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Kommentar

Religionsflüchtlinge: Aus der Vergangenheit lernen

Thomas Hanimann Migration aus religiösen Gründen gibt es in Europa nicht erst in jüngster Zeit. Schon im Mittelalter gab es ungezählte Religionsflüchtlinge. Betroffen davon waren u.a. die Juden.

Im Zuge der «Rückeroberung» des «islamisierten» Gebietes von Spanien durch die Christen, wurden nach 1492 auch die sephardischen Juden vertrieben. Auch vorreformatorische evangelische Gemeinschaften (Waldenser, Lollarden, Hussiten) wurden zur Auswanderung gezwungen. Durch die Reformation kam es dann zu noch grösseren Migrationsbewegungen.

Flüchtlinge in Calvins Genf
Von den konfessionellen Umbrüchen und Kriegen waren alle Denominationen betroffen: Katholiken, Reformierte (Calvinisten), Anglikaner, Lutheraner, Puritaner, Quäker, Böhmische Brüder, Herrnhuter und viele andere nonkonformistische Gruppierungen. Die bekanntesten Fluchtbewegungen sind die der Hugenotten und der Täufer. Sie betrafen in besonderem Ausmass auch die Schweiz. Die Aufnahme der französischen und englischen Glaubensflüchtlinge in Genf durch Calvin zwischen 1550 und 1560 gilt als Beispiel von toleranter Flüchtlingspolitik. Calvin handelte dabei aber nicht selbstlos: Die Aufnahme der Flüchtlinge half ihm, sich seiner politischen Gegner in der Stadt zu entledigen.

Religion bis zu den Landesgrenzen
In der Zeit, als Calvin die Tore für französische Hugenotten öffnete, wurde im deutschen Reich der Grundstein einer neuen Migrationspolitik gelegt. Der Augsburger Religionsfriede von 1555, welcher den Landesfürsten zugestand, die Konfession über ihr Herrschaftsgebiet zu bestimmen, beinhaltete auch das Recht für Andersgläubige, das Land zu verlassen («ius emigrandi»). Dies gewährte ihnen einen minimalen Schutz – und führte zu Migrationsbewegungen in alle Richtungen. In Frankreich etwa führten die Hugenottenkriege und insbesondere die Bartholomäusnacht (1572) zu einer Auswanderungswelle von 10’000 bis 30’000 reformierten Hugenotten1 nach England, in die calvinistischen Niederlande und in die reformierte Schweiz.

Schweiz als Transitland

Zur grössten protestantischen Migrationsbewegung in der Neuzeit kam es nach der Widerrufung des Ediktes von Nantes2. 150’000 Hugenotten verliessen nach 1685 Frankreich. Viele von ihnen Richtung Schweiz. Die Deutschschweizer Städte Bern, Basel, Zürich und Schaffhausen nahmen so viele französische Flüchtlinge auf, dass ihr Aufnahmevermögen an Grenzen stiess. Die Mehrheit von ihnen zog dann aber weiter Richtung Deutschland, und die Situation entschärfte sich nach wenigen Jahren wieder.

Solidarität und Skepsis
Die Aufnahme der Glaubensflüchtlinge in der Schweiz war begleitet von Solidarität in der Bevölkerung. Christliche Barmherzigkeit gebot, die Glaubensgeschwister aufzunehmen. Die Aufnahmebereitschaft ging allerdings kaum über die Konfessionsgrenzen hinaus. Eine solidarische Aufnahme für Andersgläubige war nur in Ausnahmefällen in wenigen europäischen Territorien möglich und in den Schweizer Städten undenkbar.

Nützliche Migranten
Beim Ankommen grösserer Flüchtlingskontingente im 16. und 17. Jahrhundert machten sich in den Städten kritische Stimmen und Sorgen in der Bürgerschaft bemerkbar. Die Tatsache, dass sich die Hugenotten durch ihre Bildung sowie ihre beruflichen Fähigkeiten in Handel und Handwerk rasch als nützlich für die wirtschaftliche Entwicklung erwiesen, begünstigte aber die Aufnahme. Für die Flüchtlinge bedeutete dies, dass sie sich möglichst gut «verkaufen», also als besonders begabte Handwerker, Verwaltungsfachleute, Financiers etc. anbieten mussten. Gleichzeitig mussten sie dem Vorwurf begegnen, der einheimischen Bevölkerung Arbeit und Einkommen wegzunehmen. Die Nächstenliebe wurde also mit hohen Anforderungen verbunden. Ein schwieriger Anspruch an Migranten. Er hat sich bis in die heutige Migrationspolitik hinein kaum verändert.

1  Die Herkunft des Namens konnte bis jetzt historisch nicht eindeutig geklärt werden.
2  1598 hatte der französische König Henri IV ein Gesetz (Édit de Nantes) erlassen, das den Protestanten Gewissensfreiheit und freie Religionsausübung gewährte. Dieses Gesetz wurde jedoch 87 Jahre später von Louis XIV im «Édit de Fontainebleau» widerrufen und die Protestanten verloren alle bürgerlichen und religiösen Rechte.

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