis zum Entscheid, ob diese Menschen bleiben dürfen oder nicht. Dann ist es schon fast zu spät, um mit der Integration zu beginnen. Kürzlich hat die Uni Bern bekannt gegeben, dass sie
für Studierende aus Fluchtländern ein vereinfachtes Aufnahmeverfahren schaffen und ihnen so das Weiterstudieren in der Schweiz ermöglichen will.

Nötig wäre also ein ideologiefreierer Umgang mit diesen Menschen. Und davon würden letztlich alle profitieren.

MW: Es ist sehr erstrebenswert, Menschen zu integrieren. Wir alle wissen, was mit uns oder mit andern passiert, wenn wir uns nicht integriert fühlen. Fehlende Integration erschwert das Zusammenleben. Es ist auch legitim sich zu überlegen, welche Qualifikationen in einem Land benötigt werden und wie sie eingesetzt werden können. Auf der andern Seite sind Flüchtlinge nicht einfach dazu da, unser Wirtschaftssystem anzukurbeln. Diese Menschen kommen mit ihren ganz eigenen Geschichten und Bedürfnissen zu uns. Man müsste beides berücksichtigen. Dann kommt es gut.

Flüchtlinge sind ja oft stark traumatisiert und benötigen vorerst ganz andere Hilfen. Dann aber sollte man sie schneller und besser integrieren. Gleichzeitig bringen diese Menschen aber auch eine eigene Kultur mit. Das hat eine faszinierende Seite, führt aber auch zu Reibungen mit der einheimischen Kultur. Dazu gehört etwa die Frage, ob man der Lehrerin zur Begrüssung zwingend die Hand geben muss. Bei dieser kulturellen Begegnung geht es um Bräuche, religiöse Handlungen und um Werte. In allen diesen Bereichen haben die christlichen Kirchen eine hohe Kompetenz. Ergibt sich daraus nicht eine besondere Aufgabe für die christliche Gemeinde, Integrationshilfe zu leisten, ohne die Menschen dabei ungefragt zu missionieren?
MW: Diese Sorgfalt ist eine wichtige Voraussetzung. Christliche Gemeinden haben in der Tat eine gute Ausgangslage, um hier eine wertvolle Arbeit zu tun. Zu den wichtigsten Aufgaben der Integration gehört es, Beziehungen zu knüpfen und zu stärken und eine Plattform zu schaffen für Menschen, die unsern Kulturkreis noch nicht kennen. Es ist dabei aber auch für Christen eine Herausforderung, gegenüber Andersdenkenden offen zu sein und zu spüren, was für sie wichtig ist.

Die Flüchtlinge kommen, wenn sie länger bleiben können, auch in unsere Dörfer. Was sollten wir für sie tun — und was nicht?
AF: Integration heisst «hineinnehmen». Es ist unerheblich, wo das geschieht: Das kann im Sportverein, in der Kirche, in der eigenen Clique oder beim Arbeitsplatz sein. Das erste Bedürfnis eines Menschen, der in der Fremde lebt, ist es, sich irgendwo anzuschliessen.

PS: Das beginnt schon im Zug. Ich kann mich bewusst neben einen Ausländer setzen. Oft wird dieses Abteil ja zuletzt besetzt. Und dann ein Gespräch beginnen. Das braucht Überwindung, ist aber einfach und in der Regel sehr willkommen. Was unbedingt vermieden werden sollte, ist die Isolation der Flüchtlinge.

MW: Hilfreich ist, wenn man versucht, sich in die Situation dieser Menschen hineinzuversetzen. Wir haben alle Mühe, wenn wir ausgegrenzt und herablassend behandelt werden. Wenn wir Flüchtlinge dagegen mit Respekt und Ehrerbietung behandeln und ihnen mit gutem Willen begegnen, ist schon viel gewonnen.
 
