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Architektur

Geistreiche Architektur

Interview: Hanspeter Schmutz Die Architektin Anne-Lise Diserens arbeitet seit 26 Jahren im Leitungsteam des VBG-Fachkreises Architektur mit. Sie hat sich in diesen Jahren immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie eine christlich geprägte Architektur aussehen könnte.

Magazin INSIST: Sie waren als junge Architektur-Studentin geprägt von der 68er-Bewegung. Was waren Ihre damaligen Ideale in Bezug auf die Architektur?
Anne-Lise Diserens: Meine Studienzeit war geprägt von der Suche nach dem Ideal in der Architektur und in der Gesellschaft. So beschäftigten mich Themen wie: Sozialutopien, Fragen der Ökologie und Baubiologie, Bauen in Entwicklungsländern und Mitsprache der Bewohnerschaft bei Wohnbauten. Wir stellten alles Elitäre und Autoritäre in Frage und solidarisierten uns mit den sozial Schwachen. Wir machten uns Gedanken, wie der soziale Wohnungsbau noch optimierter auf die Bedürfnisse der Bewohnenden eingehen kann. Ich war auch Mitglied der interdisziplinär zusammengesetzten Arbeitsgemeinschaft für Umweltfragen (AGU).

Später fanden Sie zum christlichen Glauben. Was gab Ihnen den Anstoss, von diesem neuen Leben her auch über eine neue, vom christlichen Glauben geprägte Architektur nachzudenken?
Zuerst war ich drauf und dran, die Architektur aufzugeben und nun stattdessen Theologie zu studieren. Wie kann ich als Christin nur Architektur betreiben? Krankenschwester und Soziale Arbeit schienen da schon näher zu liegen. Aber die Architektur liess mich nicht los, und zusammen mit einem Kollegen gründete ich den VBG-Fachkreis Architektur. In diesem Kreis beschäftigen wir uns bis heute mit der Frage, was unser Beruf mit dem Glauben zu tun hat.

Wie hat sich Ihr Engagement seit Ihrer Studienzeit verändert?
Viele Themen meiner Studienzeit konnte ich wieder neu angehen, nun aber aus meiner christlich geprägten Sicht. Es ging mir nicht mehr darum, die ideale Gesellschaft, das Paradies «à tout prix» herstellen zu wollen, sondern darum, mit meinem Engagement für ein menschenwürdiges und umweltgerechtes Bauen ein Zeichen von Gottes Reich in dieser Welt zu setzen.

Unterdessen sind einige Jahre ins Land gegangen. Christliche Architektur heisst ja nicht, dass man nur noch Kirchen baut. Was macht aus Ihrer heutigen Sicht eine christlich geprägte Architektur aus?
Es geht immer um die Menschen, die hinter einem Bauwerk stehen: die Bauherren, die Architektinnen und Architekten sowie die vielen anderen Baufachleute. Welche Ziele verfolgen sie mit ihren Bauten? Sind sie auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet? Gehen sie schonend um mit der Schöpfung und den vorhandenen Ressourcen? Fühlen sich die Menschen durch die Ästhetik angesprochen? Ist eine «Vierte Dimension» im Raumempfinden erlebbar – eine, die über das rationale Empfinden hinausführt? Die Erfüllung möglichst vieler dieser Aspekte macht für mich eine christlich geprägte Architektur aus.

Welchen Rat geben Sie jungen Architektinnen und Architekten, die ihre Arbeit vom Glauben her anpacken wollen?

Geht euren Weg, indem ihr euch mit bestem Wissen und Gewissen vor Gott für euren Beruf einsetzt. Nehmt Kontakt auf mit anderen Architekten und Architektinnen, die versuchen, ihren christlichen Glauben im Beruf zu integrieren. Und: Kommt an Veranstaltungen des VBG-Fachkreises Architektur, wo wir uns diesbezüglich mit vielen Fragen auseinandersetzen und uns gegenseitig inspirieren!

 

Anne-Lise Diserens ist dipl. Architektin ETH, Erwachsenenbildnerin SVEB, pensionierte VBG-Mitarbeiterin und Mitglied im Leitungsteam des VBG-Fachkreises Architektur. Sie engagiert sich in der reformierten Kirche Zürich-Höngg, ist Lehrbeauftragte und Stadtführerin zu Themen von Architektur und Stadtentwicklung am Beispiel der Stadt Zürich und Organisatorin von Kulturreisen (www.atour.ch).
www.vbg.net/architektur

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