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Philosophie

Christentum und Dialektik

Alexander Arndt Der Begriff der Dialektik ist einer der ältesten der abendländischen Philosophie. Bei Platon noch vorwiegend Mittel einer kritischen Wahrheitsfindung durch die Behauptung des Gegenteils wird die Dialektik später immer mehr auch als im Wesen der Dinge selbst liegende Widersprüchlichkeit begriffen.

Allgemein bekannt ist sie durch den Dreitakt These-Antithese-Synthese. So bedingt die These, man müsse, um Freiheit zu verteidigen, militärisch intervenieren, die Antithese einer durch Krieg destabilisierten, weit unfreieren Staatenwelt. Unbeabsichtigte Konsequenzen wie Flüchtlingsströme, staatliche Verschuldung etc. führen selbst wieder zu einer neuen politischen Gesamtlage, für die eine adäquate Politik – die Synthese – noch gefunden werden muss.

Einen Begriff dialektisch entwickeln
Hegel, der wichtigste Philosoph des deutschen Idealismus begriff die Dialektik als einen Prozess der Ideen, bei welchem der «Weltgeist» zu sich kommen werde. Eine Idee wie «Freiheit» wird demnach zunächst nur dürftig begriffen – zum Beispiel als Freiheit nur für einige. Doch dem Begriff wohnt inne, dass er über sich hinausweist. Bald erkennen Menschen, dass auch anderen Freiheit zusteht, doch dazu muss eingesehen werden, dass die Beschränkung der eigenen notwendig ist – im Rahmen des Staates. Marx wollte dies «vom Kopf auf die Füsse» stellen. Das Bewusstsein werde durch die gesellschaftlichen Bedingungen bestimmt. Widersprüche innerhalb der materiellen Verhältnisse erzwängen qualitativ einen revolutionären Umschlag von der dominanten Form der Produktion zum Beispiel auf der Grundlage von Sklaven oder Leibeigenen in die nächste mit Maschinen und freien Lohnarbeitern. Verheissen wurde die Auflösung der Widersprüche in der Utopie – dem Kommunismus.

Ideologien erkennen
Theodor Adorno wiederum betonte die wechselseitige Durchdringung von Sein und Bewusstsein. In der «Dialektik der Aufklärung» wird aufgezeigt, wie der Versuch des modernen Menschen, sich über die Natur zu stellen und sie zu beherrschen, wiederum in neue Zwänge hineinführt, etwa denen des Marktes. Der Theologe Miroslav Volf sagt dazu: «Der Markt lockt einen in die Falle, zwingt einen, nach seinen Regeln zu handeln [...] und widersetzt sich dem Anspruch des einen Gottes, das ganze Leben zu bestimmen1» Die Starrheit des instrumentellen Denkens verwechselt Mittel und Zwecke. Markt wie Sabbat sollten dem Menschen dienen, nicht umgekehrt.
Um dieser Falle zu entkommen, empfahl Adorno verstärkte Reflexion. Anstatt das So-Sein unserer Begriffe hinzunehmen, gelte es, sich den Dingen «anzuschmiegen», die Begriffe zu «verflüssigen», sich ins «Kleinste zu versenken». «Zumutung der Dialektik» sei, so Adorno, «die überkommenen Denkgewohnheiten [...] über Bord [zu] werfen» und sie als ideologische zu erkennen2.

Dialektik des Evangeliums
Die berühmte Fangfrage der Pharisäer in Matthäus 22, die Jesus mit dem Doppelgebot der Liebe beantwortet, zeigt den wesentlich dialektischen Charakter des Evangeliums auf. Das Gesetz Gottes zu verstehen, verlangt, nicht das starre Wort in seiner menschlichen Auslegung zu beanspruchen, sondern sich dem lebendigen Wort – Massstab sind Liebe zu Gott und dem Nächsten – «anzuschmiegen». In der Geschichte des Christentums erhellen sich seine «Fehlfunktionen», so Volf, genau dort, wo es zum ideologischen System erstarrt – dem Gegenteil der Liebe. Doch Christus weist über das real-existierende Christentum immer wieder hinaus. In jeder Verhärtung wird das «Wort» irgendwann lebendig. Der Mensch denkt und Gott lenkt. Christliche Identität kann daher nur eine dialektische sein und muss sich im «steten Prozess des Werdens und Anders-Werdens befinden3


1  Miroslav Volf, «Öffentlich Glauben in einer pluralistischen Gesellschaft», 2015, S .59
2  Theodor W. Adorno, «Einführung in die Dialektik», 2015, S. 166
3  Tobias Faix und Tobias Künkler in: Volf, S. 28

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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