Wohl am Schwierigsten ist das Managen der Bewegungen zwischen dem Ursprungsland und dem Zielland — und von dort aus wieder zurück. Beginnen wir bei der Bewegung vom Ursprungsland zu uns. Eine häufige Forderung heisst: Die Schweiz soll für Flüchtlinge möglichst unattraktiv gemacht werden. Man muss den Grenzschutz verstärken, die «falschen» Flüchtlinge sofort in Ausschaffungshaft setzen und im Übrigen die Flüchtlinge möglichst gleichmässig auf Europa verteilen. Das hat man alles schon ausprobiert, und es hat höchstens teilweise funktioniert. Die Schweiz bleibt ein attraktives Zielland — trotz aller Gegenmassnahmen. Dazu kommt, dass sich die Flüchtlingsthematik ja nicht von selbst erledigt, sondern eher noch verschärft. In Zukunft wird es neben Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen immer mehr Klimaflüchtlinge geben.
Brauchen wir von daher nicht intelligentere Massnahmen zum Steuern dieser Flucht-Bewegungen? Ich nenne als Beispiel die Greencard — eine bewusste, allenfalls zeitlich beschränkte Genehmigung einer Migration. Oder das Beispiel aus Bern, wo die Stadtregierung vom Parlament aufgefordert wurde, über die Pflicht hinaus gezielt Kontingente von Flüchtlingen direkt aus Flüchtlingslagern aufzunehmen. Müssten wir auch in diesem Bereich kreativer werden?

PS: Das sind ganz schwierige Fragen. In Ländern mit intakter Verwaltung sollte man bei religiös und politisch Verfolgten das Botschaftsasyl neu beleben. Dabei könnten Asylsuchende im Ursprungsland auf der Schweizer Botschaft ein Asylgesuch stellen, wie das schon früher einmal möglich war. Diese Gesuche könnte man vor Ort sorgfältig abklären und so einer lebensgefährlichen Flucht vorbeugen. Bei militärischen Konflikten verschieben sich die Flüchtlinge innerhalb des Landes oder fliehen ins Nachbarland. Um einen Exodus Richtung Europa zu verhindern, sollte man viel mehr in die Infrastruktur dieser Flüchtlingscamps investieren und gleich vor Ort Schulen einrichten. Wir riskieren sonst eine «verlorene Generation» von Schülerinnen und Schülern – und damit ein explosives Konflikt-Potenzial für die Zukunft. Zudem sollte man bereits in diesen Camps Asylverfahren einleiten und über Kontingente Leuten einen direkten Zugang nach Europa ermöglichen.

AF: Statt zu hoffen, dass möglichst wenige kommen, sollte die Schweiz als humanitär engagiertes Land Kriterien entwickeln und sich überlegen, wie viele Flüchtlinge sie aufnehmen kann. Diese könnte man dann möglichst früh – zum Beispiel in Flüchtlingscamps – «aufspüren», noch bevor sie sich in Gefahr begeben.

Aus meiner Sicht wird die Bewegung in die andere Richtung zu wenig bedacht: der Weg zurück ins Ursprungsland. Es kann sein, dass Flüchtlinge langfristig bei uns bleiben, sich integrieren und für uns zu einem Gewinn werden. Flüchtlinge, die für kurze oder längere Zeit bei uns waren, könnten aber auch als hoch kompetente Entwicklungshelfer in ihre Ursprungsländer zurückkehren. Sollte man diese Bewegung nicht viel bewusster fördern?

AF: Die Menschen sollten nicht nur als Entwicklungshelfer zurückgehen, sondern als ganz normale Leute mit ihren beruflichen Kompetenzen. Häufig sind diejenigen, die zu uns kommen, initiativer als andere. Sie sind vielleicht auch schon von sich aus motiviert zurückzukehren. Wir werden möglicherweise staunen, wie viele Menschen zurückkehren, wenn sich die Situation in ihrer Heimat verbessert hat. Und dann dort ihr Kapital und ihre Fähigkeiten investieren – einfach, weil sie ihr Ursprungsland gern haben.

