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Musik

The answer, my friend, is blowing in the wind1

Jean-Daniel von Lerber Der Songwriter und Musiker Bob Dylan erhielt letztes Jahr den Nobelpreis. Für Literatur. Diese Nachricht hat aufhorchen lassen: Ein Songschreiber wird mit der höchsten Literatur-Auszeichnung für seine Texte gewürdigt. Das ist beachtlich, würde sich doch Dylan selber kaum als Schriftsteller verstehen. Vielmehr als Denker, kritischer Zeitgenosse mit einer oft verklausulierten Art, gesellschaftliche und persönliche Stimmungsbilder in Melodien zu verpacken.

Kauzig war und ist er nach wie vor – wer sonst hätte nach Bekanntwerden dieser hohen Auszeichnung einfach 14 Tage lang geschwiegen, offenbar weil ihn diese Nachricht «sprachlos» gemacht hat? Er meidet, was gerade «hip» ist, und alles, was trendy ist, ist nicht seins.

Dylan als Christ
Interessant ist, dass sein 1979 veröffentlichtes Album «Slow Train Coming» 1980 in den USA und Kanada sein allererstes Platinum Album wurde. Das sind 1 Million verkaufte Exemplare (in den USA). Dieses Album thematisierte seine Beziehung zu Gott und «You gonna serve somebody» wurde zum Hit. Viele Christen triumphierten und «vereinnahmten» den berühmten Musiker für ihre Zwecke. Doch Dylan grenzte sich schnell ab. Er meinte, er habe sich nun zum Thema seines Glaubens geäussert. Und wandte sich nach Veröffentlichung von «Saved» im gleichen Jahr – das Cover dazu stammt übrigens von Dylan selber – in den nächsten Alben wieder anderen Facetten des (Zusammen-) Lebens auf dieser nicht immer so rund laufenden Erde zu.

Nicht von dieser Welt?
Er ist vom Glauben abgefallen!, hörte man da und dort munkeln. Wirklich? Warum sollten denn gut formulierte Sozialstudien, komplizierte Beziehungstexte und protestierende Aufschreie über himmelschreiende Ungerechtigkeiten weniger mit Gott und seinen Geschöpfen zu tun haben als Glaubenstexte? Ist nicht gerade das Gegenteil der Fall? Das sind Lieder, in denen sich die Menschen wiederfinden. Ihr Schmerz, ihre Emotionen, ihre Sehnsüchte werden lebendig. Wohl deshalb lieben sie den Poeten so. Dass bis heute viele seiner Texte wie selbstverständlich spirituelle Dimensionen mit einschliessen, empfinden seine Hörer offenbar nicht als störend. Anders läuft es bei vielen Versuchen, «christliche» Lieder im säkularen Umfeld zu präsentieren. Offenbar werden diese Songs als «nicht von dieser Welt» erlebt und von Medien meist ignoriert. Eigentlich keine Überraschung, steht doch schon in der Bibel, dass wir zwar in – aber nicht von dieser Welt sind. Könnte es sein, dass wir hier etwas missverstehen? Jesus wurde mit seinen Worten, seinem Verhalten und seiner Liebe zu den Menschen zum Gesprächsthema Nr. 1. Sowohl einfache Menschen wie auch die Führungsriege der damaligen Zeit wurden von ihm gleichermassen aufgeschreckt und herausgefordert. Wie würde er sich wohl in der heutigen Kulturlandschaft präsentieren? Ich bin mir sicher, er wäre einer der meist beachteten Exponenten. Er würde unerwartete Kontraste setzen, Geschichten mit überraschendem Ausgang erzählen und mit Kunstaktionen – wie mit der Verwandlung von Wasser in Wein – Schlagzeilen machen. Eines seiner Markenzeichen wäre, dass er «mitten in dieser Welt» lebt.

Die Sehnsucht nach Gott wecken Szenenwechsel. In der NZZ vom 26. Oktober 2016 schrieb Martin Schäfer, der ausgewiesene Dylan-Kenner, einen Artikel mit dem Titel «Zwei Dichter besingen die Ewigkeit». Er bezog sich auf zwei neue CDs: «You want it darker» von Leonard Cohen und «Keep me Singing» von Van Morrison. Beiden ist eigen, dass für sie offenbar die spirituelle Dimension an Gewicht zunimmt. Der am 10. November des letzten Jahres verstorbene Cohen ist bereits 1984 mit seinem Song «Hallelujah» aufgefallen, der mittlerweile unzählige Male gecovert wurde. Der kanadische Jude Cohen hat, angeregt durch seinen Sohn Adam, für den Titelsong «You want it darker» gleich den Kantor und Chor der Montrealer Synagoge mit einbezogen. Schäfer schreibt: «Mehr denn je sind Cohens Songs Gebete und das ‹Du›, das angeredet wird, ist immer wieder kein irdisches… .» Ahnte Cohen seinen nahen Tod? Dasselbe gilt auch für Morrison: In «Holy Guardian Angel» bittet er seinen Schutzengel um Beistand.
Dylan, Cohen und Morrison werden in Zeitungen besprochen. Man hört ihnen zu, sinniert über ihre Texte und versucht, sie zu deuten. Nur weil sie «berühmte» Musiker sind? Oder weil sie es weitaus besser verstehen als viele andere, übers Leben so zu schreiben, dass wir uns darin wiederfinden und die Sehnsucht nach Gott geweckt wird?


1  Wind heisst im Hebräischen «Ruach» und bedeutet auch Atem, Geist


Jean-Daniel von Lerber ist seit 30 Jahren Kulturagent; er leitet PROFILE Productions in Richterswil ZH.

jean@STOP-SPAM.profile-productions.ch 

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