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Gelingende Entwicklung

Erfolgsfaktoren Selbstführung, Ganzheitlichkeit und Sinn

Michèle Fark Wie kann Entwicklung angesichts von zunehmender Komplexität gelingen? Der Unternehmensberater Frederic Laloux1 postuliert in dieser Frage einen Paradigmenwechsel. Es ist inspirierend, seine Gedanken auch auf die Entwicklung von Zivilgesellschaften auszudehnen, was ich am Beispiel der mir persönlich bekannten Nichtregierungsorganisation «ConeXionMosaico» aufzeigen möchte.

Laloux stellt fest, dass sich in unserer Zeit Gefühle von Demotivation und Ohnmacht bis in die Führungsetagen grosser Unternehmen ausgebreitet haben. Vor diesem Hintergrund postuliert er eine neue Form von Organisationsführung, die sich am Prinzip der evolutionären Entwicklung lebender Organismen orientiert. Diesen neuen Ansatz hat er bei der Untersuchung von Unternehmen unterschiedlichster Grösse und Branchen aufgespürt.

Förderung der Bereitschaft zum Gestalten und Verändern
Drei Grundprinzipien kennzeichnen dieses neue Organisationsparadigma: Selbstführung, Ganzheitlichkeit und Sinn. Selbstführung meint Strukturen, die den Verantwortlichen auch die Gestaltungsmacht übertragen. Ganzheitlichkeit meint, dass in einer Organisation nicht nur die Arbeitskraft erwünscht ist, sondern der ganze Mensch mit seinen Ideen, seiner Kreativität, seinen sozialen und ökologischen Anliegen. Sinn meint, dass es in einer Organisation darum geht, wertegeleitete Ziele zu erreichen und nicht einfach, sich auf dem Markt durchzusetzen. Diese Prinzipien fördern die Motivation und führen zu einem viel grösseren Potenzial an Kreativität sowie Gestaltungs- und Veränderungsbereitschaft.

Entwicklung in den Slums von Mexico City
ConeXionMosaico2 engagiert sich in drei Slums in Mexico City. Die Zivilgesellschaft ist dort angesichts der strukturellen Ungerechtigkeit, Korruption und Gewalt geprägt von Ohnmacht und Gleichgültigkeit. Sie erinnert damit an – im Sinne von Laloux – konventionell organisierte Unternehmen. Die Kernkompetenz von ConeXionMosaico ist die Mobilisierung der Zivilgesellschaft, also die Überwindung von Ohnmacht und Demotivation. Auf  banale Zahlen reduziert bedeutet dies Folgendes: Eine Analyse der in die verschiedenen Projekte von ConeXionMosaico investierten Mittel zeigt, dass für jeden gespendeten Franken zwei Franken aus lokalen Quellen investiert wurden.
Wie kommt es dazu? Bevor sich der Initiant Jean-Luc Krieg und sein Team in einem Quartier engagieren, evaluieren sie jeweils das vorhandene soziale Kapital: die Ressourcen, welche aus sozialen Beziehungen und Netzwerken geschöpft werden können. Sie gehen davon aus, dass ein minimales soziales Kapital vorhanden sein muss, damit sie dieses stärken können. Es geht ihnen in erster Linie um die Förderung von Vertrauen in den lokalen Gemeinwesen, um Stärkung der Gestaltungsmacht und um ein ganzheitliches Fördern der Slumbewohner. Bevor «Entwicklungsmassnahmen» geplant werden, wird gezielt Vertrauen gestärkt, Gemeinschaft gefördert, seelische und spirituelle Gesundheit gefördert und Leadership gelehrt. Auf dem Boden dieser gestärkten Zivilgesellschaften entstehen die Initiativen zu Entwicklungsvorhaben aus sich selbst heraus. Die Bildung von Koalitionen zwischen verschiedenen lokalen Organisa-
tionen und Gruppierungen zur Stärkung der «good urban governance»3 unterstützt und schützt die ergriffenen Initiativen, was angesichts zahlreicher Einschüchterungsversuche von aussen wichtig ist.
Ein Beispiel ist das kürzlich realisierte Wasserprojekt: Durch den Aufbau lokaler Komitees gelang es, korrupte Lokalgrössen zu umgehen, um aus eigenen Kräften für ein Quartier einen Wasser- und Abwasseranschluss zu realisieren und so den Zugang zu Wasser sicherer und viel günstiger zu machen. Der zuständige Beamte war so beeindruckt vom lokalen Engagement, dass er sich für die Ausdehnung des Projekts auf ein weiteres Quartier einsetzte.
Für mich zeigen sich an diesem Beispiel aus den Slums von Mexico City die gleichen drei Wirkprinzipen der Förderung von Selbstführung, Ganzheitlichkeit und Sinn, die brachliegendes Entwicklungspotenzial zur Entfaltung bringen. Wir brauchen dringend mehr begeistertes Engagement für Entwicklung. Eine nähere Auseinandersetzung mit diesen drei Prinzipien hat das Potenzial, auch uns zu bewegen.

1  Reinventing Organisations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. Vahlen, München, 2015.
2  Informationen über die Organisation auf www.connexionmosaico.net. Siehe auch «Transforming Cities: Adressing the greatest challenges of the 21st century». Jean-Luc Krieg, Chimalhuacan, 2011 (ist auf der Homepage von ConeXionMosaico online zu finden).
3  rechtlich verankerte kommunale Selbstverwaltung

 

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