MW: Ich habe mit jemandem gesprochen, der im Süden der USA mit Einwanderern aus Mittel- und Südamerika zusammenarbeitet. Er ist der Überzeugung, dass die
Menschen nicht so sehr von den USA angezogen werden, sondern vielmehr aus ihren schwierigen Ursprungsländern herausgetrieben werden. Wenn ihre Heimat wieder friedlich und lebenswert wäre, würden ganz viele wieder zurückgehen und gerne mithelfen, ihre Heimat aufzubauen.

Damit wird der Kreislauf bestätigt, der mit unserer Grundthese angesprochen wird. Wenn wir verstehen, dass diese Faktoren alle miteinander zusammenhängen, können wir sehr viel mehr erreichen als mit Einzelmassnahmen. Zum Schluss möchte ich noch kurz den spirituellen Aspekt ansprechen: Wie kann eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus dazu beitragen, die Flüchtlingsproblematik zu entschärfen?
MW: Mir scheint wichtig, dass wir das Wort Christ als «Nachfolger von Christus» buchstabieren. Jesus ist zu den Menschen gegangen, die am Rand der Gesellschaft gelebt haben: zu den Armen und Ausgestossenen. Ich würde mir wünschen, dass wir es in Europa schaffen, das gemeinsame Menschsein in den Vordergrund zu stellen. Mit Jesus als Vorbild haben wir eine positive Grundeinstellung, die viel verändern kann.

AF: Die erste Motivation von Christen sollte es nicht sein, den Wohlstand in der Schweiz zu erhalten, sondern unsern Nächsten zu dienen. Es ist dann weniger wichtig, wie genau wir uns engagieren: sei es mit dem zeitlichen Einsatz für Flüchtlinge bei uns oder mit der Finanzierung eines Entwicklungsprojektes, das im Ursprungsland greift. Wir sollten es einfach tun – ohne die Erwartung, dass etwa zurückkommt. Wir sollten zuerst über das Wohl der Flüchtlinge nachdenken. Und erst dann über die möglichen positiven Effekte der Flüchtlinge für unsere Altersversorgung.

MW: Der christliche Glaube ist nicht von Angst getrieben, sondern von Vertrauen. Deshalb dürfen und sollen Christen und die Kirchen der Tendenz zur Angstmacherei widersprechen.

PS: Flüchtlinge sind Menschen, die innerlich verletzt und entwurzelt worden sind, sie sind orientierungslos und suchen Perspektiven. Hier kann der christliche Glauben entscheidend weiterhelfen. Dabei brauchen wir das Handeln von Christus an uns selbst. Er ist gekommen, um unser Herz aus Stein wegzunehmen und durch ein Herz zu ersetzen, das empfinden kann. Der christliche Glaube eröffnet neue Dimensionen. In der Kraft Gottes ist es möglich zu vergeben. Ich habe erlebt, dass in Ländern, in denen zum Beispiel nach einem Genozid eine Versöhnung stattgefunden hat, ganze Völker heil geworden sind. Deshalb haben Christen und die Kirchen in der Flüchtlingsfrage eine wichtige Aufgabe.

Dieses Interview ist eine überarbeitete Zusammenfassung des Zoom-Talks auf Radio LifeChannel vom 5.10.16 www.lifechannel.ch

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Peter Seeberger: Für uns heisst Entwicklung, dass wir bereit werden, unsere Bedürfnisse zurückzustecken, damit auch zukünftige Generationen noch genug zum Leben haben.


Marcus Weiand: Meine Sorge ist aber, dass wir zu wenig kreativ sind, wenn es darum geht, den Frieden zu fördern, ohne dabei auf Gewalt und Waffen zurückzugreifen.


Adrian Förster: Die erste Motivation von Christen sollte es nicht sein, den Wohlstand in der Schweiz zu erhalten, sondern unsern Nächsten zu dienen.

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