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Freiheit und Selbstmanagement

Andere und sich selbst zur Freiheit führen

Interview: Hanspeter Schmutz Wer sich selbst führen kann, gewinnt mehr Freiheit. Davon ist der Autor und Dozent Thomas Härry überzeugt. Diese Haltungen kann man lernen — und auch in der Erziehung anwenden.

Magazin INSIST: Eltern sind anfangs voll und ganz für ihre Kinder verantwortlich. Das Erziehungsziel ist aber das mündige Kind. Welche sind die wichtigsten Zwischenstufen auf dem Weg der Erziehung zur Freiheit?
Thomas Härry: Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass Kleinkinder viel verlässliche Fürsorge, Geborgenheit, Liebe, Vertrauen usw. brauchen. Später ist wichtig, dass Eltern Jugendlichen Freiräume zugestehen und ihnen eigene (auch schwierige) Erfahrungen erlauben, aus denen sie lernen können. Eltern neigen dazu, ihre Kinder entweder zu vernachlässigen oder überzubehüten. Beides verhindert Reife und führt zu Konflikten. Der Hang zur Überbehütung – er ist bei christlichen Eltern besonders verbreitet – führt oft zu übertriebener Kon-trolle. Gerade Teenager brauchen aber ein bestimmtes Mass an Selbstbestimmung und Freiheit. Diese Spannung halten manche Eltern nur schwer aus. So sehr diese Dinge zählen, etwas ist meiner Meinung nach noch ausschlaggebender, damit aus Kindern freie, mündige Menschen werden. Der wichtigste Erziehungsbeitrag der Eltern besteht nicht in pädagogisch richtig angewendeten Methoden, sondern in der Arbeit an sich selbst. In den Jahren der Erziehungsarbeit sollten Eltern ihre grösste Aufmerksamkeit darauf richten, dass auch sie selbst ganzheitlich reifen: emotional, zwischenmenschlich, im Glauben sowie im Bewältigen von Krisen und Herausforderungen. Jugendliche brauchen nicht in erster Linie Erziehungskonzepte, sie brauchen gefestigte Persönlichkeiten an ihrer Seite, auf die sie sich verlassen können. Gefestigte Erwachsene sind – unabhängig von ihren pädagogischen Fähigkeiten – noch immer die besten Begleiter und Erzieher.

Eltern beeinflussen ihre Kinder mit ihrem Vorbild – auch in religiöser Hinsicht. Auch in der religiösen Erziehung ist aber das Ziel, dass die Kinder zu mündigen Christen heranwachsen und einen freien Entscheid für oder gegen den Glauben treffen können. Was gilt es zusätzlich zu beachten, damit dies gelingen kann?
Viele christliche Eltern tun sich an dieser Stelle schwer. Wenn Kinder als junge Erwachsene ihren Glauben nicht teilen, interpretieren sie dies als Versagen in der Erziehung. Den daraus resultierenden Druck geben viele in Form von ausgesprochenen oder unterschwelligen Erwartungen an ihre Kinder weiter. Resultat: Die Kinder distanzieren sich noch mehr. Sie merken intuitiv: «Die Annahme bei Mama und Papa ist an die Bedingung geknüpft, dass wir uns für ihren Glaubensweg entscheiden.» Eltern müssen loslassen. Es ist Gottes gnädiges Werk, wenn Menschen den Glauben finden. Eltern dürfen darauf vertrauen, dass nicht vergeblich war, was sie ihren Kindern mitgegeben haben. Auch hier gilt: Dass die Eltern selber den Weg des Glaubens weitergehen und ihn lebendig gestalten, ist wichtiger als die Frage, ob ihre Kinder mit 18 Jahren Jungscharleiter sind oder sich in einer Musikband im Gottesdienst engagieren.

Wer andere führen will, muss sich selbst führen können. Inwiefern stimmt das?
Wir haben es hier mit einer zentralen Lebensweisheit zu tun, die uns die Bibel an vielen Stellen vermittelt. Ich kenne keine geschichtliche oder zeitgenössische Führungspersönlichkeit, die andere Menschen auf gute Weise führte, ohne dabei einem inneren Kompass an lebensfördernden Leitideen und Werten zu folgen. Wer ohne sie führt, endet früher oder später im Chaos oder als Despot. Gute Führung ist nichts anderes als ein äusserer Ausdruck innerer Klarheit, die sich mit praktischer Führungskompetenz verbindet. Je hilfreicher und Werte-geleiteter die innere Klarheit, umso grösser die Integrität und Vorbildkraft einer Führungskraft.

Was hat das «Sich-selbst-führen-Können» mit Freiheit zu tun?
Sehr viel. Beides gehört zusammen. Für mich als Christ beginnt Selbstführung mit der mir von Gott zugesprochenen Erlaubnis, mein Leben zu gestalten. Im biblischen Schöpfungsbericht beauftragt Gott den Menschen, zu herrschen. Er soll es tun, indem er seine Umwelt bebaut, bewahrt und benennt. Das gilt auch für sein eigenes Leben und seine Beziehungen zu andern. Dieses Mandat beinhaltet sowohl Verantwortung als auch Freiheit, die in paradoxer Weise zueinander gehören. Mich fasziniert, wie sehr uns Gott damit hochachtet und würdigt: Ich soll und darf als von Gott ermächtigter Mensch innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen Einfluss nehmen, kreativ gestalten und entscheiden! Wer das tut, führt sich selbst. Er nutzt den ihm anvertrauten Freiraum und bewirtschaftet ihn. Jeder Mensch kann das, egal ob er in einem Gefängnis sitzt oder Geschäftsführer einer Firma ist. Beide haben ihre Gestaltungsmöglichkeiten – die Frage ist, ob sie diese wahrnehmen und positiv nutzen.

Sobald wir in Gemeinschaft leben, sind wir voneinander abhängig. Wie können wir in diesen Abhängigkeiten uns selbst führen und frei bleiben?
Als Menschen prägen uns zwei wichtige Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Verbundenheit und Individualität. Wir suchen das Miteinander in Freundschaft, Familie und Gemeinschaft. Gleichzeitig möchten wir darin als eigenständige Personen akzeptiert sein. Reife heisst, dass es uns gelingt, beides in einer ausgewogenen Gleichzeitigkeit zu leben. Es ist wichtig, dass ich gemeinschaftsfähig bin; ich sollte mich darin aber nicht selbst aufgeben. Sich um des Friedens willen anpassen oder gar manipulieren lassen ist unreifes Beziehungsverhalten. Ich darf auch in verbindlichen Beziehungen eine eigene Meinung haben und sie äussern; ich darf eigene Entscheidungen treffen und eigenständig handeln. Genauso wichtig ist es, dass ich als eigenständiger Mensch nicht die Fähigkeit verliere, auf andere Menschen zuzugehen, gerade auch auf Andersdenkende. In Konflikten geschieht es leicht, dass wir eines dieser beiden Grundbedürfnisse über Bord werfen und in die Einseitigkeit fallen. Entweder trauen wir uns nicht mehr zu, deutlich zu machen, was wir denken und fügen uns in den Willen anderer. Wir versuchen damit das Miteinander auf Kosten unserer Eigenständigkeit zu bewahren. Oder wir tun das Gegenteil: Wir bestehen auf unserer anderen Meinung, grenzen uns ab und gehen auf Distanz zu allen, die unsere Ansicht nicht teilen. Hier versuchen wir, unsere Eigenständigkeit zu retten und geben das Miteinander preis. Beides sind unreife, aber weit verbreitete Reaktionsmuster in Familien, am Arbeitsplatz und in Kirchgemeinden. Wer sich selbst gut führt, sucht die Balance. Das ist ein lebenslanger Übungsweg, auf dem ich inmitten meiner Beziehungen immer wieder vor der Frage stehe: Wie kann ich inmitten meiner Familie, Freunde, Kirchgemeinde oder meines Arbeitsteams eigenständig denken, reden und handeln, ohne die Beziehung zu Personen aufzugeben, deren Sichtweise sich von meiner eigenen unterscheidet? Reife Beziehungen suchen nicht die Gleichschaltung, sondern Verbundenheit in der Vielfalt.

Wer sich selbst führen kann, kann andere besser zur Freiheit führen. Warum stimmt das?

Selbstführung heisst nicht nur, mir gegebene Freiräume verantwortlich zu füllen, sondern dasselbe auch meinen Mitmenschen zu erlauben. Ich erlebe das in meiner Ehe eindrücklich: Meine Frau und ich sind uns deshalb so nahe, weil wir einander ausreichend Freiräume zugestehen. Das ist eines der Geheimnisse, wie es sie in diesem Leben so viele gibt: Das Gewähren von Freiheit stärkt uns als Einzelne, und gleichzeitig stärkt es unser Miteinander. Ich glaube, dass letztlich jede reife und gute Beziehung so funktioniert – auch die zwischen Gott und uns Menschen.

 

Thomas Härry (Jg. 1965) wohnt mit seiner Frau in Aarau und hat drei Töchter. Er arbeitet als Dozent für Theologie, Gemeindearbeit und Leiterschaft am Theologisch-Diakonischen Seminar Aarau und ist Autor verschiedener Bücher zu Glaubens- und Lebensfragen.
t.haerry@STOP-SPAM.tdsaarau.ch

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